Bewaffnete Polizisten stehen vor einem Sikh-Tempel in Kabul,  der von Angreifern gestürmt wurde.  | Bildquelle: AP

Kabul Angreifer nehmen Geiseln in Sikh-Tempel

Stand: 25.03.2020 11:20 Uhr

In Afghanistans Hauptstadt Kabul haben Angreifer einen Sikh-Tempel gestürmt. Sie brachten mindestens 150 Menschen in ihre Gewalt, darunter auch Frauen und Kinder. Ein leitender Sicherheitsbeamter spricht auch von Toten.

Mehrere Angreifer haben im Zentrum Kabuls einen Sikh-Tempel gestürmt. Sie sollen mindestens 150 Menschen in ihre Gewalt gebracht haben. Darunter seien auch Frauen und Kinder, sagte ein Vertreter der Sikh- und Hindugemeinschaft im afghanischen Parlament der Nachrichtenagentur dpa. Die Gottesdienstbesucher gingen üblicherweise früh am Morgen in den Tempel. Eine weitere Politikerin bestätigte die Zahl der Geiseln. Ein großer Teil der Tempelbesucher habe sich aber in Sicherheit bringen können, sagte der Sprecher des Innenministeriums, Tariq Arian, dem Fernsehsender TOLO News.

Zwei Menschen seien bei dem Angriff getötet worden, wie ein leitender Sicherheitsbeamter mitteilte. Auch ein Vertreter der Sikh-Gemeinde sprach von Toten im afghanischen Fernsehen. Eine offizielle Bestätigung dafür oder verlässliche Zahlen über mögliche Opfer gibt es jedoch noch nicht.

Unklare Lage vor Ort

Mohammad Ajmal, ein Augenzeuge, der in der Nähe des Tempels einen Laden betreibt, berichtete einem Reporter der Nachrichtenagentur AP von einer Explosion, anschließend seien mindestens drei bewaffnete Männer auf das Tempelgelände gestürmt. "Ich war in meinem Laden, als es diesen gewaltigen Knall gab, dann waren Flammen über dem Tempel zu sehen und wenig später kamen die Sicherheitskräfte", sagte Ajmal. Das afghanische Fernsehen berichtete von Schüssen im Innern der Tempelanlagen.

Nach dem Angriff seien Sicherheitskräfte am Ort des Geschehens eingetroffen. Auch Soldaten der NATO-Truppen in Afghanistan seien beteiligt, hieß es. "Der erste Stock des Tempels ist geräumt worden. Eine Reihe von Menschen wurde gerettet. Die Spezialeinheiten sind besonders vorsichtig, da es sich um einen zivilen Bereich handelt. Das Gebiet wurde abgeriegelt", sagte ein Sprecher des Innenministeriums.

Bislang gebe es keine Nachrichten aus dem Inneren des Tempels. "Ich kenne keine Einzelheiten, vor allem nicht die Zahl der Angreifer. Leider leben auch Familien in der Nähe des Gotteshauses", sagte Anarkali Honaryar, Sikh-Politikerin und Mitglied des afghanischen Parlaments.

Die militant-islamistischen Taliban dementierten, für den Angriff verantwortlich zu sein, wie der Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid auf Twitter mitteilte.

Nur noch wenige Sikhs leben in Afghanistan

Die Sikhs in Afghanistan sind eine religiöse Minderheit, zu der rund 300 Familien gehören - knapp 1000 Familienmitglieder leben nach Angaben von Sikh-Politikern noch im Land. Im Jahr 2018 wurden bei einem Selbstmordanschlag durch die Terrorgruppe "Islamischer Staat" in der östlichen Provinz Nangarhar mindestens 19 Menschen getötet, darunter mehrheitlich Mitglieder der Sikh-Gemeinschaft. Viele Anhänger des Sikhismus verließen daraufhin das Land.

Afghanistan kämpft derzeit mit wiedererstarkenden Aufständischen, politischem Stillstand, massiven Kürzungen an US-Hilfen, einem stockenden Friedensprozess und einer wachsenden Zahl an Coronavirus-Infektionen.

Mit Informationen von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi.

Afghanistan: Angreifer nehmen mindestens 150 Geiseln in Sikh-Tempel in Kabul
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
25.03.2020 09:42 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. März 2020 um 08:00 Uhr.

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