Anschlagsort in Maidan (Afghanistan) | Bildquelle: AP

Lage in Afghanistan Vertrauen in Regierung schwindet

Stand: 23.01.2019 13:58 Uhr

Nach dem Angriff der Taliban auf einen Geheimdienst-Stützpunkt in Afghanistan mit vielen Toten vertraut die Bevölkerung immer weniger der eigenen Regierung. Die Menschen hoffen auf Frieden im Land.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu Delhi

Der Angriff der Taliban auf die Militärbasis in der Provinz Wardak ist das Thema in den Tageszeitungen, die in den Kiosken der afghanischen Hauptstadt Kabul ausliegen. Vier Angreifer hatten es geschafft, ein schwer bewachtes Ausbildungszentrum für afghanische Sicherheitskräfte in Schutt und Asche zu legen und viele Soldaten zu töten. Nach offiziellen Angaben sind 36 Sicherheitskräfte getötet und etwa 60 verletzt worden. Andere Quellen sprechen von deutlich mehr Opfern.

Bewohner wollen echten Frieden

Nach dieser Machtdemonstration der Taliban schwindet das Vertrauen der afghanischen Bevölkerung in die Fähigkeit der Regierung, für Sicherheit im Land zu sorgen. Ahmad Shah, ein Einwohner von Kabul, sagt: "Rund 100 Leute wurden dort getötet, und niemand tut etwas dagegen. Wenn wir keinen Frieden in Afghanistan haben, wie sollen wir einfachen Menschen dann unser Land aufbauen?" Für die Politiker sei das alles nur ein Spiel, aber die Bewohner wollten einen echten Frieden und eine Zukunft für das Land.

Dabei gibt es seit Monaten Bemühungen, den Krieg in Afghanistan auf politische Weise zu beenden. Die USA und die Taliban-Führung in Katar sind schon mehrmals zu Gesprächen zusammengekommen.

"Was wollen die Taliban eigentlich?"

Wie passe das denn zusammen, fragt nicht nur der afghanische Militärexperte, Mirza Mohhamad Yarman, der einst stellvertretender Innenminister war. "Die fahren ein mit Sprengstoff voll beladenes Fahrzeug in einen Militärstützpunkt, sprengen das Ganze in die Luft und töten dabei so viele Leute. Da fragt man sich, was wollen die Taliban eigentlich?" Wenn jemand regieren oder an der Regierung beteiligt werden wolle, der könne nicht die Leute töten.

Taliban-Mitglieder in Afghanistan | Bildquelle: REUTERS
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Die Taliban terrorisieren immer noch das Land.

Taliban-Führung spricht nur mit USA

In Katar traf sich in den vergangenen Tagen der US-Sondergesandte, Zalmay Khalilzad, mit der Taliban-Führung zu einer weiteren Gesprächsrunde. Das Treffen war offenbar nur zustande gekommen, weil die USA einverstanden waren, auch den Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan auf die Tagesordnung zu setzen. Man müsse die Positionen aller Parteien berücksichtigen, hatte Khalilzad im Vorfeld des Treffens erklärt.

Die Taliban müssten aber auch zu direkten Gesprächen mit der afghanischen Regierung bereit sein, sagte er in einem Interview im afghanischen Fernsehsender TOLO News. Bisher lehnen sie dies ab.

Zalmay Khalilzad | Bildquelle: AFP
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Der US-Sondergesandte Khalilzad traf sich mit der Taliban-Führung.

Die Taliban hätten einen Fehler gemacht, sagt Khalilzad, als sie nicht mit der afghanischen Regierungsdelegation sprechen wollten. Alle an dem Treffen beteiligten Länder seien unzufrieden mit dieser Entscheidung gewesen und hätten darauf sehr negativ reagiert. Wenn die Taliban wirklich Frieden wollten, dann führe kein Weg daran vorbei, dass sie sich mit der Regierung an einen Tisch setzen.

Verschiedene Beobachter gehen jedoch davon aus, dass die Taliban seit der Ankündigung der USA, ihre Truppen in Afghanistan möglicherweise zu reduzieren, weniger kompromissbereit sind. US-Präsident Trump hatte Überlegungen über einen Abzug vor wenigen Wochen ins Gespräch gebracht. Die US-Regierung denke noch darüber nach, hatte Vize-Präsident Mike Pence bestätigt.

Furcht vor Macht der Taliban

Der US-Sondergesandte Khalilzad bekräftige im afghanischen Fernsehen, die USA ließen Afghanistan nicht im Stich: Wenn das Problem in Afghanistan nicht gelöst werde und der Krieg weitergehe, dann würde man an der Seite des afghanischen Volkes und der Regierung Afghanistans bleiben, erklärt Khalilzad.

Sollten die USA aus Afghanistan abziehen und mit ihnen auch die anderen ausländischen Truppen im Land - unter anderem die Bundeswehr, die mit bis zu 1300 Soldaten an der Ausbildungsmission Resolute Support beteiligt ist, dann, so fürchten viele, könnten die Taliban wieder an die Macht kommen in Afghanistan.

Frauen fürchten um Freiheiten

Vor allem viele Frauen fürchten, dass dann die Errungenschaften der vergangenen Jahre wieder zurückgedreht werden könnten. Unter der Herrschaft der Taliban zwischen 1996 und 2001 durften Frauen nicht arbeiten und mussten auf der Straße Burka tragen. Seitdem konnten viele Frauen, vor allem in Kabul, eine Ausbildung machen und im eigenen Job eigenes Geld verdienen. Doch bei den Gesprächen mit den Taliban über einen Frieden in Afghanistan könnten die Belange der Frauen leicht dem größeren politischen Ziel geopfert werden.

Afghanistan - Reaktionen auf Angriff der Taliban
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
23.01.2019 12:16 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Januar 2019 um 12:45 Uhr.

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