Ein Archivfoto vom 26.04.1989 zeigt Norma McCorvey (Pseudonym Jane Roe) mit ihrer Anwältin Gloria bei einer Protest-Demonstration vor dem Obersten Gericht in Washington, USA.  | picture alliance / Mark Reinstei

USA-Abtreibungsrecht Die Frau, die Jane Roe war

Stand: 22.01.2023 16:04 Uhr

Jane Roe hat mit ihrem Namen US-Geschichte geschrieben. Er ist Teil des legendären Urteils "Roe vs Wade", mit dem vor 50 Jahren das Abtreibungsrecht liberalisiert wurde. Doch auch Abtreibungsgegner versuchten, sie für sich zu gewinnen.

Von Claudia Sarre, ARD-Studio Washington

Es war ein Urteil wie ein Donnerschlag: Am 22. Januar 1973 entschied der Supreme Court, dass das Abtreibungsverbot in Texas verfassungswidrig sei.

Claudia Sarre ARD-Studio Washington

Der Richterspruch setzte Anti-Abtreibungsgesetze landesweit außer Kraft. Frauen wurde das Recht eingeräumt, über einen Schwangerschaftsabbruch selbst bestimmen zu dürfen - und zwar bis zur 24. Schwangerschaftswoche.

Klägerin war Norma McCorvey, besser bekannt als "Jane Roe" - ein fiktionaler Name, um ihre Identität zu schützen. Henry Wade war der Staatsanwalt, der den Bundesstaat Texas vertrat. Unter ihren Namen schrieb die Klage als "Roe versus Wade" in den USA Rechtsgeschichte.  

Nicht noch ein weiteres Kind zur Welt bringen

Norma McCorvey wächst in schwierigen Verhältnissen auf, zwei Kinder hat sie bereits zur Adoption freigegeben, als sie nochmal schwanger wird. Ihre dritte Schwangerschaft will sie unbedingt abbrechen und nimmt dafür Kontakt mit Abtreibungsrechtlerinnen auf.

Das Verfahren zieht sich. Für eine Abtreibung ist es irgendwann zu spät. Dass sie die Klage vor dem Supreme Court gewonnen hat, erfährt McCorvey aus der Zeitung.

Erst viel später, Ende der 1980er-Jahre, wird sie zur Ikone der "Pro-Choice"-Bewegung. Sie nimmt an Kundgebungen teil und gibt Interviews. "Frauen sollten das Recht auf Selbstbestimmung haben", sagt sie damals.

Norma McCorvey (Pseudonym Jane Roe) | picture alliance / Everett Colle

Ihr Kind brachte Norma McCorvey zur Welt - und doch stand ihr Name nahezu 50 Jahre für ein liberales Recht auf Abtreibung in den USA. Bild: picture alliance / Everett Colle

Auf einmal ein Sinneswandel?

1995 dann die überraschende Wende: Norma McCorvey wechselt die Seiten. Eine christliche Organisation namens "Operation Rescue" überredet sie, sich öffentlich gegen Abtreibung auszusprechen.

"Ich wurde Christin, habe mich taufen lassen und meine Meinung über Abtreibung geändert", erklärt McCorvey vor laufenden Fernsehkameras.

Ein nur scheinbarer Triumph

Für die radikalen Abtreibungsgegner ist sie ein Hauptgewinn, der "große Fisch", wie sie später, kurz vor ihrem Tod, im Dokumentarfilm "AKA Jane Roe" erzählt. Darin offenbart sie, dass sie nur wegen des Geldes die Seiten gewechselt habe. Angeblich zahlten ihr die Abtreibungsgegner 450.000 Dollar.

Es sei eine gegenseitige Sache gewesen, sagt sie. Sie habe das Geld genommen, und die anderen hätten sie vor die Kameras gestellt und ihr gesagt, was sie sagen soll.

Und das Kind?

2017 starb Norma McCorvey. Die Tochter, die sie damals abtreiben lassen wollte, Shelley Lynn Thornton, ist heute 51 Jahre alt. Bis 2021 lebte das sogenannte "Roe Baby" in Anonymität.

Erst als das Oberste Gericht im Juni vergangenen Jahres das Grundsatzurteil zum Recht auf Abtreibung von 1973 kippte, trat sie an die Öffentlichkeit. Ihre Meinung zum Thema Abtreibung behielt Thornton jedoch ganz bewusst für sich.