Das Bitcoin-Symbolschild wird poliert - aber Glück hat es dem Land nicht gebracht. | Marie-Kristin Boese
Analyse

Ein Jahr nach Einführung El Salvadors geplatzte Bitcoin-Blase

Stand: 07.09.2022 12:59 Uhr

Ein Jahr nach Einführung des Bitcoin als Zahlungsmittel nutzt in El Salvador kaum einer die Kryptowährung. Stattdessen haben sich die Probleme des Landes noch verschärft und "Startup-Präsident" Bukele regiert unberechenbar.

Von Marie-Kristin Boese, ARD-Studio Mexiko

Mónica Díaz kann sich nicht erinnern, wann zuletzt ein Kunde mit Bitcoin gezahlt hat. In ihrem Elektrogeschäft in San Salvador akzeptiert sie die Kryptowährung zwar - aber niemand interessiere sich dafür, sagt sie. Vor einem Jahr gaben die Kunden immerhin die 30 Dollar Startguthaben aus, die ihnen die Regierung beim Download der Chivo-App in Bitcoin schenkte. Mit der App werden in El Salvador Bitcoin-Geschäfte abgewickelt - und 30 Dollar sind hier eine Menge Geld. Seitdem allerdings herrscht Bitcoin-Flaute.

Marie-Kristin Boese

Ein Jahr nach der Einführung als Zahlungsmittel ist die Bilanz ernüchternd. Präsident Nayib Bukele versprach zwar vollmundig mehr Investitionen und Wohlstand. Die Kryptowährung sollte helfen, die Ungleichheit zu bekämpfen und Jugendliche ohne Perspektive und ohne Bankkonto davon abhalten, sich kriminellen Banden anzuschließen. Doch fast nichts davon hat sich erfüllt, kritisiert Ökonom Ricardo Castaneda vom Instituto Centroamericano de Estudios Fiscales: "Wir haben sehr viel Propaganda erlebt und wenig Ergebnisse."

Mónica Díaz | Marie-Kristin Boese

Im Laden von Mónica Díaz gaben Kunden ihr Startguthaben in Kryptowährung aus - danach zahlte kaum mehr jemand damit. Bild: Marie-Kristin Boese

"CEO" Bukele hat nicht geliefert

Bukele, der sich selbst als "CEO von El Salvador" bezeichnet, ficht die Kritik nicht an. Vor seinen Anhängern legt er dramatische Auftritte als Avatar hin und träumt von einer Bitcoin-Stadt, einer Art Sonderwirtschaftszone, in der Investoren kaum Steuern zahlen. Die Energie fürs Schürfen der Digitalwährung soll der Conchagua-Vulkan liefern. Die Krypto-Gemeinde feiert Bukele dafür und ist überzeugt, der Bitcoin könne El Salvador aus der Misere helfen.

Die Menschen im Land dagegen waren von Beginn an skeptisch. Ein Teil der Landbevölkerung hat nicht mal Zugang zu Elektrizität, geschweige denn zu einem Handy oder Datenvolumen. Nur ein kleiner Teil kann Geld langfristig investieren, noch dazu in eine hoch volatile Währung. Drei Millionen Menschen sollen die Chivo-App zwar heruntergeladen haben - aber oft nur, um das Startgeld einzustreichen.

Dass der Kurs unter die Marke von 20.000 US-Dollar abrutschte, befeuert zusätzlich die Angst vor der Kryptowährung. 70 Prozent der Menschen arbeiten im informellen Sektor, ohne Arbeitsvertrag und Absicherung. "Wenn sie 25 Cent verlieren, kann das bedeuten, dass sie nichts zu essen kaufen können", erklärt Ökonom Castaneda.

Bitcoin-Investition zu riskant

Mónica Díaz aus dem Elektroladen hatte aus Spaß 20 Dollar in Bitcoin gesteckt. Als die sich im Wert halbierten, tauschte sie den Rest schnell in harte Währung um. Dass der Staat Steuergeld in Bitcoin investiert, findet sie fragwürdig. Zumal nicht transparent ist, was das Abenteuer El Salvador kostet.

Der Präsident, der am liebsten per Twitter kommuniziert, hatte verbreitet, dass das Land gut 225 Millionen Dollar investierte. Das entspricht den Mitteln der einzigen öffentlichen Uni des Landes oder einem Viertel des Budgets des Gesundheitsministeriums - und das in Pandemie-Zeiten, rechnet Ökonom Castaneda vor. Durch die Kurs-Abstürze habe das Land theoretisch 60 Millionen Dollar verloren. Mittel, die man in Bildung oder den Kauf von Lebensmitteln stecken könnte.

Und auch das Versprechen von mehr Investitionen habe sich nicht erfüllt. El Salvador habe in der ersten Jahreshälfte die wenigsten ausländischen Investitionen in Mittelamerika angezogen, sagt Castaneda: "Die Investoren sehen ja auch, was hier im Land passiert."

Ricardo Castaneda | Marie-Kristin Boese

Experte Ricardo Castaneda zieht eine düstere Bilanz der Bitcoin-Einführung. Bild: Marie-Kristin Boese

Justiz-Willkür allgegenwärtig

Tatsächlich regiert Präsident Bukele unberechenbar. Zu Beginn seiner Amtszeit wechselte er unliebsame Richter aus. Immer wieder schüchtert er kritische Journalisten ein. Und im Kampf gegen Bandengewalt verhängte Bukele Ende März einen Ausnahmezustand, der nun Monat um Monat verlängert wird. Das Versammlungsrecht ist seitdem eingeschränkt und Polizisten können Verdächtige ohne Begründung festnehmen. In fünf Monaten wurden laut Behörden 50.000 Menschen festgenommen.

Das regierungskritische Online-Portal "El Faro" hatte berichtet, dass zahlreiche Verhaftungen willkürlich seien. Vor Gefängnissen versammeln sich Angehörige, die Informationen über ihre inhaftierten Familienmitglieder verlangen. Wie Francisco Portillo, dessen Tochter Anfang Mai mitgenommen wurde, wegen angeblicher Banden-Mitgliedschaft. "Wir wissen nicht, wie es ihr geht, ob ihr etwas fehlt", klagt er, "selbst die Generalstaatsanwaltschaft weigert sich, uns Informationen zu geben."

Teil des Problems statt der Lösung

Passt der Bitcoin zu einem Land wie El Salvador? Ökonom Castaneda findet klar "nein": Einerseits, weil Institutionen ausgehöhlt werden und die Korruption nicht entschieden bekämpft werde. Anderseits wegen der Finanzprobleme - die Kryptowährung entpuppe sich hier nicht als Lösung, sondern Teil des Problems.

Wenn El Salvador einen Kredit brauche, müsse das Land wegen seines Risikoprofils nun deutlich höhere Zinsen zahlen, sagt Castaneda. Unterdessen hätten zwei Millionen Menschen nicht mal genug Geld, die nötigsten Lebensmittel zu kaufen.

Wem aber nützt die Kryptowährung und wer verliert? Nach einem Jahr analysiert Castaneda es so: Gewonnen haben die Erfinder der Chivo-App und diejenigen, die die Bitcoin-Automaten aufgestellt haben. Verlierer seien dagegen alle Bürger von El Salvador, deren Steuergeld für das Experiment eingesetzt wurde.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 07. September 2022 um 12:35 Uhr.