Aktivisten haben in New York auf die 5th Avenue vor dem Trump-Tower die Worte "Black lives matter" auf die Straße gemalt. | REUTERS

New York Eine Kommission für den Wandel

Stand: 03.04.2021 08:36 Uhr

Gerechtigkeit: Nicht weniger soll eine neue Kommission zwischen den ethnischen Gruppen in New York herbeiführen. Es geht um Chancengleichheit in allen Lebensbereichen - ein langer Weg für eine gespaltene Stadt.

Von Christiane Meier, ARD-Studio New York

"No justice, no peace!" - ohne Gerechtigkeit kein Frieden: Dieser Ruf hallte im vergangenen Sommer wochenlang durch die Straßen von New York, als Tausende gegen Polizeigewalt und  Rassismus protestierten. Verstummt ist er bis heute nicht. Jetzt will New York etwas gegen den strukturellen Rassismus unternehmen. Ganz offiziell und verbindlich.

Christiane Meier ARD-Hauptstadtstudio

Eine Gerechtigkeits-Kommission mit zwölf Mitgliedern soll Vorschläge ausarbeiten, die die Stadtverfassung gerechter machen und gleiche Chancen für alle Bürger garantieren sollen. Als Vorbild hat New York sich die Versöhnungskommissionen von Südafrika, Argentinien und Kanada gesucht. Sie soll, so der Auftrag, "das transformative Potential in diesem historischen Moment der Geschichte nutzen". Es ist die erste Kommission dieser Art im ganzen Land.

Die Kluft ist groß

Wie nötig das ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen: Im Staat New York herrscht die landesweit größte Ungleichheit der Einkommen, ein Prozent der Einwohner in New York City verdient 44 Mal so viel wie der Rest.

Der Bevölkerungsanteil schwarzer New Yorker spiegelt sich in ihrem Anteil an den Arbeitskräften, sie machen rund 21 Prozent aus. Und doch sind sie bei den besser bis hochbezahlten Jobs mit nur sieben bis acht Prozent vertreten. Und wenn schwarze New Yorker einen Job bei der Post, im Einzelhandel oder anderen Dienstleistungsbereichen haben, verdienen sie oft nur die Hälfte ihrer weißen Kollegen.

Rassismus richtet sich jedoch nicht nur gegen Schwarze: auch zwischen asiatischen US-Amerikanern und anderen People of Color gibt es gegenseitige Vorurteile - und strukturelle Diskriminierung.

Es beginnt schon bei den Kindern

Auch Kinder, die nicht weiß sind, werden von Anfang an benachteiligt. Der Zahlencheck zeigt: In den öffentlichen Schulen New Yorks sind vorwiegend schwarze und hispanische Kinder. Sie machen 74,6 Prozent der Schüler aus, weniger als zehn Prozent sind weiß.

34 Prozent der weißen Schulkinder hingegen besuchen Schulen, an denen mindestens 50 Prozent der Schüler weiß sind. Viele von ihnen besuchen extrem teure Privatschulen, die sich schwarze Familien und Latino-Familien meist nicht leisten können.

Demonstranten betrachten ein verbranntes Fahrzeug der New Yorker Polizei, auf dem ein Schild mit der Aufschrift "No Justice, no Peace" (Keine Gerechtigkeit, kein Frieden") liegt. | picture alliance/dpa/XinHua

Demonstranten betrachten ein verbranntes Fahrzeug der New Yorker Polizei, auf dem ein Schild mit der Aufschrift "No Justice, no Peace" (Keine Gerechtigkeit, kein Frieden") liegt (Bild vom 30.05.2020). Bild: picture alliance/dpa/XinHua

Umgekehrte Verhältnisse in den Gefängnissen

Chancengleichheit existiert weder auf dem Arbeitsmarkt, noch in der Bildung. Nur in einem Bereich liegen schwarze New Yorker ganz weit vorne: als Gefängnisinsassen. Eingesperrt durch eine rassistische Justiz, verfolgt von einer Polizei, deren Macht auf der Straße im Alltag kaum Grenzen kennt.

Aber wie soll das alles besser werden? Darüber zerbrechen sich die Kommissionsmitglieder die Köpfe. Den Vorsitz hat eine Frau, Jennifer Jones Austin, die eigentlich mit 170 evangelischen Gruppen in der Armutsbekämpfung arbeitet. Mit dabei sind Wohlfahrtsorganisationen, ein Theologe, ein Professor für Stadtentwicklung, Gewerkschaftsvertreter, ein Wirtschaftsprofessor, eine Bewährungshelferin.

Ein paar Ideen liegen schon auf dem Tisch: Angesehen werden sollen die Verteilung der Parks und des öffentlichen Nahverkehrs nach Stadtteilen, die Jobs bei der Feuerwehr - und überhaupt der gesamte Bereich der öffentlichen Arbeitgeber.

Mit "Baby Bonds" will Kommissionsmitglied Darrick Hamilton für gleiche Startchancen von der Geburt an sorgen: "Ohne Geld bleibt alles chancenlos ungerecht", sagt der Professor für Stadtentwicklung an der "New School".

Nachdenken über Entschädigungen

Auch Reparationszahlungen für die Folgen der Sklaverei werden zumindest angedacht - eine seit langem bestehende Forderung schwarzer Reformer und Bürgerrechtler. Eine nachhaltige Polizeireform und eine Reform des Justizwesens werden ebenfalls durchdacht. Möglicherweise entschuldigt sich New York sogar öffentlich und glaubwürdig für die Benachteiligung eines Teils seiner Bevölkerung.

New Yorker Polizisten setzen einen Demonstranten bei einer Demo gegen rassistische Gewalt fest | REUTERS

Polizeigewalt gegen Minderheiten ist nicht erst seit dem Tod von George Floyd ein Thema in den USA, und in New York schon gar nicht. Bild: REUTERS

Damit kann eine Kommission sich schon einige Jahre beschäftigen. Merkwürdig nur, dass sie ausgerechnet in den letzten Amtsmonaten von Bürgermeister Bill de Blasio eingerichtet wird. Acht Jahre hat er sich damit Zeit gelassen und die Zustände in der Stadt nicht bekämpft.

Nun will New York wieder ganz nach vorne - und nicht Teil des Problems sein, sondern Teil der Lösung. Den Rassismus in den Köpfen anzugehen, dürfte sich als die härteste Aufgabe erweisen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. April 2021 um 13:30 Uhr.