Joe Biden | AFP

Biden-Rede in Philadelphia Konfrontation statt Konsens

Stand: 02.09.2022 05:44 Uhr

In nicht einmal zehn Wochen wird in den USA gewählt. Im Wahlkampf sucht der US-Präsident Streit mit dem Trump-Lager, dem er Extremismus vorwirft. Bei seiner Rede vor historischer Kulisse in Philadelphia präsentierte sich Biden ungewohnt aggressiv.

Von Sebastian Hesse, ARD-Studio Washington

Die Zeiten, in denen es Joe Bidens oberste Priorität war, das gespaltene Land zu einen und die Bitternis der Trump-Jahre zu überwinden - spätestens seit seiner Rede in Philadelphia sind sie endgültig passé. Zur besten Sendezeit war ein ungewohnt aggressiver US-Präsident zu erleben, der seinen Gegnern nichts schenkte.

Sebastian Hesse ARD-Studio Washington

"Donald Trump und seine Gefolgsleute verkörpern einen Extremismus, der die Fundamente unserer Republik bedroht!" Harter Tobak - doch der Attackierte dürfte sich die Hände gerieben haben. Trump hat noch nicht einmal seine Kandidatur für 2024 erklärt; doch das Scheinwerferlicht strahlt ausschließlich auf ihn.

Es sei keine Frage, dass die republikanische Partei dominiert und eingeschüchtert sei von Trump und den MAGA-Republikanern. MAGA ist das gängige Kürzel für Trumps Wahlkampfslogan "Make America Great Again!"

US-Präsident Biden kam mit seiner Ehefrau Jill zur Rede in Philadelphia. | AP

Philadelphia gilt als Wiege der US-Demokratie. Es ist also kein Zufall, dass Biden - hier mit seiner Ehefrau Jill - sich die Stadt für die Rede ausgesucht hatte. Bild: AP

Republikaner erinnern an Trump-Razzia

Es war abzusehen gewesen, dass Biden schwere verbale Geschütze auffahren würde. Deswegen hatten die Republikaner in Gestalt ihres ehrgeizigen Fraktionsvorsitzenden im Repräsentantenhaus, Kevin McCarthy, bereits eine Art vorgezogene Gegenrede vorbereitet.

Biden und das "politisch missbrauchte Justizministerium" hätten einen Überfall auf das Privathaus ihres wichtigsten politischen Rivalen Donald Trump verübt, so McCarthy. Das sei ein Angriff auf die Demokratie.

Bei dem Schlagabtausch ging es also um die Deutungshoheit.

McCarthy fordert Entschuldigung

"Demokratie kann nicht überleben, wenn eine Seite glaubt, dass nur zwei Wahlausgänge möglich sind: Entweder sie gewinnt oder sie ist um ihren Sieg betrogen worden", so Biden, "und da stehen heute die MAGA-Republikaner!" Wenige Tage zuvor hatte Biden diese als "Halb-Faschisten" bezeichnet. Das ist eine ungewöhnlich drastische Wortwahl für den eher sanftmütigen Präsidenten.

Weshalb ihm Top-Republikaner McCarthy einen Ratschlag erteilte. "Die ersten Sätze seiner Rede sollten eine Entschuldigung sein bei den Millionen von Amerikanern, die er als Faschisten diffamiert hat", so sich McCarthy. Der Fraktionschef hatte sich nach dem Sturm aufs Kapitol kurzzeitig von Trump abgewandt, sich dann aber wieder angenähert. Um die Einheit der Partei zu wahren.

In zehn Wochen wird gewählt

Biden jedoch setzte den Keil an. "Nicht jeder Republikaner, nicht einmal die Mehrheit der Republikaner, ist MAGA-Republikaner und vertritt die Extrem-Ideologie", glaubt der Präsident, der jetzt voll auf Konfrontation statt Konsens setzt.

Der Lackmustest für diese Wahlkampfstrategie nähert sich im Sauseschritt. In weniger als zehn Wochen wird gewählt in Amerika. Der Wahlkampf ist eröffnet!

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. September 2022 um 08:00 Uhr sowie mdr Aktuell um 08:12 Uhr.