Opal Lee, die "Großmutter von Juneteenth". | AFP

US-Feiertag Die wahre Bedeutung von "Juneteenth"

Stand: 19.06.2021 08:43 Uhr

Der 19. Juni ist jetzt ein nationaler US-Feiertag: Das Land erinnert damit an das Ende der Sklaverei. Für viele Afro-Amerikaner eine überfällige Genugtuung - und wenigstens ein kleiner Schritt auf dem Weg der Versöhnung.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Opal Lee heult vor Freude wie ein Wolf, als ihr ein Lokalreporter vor ein paar Tagen die frohe Botschaft überbringt: Der Kongress hat "Juneteenth", eine Abkürzung für "June Nineteenth", den 19. Juni, zum nationalen US-Feiertag gemacht. "Ich weiß gar nicht, was ich fühlen und sagen soll. Ich bin überwältigt und entzückt!", sagt die 94-Jährige aus Fort Worth, Texas.

Julia Kastein ARD-Studio Washington

Die Afro-Amerikanerin ist lange für diesen Tag marschiert, und zwar buchstäblich: Im Herbst 2016 machte sie sich zu Fuß auf den Weg nach Washington, D.C. Die ganzen 2250 Kilometer schaffte sie zwar nicht - aber jeden Tag zweieinhalb Meilen. Für sie war es auch ein Marsch gegen das Vergessen: An "Juneteenth" 1939, Opal war gerade zwölf Jahre alt, fackelte ein weißer Mob das Haus ihrer Eltern ab, um sie aus der Nachbarschaft zu vertreiben.

Ein Wandgemälde in Galveston, Texas. | AFP

Ein Wandgemälde in Galveston, Texas, fordert das Ende rassistischer Ungleichheiten. Bild: AFP

Texas als letzte US-Bastion der Quälerei

Für viele Afro-Amerikaner ist "Juneteenth" schon lange ihr eigentlicher Unabhängigkeitstag: An diesem Tag im Jahre 1865, der Bürgerkrieg war gerade zu Ende, ritt ein General der Unionstruppen in Galveston ein und verkündete: "Sämtliche Sklaven sind frei!" - Mit Verspätung, denn US-Präsident Abraham Lincoln hatte die Sklaverei schon über zwei Jahre zuvor per Proklamation abgeschafft.

Laut Legende hatten die Menschen in Texas das einfach nicht mitbekommen. Aber so war es nicht, sagt der Historiker Carroll Gibbs. Er hat sich auf die afro-amerikanische Perspektive auf die US-Geschichte spezialisiert: "Es gab schließlich Telegramme, es gab Zeitungen und es gab einen eigenen Code unter Afro-Amerikanern, mit dem sie Neuigkeiten austauschten."

Texas, das sich als letzte Südstaaten-Bastion für die Sklaverei verstand, sei einfach nicht bereit gewesen, kampflos aufzugeben. Und deshalb seien auch nach "Juneteenth" nicht alle Sklaven sofort und automatisch frei gewesen. Weder in Texas noch in anderen Bundesstaaten. Trotzdem sei "Juneteenth" ein wichtiger Termin, sagt der Historiker:

Er erinnert an das Ende der Sklaverei im damals größten Bundesstaat. Von da an wurde gefeiert, weil die Freude sich nicht zurückhalten ließ. Die Sklaverei in Texas war bitter und harsch gewesen. Und jetzt war sie vorbei.

Proteste nach Floyds Tod stießen Umdenken an

Anfangs war Juneteenth nur ein regionaler Feiertag in Texas: mit Barbecues und Paraden, mit Schönheits-Wettbewerben und Tanz. Inzwischen wird er von immer mehr Afro-Amerikanern und auch einigen Weißen im ganzen Land begangen. Fast alle Bundesstaaten würdigen das Datum schon seit Jahren, in Texas und sechs anderen Staaten ist es sogar schon ein offizieller Feiertag.

Im vergangenen Jahr, nach dem Mord an George Floyd, war "Juneteenth" vor allem ein Protesttag gegen Rassismus und Polizeigewalt und für Verteilungsgerechtigkeit. Ohne diese Proteste wäre "Juneteenth" jetzt wohl auch nicht Feiertag geworden, sagt Gibbs: "Es ist klar, dass die George-Floyd-Tragödie mehr öffentliche Aufmerksamkeit auf Afro-Amerikaner, auf ihre Lebensverhältnisse und ihre Geschichte gelenkt hat."

Im Juli 2020 war die Verankerung von "Juneteenth" als nationalem Feiertag noch im Kongress gescheitert. Diese Woche stimmten erst der Senat einstimmig und dann das Repräsentantenhaus mit großer Mehrheit dafür. Selbst der republikanische Senator Ron Johnson aus Wisconsin, der die Verabschiedung im Jahr zuvor noch verhindert hatte, stimmte diesmal dafür. Auch wenn er immer noch nicht versteht, warum das Ende der Sklaverei jetzt auf Kosten der Steuerzahler gefeiert werden müsse, wie er anschließend schriftlich erklärte.

US-Präsident Joe Biden schenkt Opal Lee den Füller, mit dem er die Ernennung des 19. Juni zum Nationalfeiertag unterzeichnet hat. | AFP

US-Präsident Joe Biden schenkt Opal Lee den Füller, mit dem er die Ernennung des 19. Juni zum Nationalfeiertag unterzeichnet hat. Bild: AFP

"Erinnern allein genügt nicht"

Zur Unterzeichnung des Gesetzes am Donnerstag hatte US-Präsident Joe Biden auch Opal Lee, die Großmutter der "Juneteenth"-Bewegung, eingeladen und schenkte ihr anschließend den Unterschriften-Füller. Dieser Feiertag wäre ohne den Einsatz der Texanerin nicht Gesetz geworden, erklärte Biden: "Sie sind eine bemerkenswerte Frau!"

Aber Erinnern alleine genüge nicht. Schließlich habe das Ende der Sklaverei nicht die versprochene Gleichstellung von Afro-Amerikanern gebracht. Die gebe es immer noch nicht, sagte der Präsident: "Solange dieses Versprechen nicht erreicht ist, für alle Menschen in diesem Land, ist der Kampf nicht zu Ende. Und das ist die wahre Bedeutung von 'Juneteenth'".

An diesem Wochenende wird landauf, landab gefeiert - mit Straßenfesten, bei Paraden, Vorlesungen und auch mit Demonstrationen, beispielsweise gegen die geplanten Wahlrechtsverschärfungen in einigen Bundesstaaten.

Weil der Feiertag auf einen Samstag fällt, hatten die meisten zwei Millionen Bundesbediensteten schon am Freitag einen unverhofften freien Tag. Opal Lee feiert zu Hause in Fort Worth - und kann, statt zu marschieren, diesmal die Füße hochlegen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 19. Juni 2021 um 07:51 Uhr.