Ermittler betrachten Beweise am Tatort in Metairie (USA). | dpa

FBI-Gewaltstatistik 2020 Deutlich mehr Tötungsdelikte

Stand: 28.09.2021 10:50 Uhr

2020 gab es in den USA so viele Morde wie lange nicht mehr. Die Zahl der Tötungsdelikte stieg landesweit um 30 Prozent. Experten sehen die Gründe in der Pandemie, aber auch in den Folgen von George Floyds Tod.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

"Schockierende Statistik aus dem FBI", verkündet die Moderatorin in den CBS-Abendnachrichten: Die Zahl der Morde ist in den USA so stark angestiegen wie nie seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1960. Im vergangenen Jahr gab es landesweit 21.000 Tötungsdelikte - 30 Prozent mehr als 2019.

Julia Kastein ARD-Studio Washington

Aber auch wenn die Statistik vielleicht noch schockiert: Die Taten selbst sind meist nur noch eine kleine Meldung wert. Leiche mit Schusswunden im Flur eines Apartment-Komplexes gefunden, Mann in Auto erschossen, 23-Jähriger auf einem Parkplatz getötet, so die Kurz-Nachrichten über die Morde der vergangenen drei Tage im Lokalteil der "Washington Post".

Hohe Anstieg in Portland

Dabei ist der Anstieg der Tötungsdelikte in Washington und Umland mit 19 Prozent sogar noch vergleichsweise niedrig - in Portland an der Westküste stieg sie sogar um 83 Prozentpunkte. In New Orleans waren es 60 Prozent. "Fürchterlich" sei das, sagt der ehemalige Polizeichef der Stadt, Ronald Serpas, der heute als Kriminologe arbeitet, im Sender CBS.

Dreiviertel der Opfer kommen durch Schüsse ums Leben: Weil viele hochpotente Waffen im Umlauf sind und damit häufig wahllos in die Menge geballert wird, so Serpas.

Zahl der Verbrechen insgesamt zurückgegangen

Noch sind sich die Experten nicht einig, was genau zu dem Anstieg geführt hat. Denn insgesamt ist Zahl der Verbrechen in den USA 2020 zurückgegangen - etwa bei Raub und Eigentumsdelikten. Aber Gewaltverbrechen wie Mord und schwere Körperverletzung nahmen zu.

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Proteste in den USA nach dem Tod von George Floyd

Suche nach Ursachen

Zwei Aspekte hätten sicher eine Rolle gespielt, sagt Richard Rosenfeld, Kriminologe von der University of Missouri bei CNN: "Die Rekordzunahme im vergangenen Sommer fiel zusammen mit den sozialen Unruhen wegen Polizeigewalt nach dem Tod von George Floyd. Und natürlich auch mit der Pandemie."

Außerdem hätten sich noch mehr Menschen 2020 eine Waffe zugelegt. Und je mehr Menschen eine Waffe hätten, desto häufiger würde geschossen und umso mehr Menschen würden sterben.

Mehr als die Hälfte der Opfer sind Schwarze

Über 50 Prozent der Mordopfer im vergangenen Jahr waren Schwarze - obwohl sie nur rund 13 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Laut FBI-Statistik waren auch wenigstens ein Drittel der mutmaßlichen Täter Afroamerikaner.

Der schwarze Pastor Carl Day, der sich in Philadelphia gegen Waffengewalt engagiert, sagt bei CBS: "Viele Jungs erzählen mir, dass sich ihre bestem Freunde nicht mehr für Sport interessieren, sondern für Drogen, für Gewalt, dass sie sich Waffen zulegen."

Kriminologin sieht Mitverantwortung der Polizei

Aber auch die Polizei ist mitverantwortlich für die Entwicklung, so die Kriminologin Janice Iwana von der American University in Washington bei ABC:

Nach den Protesten sind zwei Dinge passiert: Polizisten haben Angst um ihr Leben und kommen ihren Aufgaben nicht mehr richtig nach. Und zweitens: das Vertrauen der Bevölkerung hat gelitten und deshalb rufen sie die Polizei erst gar nicht, wenn eine Situation kriminell werden könnte. Weil sie sich nicht sicher sind, was die Gesetzeshüter tun werden.

Behörde will nach Ursache forschen

Trotz deutlicher Zunahme sind die Mordraten noch deutlich unter dem Niveau der frühen 90er-Jahre. Aber die neue Chefin der obersten Gesundheitsbehörde CDC, Rochelle Walensky, spricht trotzdem von einer Gefahr für die öffentliche Gesundheit der USA.

Weil schärfere Waffengesetz politisch nicht durchsetzbar sind, will die CDC nun wenigsten Ursachenforschung betreiben - jahrelang hatte die US-Waffenlobby das erfolgreich verhindert. Und Walensky ist im CNN-Interview entsprechend vorsichtig:

"Ich weiß, dass Leute, die Angst vor dieser Art von Forschung haben, nach dem Wort Waffe immer schon das Wort Kontrolle hören. Aber mir geht es nicht um Waffenkontrolle. Mir geht es darum, Waffengewalt und den Tod durch Waffen zu verhindern."

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 28. September 2021 um 09:53 Uhr.