Afghanische Soldaten an einem Checkpoint in Kabul. | Bildquelle: AP

Afghanistan Wenig Vertrauen in die eigene Armee

Stand: 22.12.2018 10:31 Uhr

Afghanistans Regierung macht in Optimismus: Auch nach einem möglichen Abzug von US-Soldaten werde man die Sicherheit im Land gewährleisten. Das überzeugt längst nicht jeden im Land.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Südasien

Gebannt schauen die Männer auf die Fernsehnachrichten. Die Sprecherin erzählt, dass die USA erwägen, die Hälfte ihrer Soldaten aus Afghanistan abzuziehen. Mitten in Kabul diskutieren sie die neuesten Meldungen. "Wenn die US-Truppen hier endlich abziehen, dann kehrt wieder Frieden ein", hofft Sadruddin. "Seit die hier sind, gab es nur Krieg, und die Sicherheitslage hat sich verschlechtert."

So war auch die erste Reaktion der afghanischen Regierung ausgefallen. Einer der Sprecher hatte bei Twitter geschrieben, dass sie ja schon seit vier Jahren die Kontrolle hätten; falls US-Soldaten abgezogen würden, stelle dies keine Gefahr für die Sicherheitslage dar.

Sadruddins Tischnachbar in dem Kabuler Restaurant ist da ganz anderer Meinung. "Wenn die US-Truppen hier rausgehen, wird die Sicherheitslage noch viel schlimmer. Dann werden die Taliban weitere Provinzen erobern, weil die afghanischen Sicherheitskräfte uns noch nicht alleine verteidigen können."

Afghanische Soldaten bei einer Übung in Kabul | Bildquelle: AP
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Was hat die Ausbildung afghanischer Soldaten gebracht? Viele halten sie im Kampf gegen die Taliban für überfordert.

US-Armee ist skeptisch

Ähnlich sieht das auch der Armeechef der Vereinigten Staaten. Anfang Dezember sagte General Joseph Dunford, die Afghanischen Sicherheitskräfte seien derzeit ohne die 14.000 US-Soldaten nicht in der Lage, ihr Land zu sichern.

Der politische Analyst Shadi Khan Saif kommt deshalb zu dem Schluss, der Sprecher des Präsidenten spiele die Konsequenzen eines Abzuges herunter. Und er erinnert daran, dass Präsident Aschraf Ghani vor Kurzem noch gesagt habe, Afghanistan wäre ohne die internationale Unterstützung "nicht einmal für wenige Monate überlebensfähig".

Viele Soldaten wurden abgezogen

Es gab Zeiten, in denen mehr als 100.000 internationale Soldaten im Land waren, die eine Demokratie schützen sollten und eine Rückkehr der Taliban verhindern wollten. Ende 2014 wurden die meisten von ihnen abgezogen.

Die afghanischen Sicherheitskräfte übernahmen das Kommando und verloren innerhalb von drei Jahren rund 28.000 Männer. Das sind im Schnitt 777 Mann im Monat.

Die Taliban profitieren

Die Taliban haben seitdem wieder mehr an Einfluss gewonnen. Sie fordern einen kompletten Abzug der ausländischen Truppen und begrüßen es natürlich, dass nun vielleicht die Hälfte der US-Truppen schon bald Afghanistan verlassen.

Der Sonderbeauftragte der Vereinten Nationen für Afghanistan, Tadamichi Yamamoto, sagt, der Friedensprozess im Land sei noch nie so greifbar gewesen wie derzeit. Tatsächlich gab es in den letzten Monaten einige Treffen zwischen den Taliban und Vertretern der USA. Mit der afghanischen Regierung allerdings wollen die Islamisten bislang immer noch nicht an einem Tisch sitzen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. Dezember 2018 um 08:43 Uhr.

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