Proteste in Kuba | REUTERS

Mangelwirtschaft und Unterdrückung Landesweite Proteste in Kuba

Stand: 12.07.2021 05:33 Uhr

Der kommunistische Inselstaat steckt in der Krise. Die Pandemie hat die ohnehin schwache Wirtschaft weiter einbrechen lassen. Gegen die Regierung formiert sich nun Widerstand. Tausende gingen auf die Straße.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Tausende Demonstranten versammelten sich gestern auf den Straßen Kubas - in Havanna, Santiago de Cuba, bis hin zu Pinar del Río. "Libertad" skandierten sie - Freiheit. "Nieder mit der Diktatur, nieder mit dem Kommunismus" sangen sie in Sprechchören. Sie wollen einen Wechsel. Sie sind wütend über die andauernden Stromausfälle, den Mangel an Medikamenten, Nahrungsmitteln, die langen Schlangen vor den Läden, die Corona-Politik.

Anne Demmer

Auch die 28-jährige Historikerin Laura Vegas hat sich dem Protest angeschlossen. Vor ihrem Haus patrouillieren die Sicherheitskräfte. "Die speziellen Einsatztruppen der Regierung waren in zivil gekleidet. Sie zogen durch die Straßen und riefen: 'Wir sind Fidel'", berichtet sie. "Ich konnte nicht zu Hause bleiben. Ich bin einfach mit meinen Hausschuhen raus und bin bis in die Altstadt von Havanna gelaufen." Das waren fast sieben Kilometer Fußmarsch, wie sie am Telefon berichtete.

"Wir haben die Repression satt. Wir sterben vor Hunger. Wir haben nichts, wir haben keine Häuser. Aber die Regierung hat Geld, um Hotels zu bauen, und uns lassen sie hungern", sagt Geovanis Gonzalez wütend der Nachrichtenagentur Reuters. Zu den Anti-Regierungsprotesten hatten Aktivisten über die sozialen Netzwerke aufgerufen: Unter dem Hashtag #SOSCuba werden Videos geteilt.

Corona und Sanktionen

Die sozialistische Karibikinsel leidet unter einer schweren Wirtschaftskrise, den Folgen der Pandemie, dem US-Embargo. Die Touristen bleiben aus, die wichtigste Quelle für Devisen. Auch unter dem neuen US-Präsidenten Joe Biden wurden die Sanktionen nicht gelockert.

Auf die Proteste im ganzen Land reagierte der kubanische Präsident Miguel Díaz Canel prompt. In einer landesweit im Fernsehen und Radio übertragenen Rede an die Bevölkerung, machte er die USA für die Unruhen verantwortlich: "Wir werden nicht erleben, dass auch nur ein Konterrevolutionär, der sich an die USA verkauft hat, der Geld von ihnen erhält, unser Land destabilisiert. Wir rufen alle Revolutionäre, alle Kommunisten dazu auf - geht auf die Straße, geht dorthin, wo sich diese Provokationen abspielen. Heute und in den nächsten Tagen."

Fahrzeuge der Sicherheitskräfte patrouillierten mit Maschinengewehren durch die Straßen. In San Antonio de los Baños mischte sich der Präsident selbst unter seine Anhänger.

Krise, Mangel und Wut

Auf Bildern, die in den sozialen Netzwerken geteilt werden, ist zu sehen, wie Demonstranten von Sicherheitskräften in Zivil abgeführt werden. Unterstützer der kubanischen Regierung halten Knüppel in den Händen. Im Stadtteil 10. Oktober, der besonders von Armut und Gewalt geprägt ist, stürzten wütende Demonstranten einen Wagen der Polizei um. Der spanische AP-Fotograf Ramón Espinosa ist auf einem Foto mit Verletzungen zu sehen, sein Gesicht ist mit Blut verschmiert.

In den letzten Monaten hatten Künstler, u.a. von der Bewegung San Isidro, mit Protestaktionen und Hungerstreik Aufsehen erregt. Die Regierung ging immer wieder mit Verhaftungen und Hausarrest gegen sie vor. Dieses Mal sind es vor allem Menschen aus den ärmsten Vierteln, die sich den Demonstrationen anschließen, wie eine kubanische Journalistin über WhatsApp berichtet. Immer wieder werde das Internet eingeschränkt, berichtet sie.

Erst vor wenigen Monaten hatte Präsident Miguel Díaz Canel auch den Vorsitz der kommunistischen Partei übernommen. Er gilt als loyal und linientreu. Doch der Druck auf ihn wächst zunehmend: Die Krise, der Mangel, die Wut über die Repression treibt die Menschen auf die Straße.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. Juli 2021 um 05:52 Uhr.