Plakat zur Abstimmung über das neue Familienrecht auf Kuba | REUTERS

Reform des Familienrechts Kuba sucht das Glück für alle

Stand: 25.09.2022 05:06 Uhr

Per Referendum stimmen die Menschen in Kuba heute über ein neues Familienrecht ab. Es gilt als sehr fortschrittlich. Das Votum ist für die Staatsspitze aber ein Wagnis - nicht nur wegen der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare.

Von Markus Plate, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Im Falle einer Annahme reformiert Kubas neues Familienrecht das Adoptionsrecht, legalisiert Leihmutterschaft und künstliche Befruchtung, stärkt die Rechte von Frauen, älteren Menschen und Pflegenden und erhöht den Schutz vor häuslicher Gewalt. Es trägt auch der Tatsache Rechnung, dass in vielen Familien vier Generationen unter einem Dach leben, füreinander sorgen und sich die Kinderbetreuung teilen.

Doch gegen die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare stemmen sich nicht nur evangelikale Gemeinschaften und die katholische Kirche. Älteren Kommunisten passt die "Homo-Ehe" oft nicht ins revolutionäre Weltbild.

Für viele junge Menschen wie die Mittzwanzigerin Osorio ist die Öffnung dagegen überfällig. "Ich will mit einer Frau eine Familie gründen, gerne ein Kind mit ihr haben können", sagt sie. "Ich möchte, dass meine Familie und die Gesellschaft mich respektieren, statt verurteilt zu werden. Ich begehe ja kein Unrecht. Ich möchte nur glücklich in meiner Familie sein."

Kubas Präsident spricht von überfälligem Schritt

Die kommunistische Partei- und Staatsführung wünscht sich für das Vorhaben breite gesellschaftliche Unterstützung. Über Tausende Diskussionsveranstaltungen flossen Änderungsvorschläge ein, Staats- und Parteimedien trommelten in zahllosen Sendungen und Artikeln für ein "Ja" im Referendum, parteinahe Organisationen demonstrierten für die Annahme.

Kubas Präsident und Parteichef Miguel Díaz-Canel setzte sich persönlich für die Reform des Familienrechts ein. Er nannte es einen überfälligen Schritt der Modernisierung. "Der Kodex schreibt nicht vor, dass es eine bestimmte Art von Familie geben muss; er erkennt alle an, die es gibt und die von der Liebe inspiriert sind", sagte der Präsident. "Daher ist es ein Akt der Ausgrenzung, die Existenz einer anderen Art von Familie zu leugnen. Ich glaube, dass Ausgrenzung schadet und uns zurückwirft."

Wagnis für die Regierung

Das Referendum stellt für die Regierung durchaus ein Wagnis dar - nicht nur wegen der Öffnung der Ehe. Der junge Universitätsprofessor Raúl Escalona brachte es kürzlich so auf den Punkt:

Ich glaube, dass die Novelle gerade wegen der tiefgreifenden Veränderungen, die sie in der kubanischen Gesellschaft anregt, Reaktionen hervorruft. Zum Teil motiviert durch den traditionellen Konservatismus, der lange Zeit bestimmte Verhaltensweisen gesellschaftlich ächtete. Aber es gibt auch Interessen, die die Debatte über das Familiengesetzbuch in eine Debatte über den kubanischen Staat an sich verwandeln wollen.

Opposition wirbt für Ablehnung

Durch den Exodus Zehntausender aus Kuba sind zahllose Familien in den vergangenen Jahren auseinander gerissen worden. Und nach den erneuten Protesten für einen Wandel auf Kuba im Juli sitzen immer noch Hunderte Menschen in Haft. Auch deswegen warben Exilierte und in Kuba lebende Oppositionelle für ein "Nein".

Aber im Falle der erwarteten Annahme des Familiengesetzes dürften sich viele auf Kuba fragen, warum es nicht auch auf anderen Politikfeldern in Zukunft mehr Beteiligung geben sollte.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. September 2022 um 08:00 Uhr in den Nachrichten.