Der abgeschobene Afghane Atiqullah kommt am Flughafen in Kabul an | Bildquelle: AFP

Abgeschobene Afghanen Die Angst ist zurück

Stand: 15.02.2017 10:48 Uhr

Die Abschiebungen nach Afghanistan sind umstritten, das Land ist alles andere als sicher. Wie geht es den Menschen, die Deutschland in den letzten Wochen verlassen mussten? J. Webermann hat zwei junge Afghanen besucht. Er traf zwei Männer zwischen Angst und Resignation.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Dehli

Es sind Textnachrichten voller Wut, Trauer und Schmerz, die zwischen Kabul und Hanau hin und hergehen, zwischen Matiullah und seiner deutschen Freundin: "Wir schreiben jeden Tag auf WhatsApp", sagt Matiullah. "Meine Freundin weint die ganze Zeit, warum die Deutschen so etwas mit mir gemacht haben." Auch er selbst stellt sich die Frage immer wieder.

Der 22-Jährige wurde Mitte Dezember nach Afghanistan abgeschoben. In Hand- und Fußschellen, bis Kabul begleitet von drei Polizisten. Dabei habe er alles, "meine Miete, meine Sachen selbst bezahlt - ich habe keine Hilfe vom Staat bekommen."

Schulabschluss und Ausbildungsvertrag

Matiullah kann das belegen. Er zeigt den Schulabschluss, den Ausbildungsvertrag in einer Pizzeria, die Bescheinigung der Bewährungshilfe, den Mietvertrag, die Lohnabrechnungen. Auch Steuern hat Matiullah in Deutschland gezahlt.

Während der Flucht nach Europa vor sieben Jahren sei er tagelang eingezwängt gewesen, erst im Kofferraum eines Autos und dann im Lkw. Im Iran sei er verprügelt worden, sagt Matiullah. Ärzte bescheinigen ihm eine Depression. Zudem hat er Hepatitis. Auf einem Schreiben des Hanauer Krankenhauses steht, dass Matiullah in Afghanistan nicht ausreichend behandelt werden kann. Doch jetzt ist er in Kabul, antriebslos, ratlos.

"Ich muss überlegen, was ich mit meinem Leben machen soll. Ich muss Miete zahlen und meiner Familie helfen, denn ich bin der Älteste. Ich habe zwei Brüder und zwei kleine Schwestern", sagt Matiullah. "Ich will einfach arbeiten, egal als was. Wenn ich nichts habe, dann können die Geschwister auch nichts werden, ohne mich."

Fast täglich geht irgendwo eine Bombe hoch

Der 23-Jährige Atiqullah ist im Januar nach Afghanistan abgeschoben worden. Ein paar Wochen später wird er in Kabul bei einem Selbstmordanschlag von umherfliegenden Splittern im Gesicht verletzt. Die Explosion am Obersten Gericht habe seine schlimmsten Ängste bestätigt, sagt Atiqullah. Er sei nur hundert Meter vom Anschlagsort entfernt gewesen.

Eine Familie aus der Nähe von Bamberg hatte ihm Geld nach Kabul geschickt, das er abholen wollte. Dann, so schildert er es, habe es geknallt: "Ich weiß nicht mehr, was passierte. Ein Taxifahrer hat mich ins Krankenhaus gebracht. Dort hat ein Arzt die Wunden sauber gemacht." 21 Menschen wurden bei dem Anschlag vor dem Obersten Gericht Afghanistans getötet, 41 wurden verletzt.

2016 ist die Zahl der zivilen Opfer in Kabul nach Angaben der Vereinten Nationen um 75 Prozent gestiegen. Es gab 16 große Anschläge. Etwa 300 Zivilisten starben, mehr als 1200 wurden verletzt.  

Atiqullah | Bildquelle: ARD Delhi Studio
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Atiqullah, drei Tage nach dem Anschlag.

In Deutschland integriert, in Afghanistan allein

Es ist schwer, Atiqullahs Angaben lückenlos zu überprüfen. Helfer aus Bayern berichten aber, dass er integriert war und Aussicht auf eine Ausbildung hatte. In Kabul hat er dagegen keine Familie, die sei in der Türkei, so Atiqullah. In Afghanistan gebe es niemanden, der auf ihn gewartet habe.

Nach der Abschiebung aus Deutschland kam er im Gästehaus der Internationalen Organisation für Migration, IOM, unter. Die IOM ist ein Ableger der Vereinten Nationen. Atiqullah hat zwei Wochen Zeit, sich etwas Eigenes zu suchen. Aber das Gästehaus verlässt er seit dem Anschlag kaum noch. "Nach den 14 Tagen habe ich den Chef getroffen und gesagt: Ich brauche noch Zeit, weil ich keinen Pass habe", so Atiqullah. Der Chef habe nur gefragt, wie lange es noch dauere.

Atiqullah ist nicht der Einzige, der offenbar ohne Ausweispapiere abgeschoben wurde: Auch andere Abgeschobene berichten, dass sie noch Dokumente bei den afghanischen Behörden beantragen müssen. Das zuständige Ministerium für die Wiedereingliederung von Rückkehrern gilt als ineffektiv und überlastet. Zwar gibt es aus Deutschland Starthilfen für Abgeschobene, laut IOM und Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sind es bis zu 700 Euro, etwa für die Wohnungsmiete oder wenn sie einen Laden aufmachen. Aber ohne Papiere geht nichts.

Vom Geldverdiener zum Bittsteller

Der 22-jährige Matiullah hat immerhin einen Pass. Er hat sich bereits informiert, wie er Hilfen in Anspruch nehmen kann. Aber er ist skeptisch. Es gibt kaum Arbeit. Kabul ist voller Kriegsflüchtlinge aus allen Teilen des Landes. Außerdem wurden fast eine Million Afghanen 2016 aus Iran und Pakistan heraus gedrängt, viele gingen nach Kabul.

Abgeschoben nach Afghanistan
J. Webermann, ARD Neu-Delhi
14.02.2017 09:10 Uhr

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Mit seinem Job in Deutschland hatte sich Matiullah stark gefühlt. Er konnte Geld nach Kabul schicken. Jetzt ist er selbst Bittsteller. Weil die Eltern tot sind, leben er und seine Geschwister bei einem Onkel: "Ich habe seit zwei Monaten die Miete nicht bezahlt. Er sagt jetzt nichts, aber nach ein paar Tagen oder Wochen wird er natürlich sagen: Jetzt reichts! Du musst mal was machen."

Einen Weg zurück nach Deutschland sieht Matiullah nicht. In die deutsche Botschaft in Kabul wurde er nicht hineingelassen. Und selbst wenn er Geld hätte - noch einmal könne er sich eine Flucht nicht antun. Was für ihn aus Deutschland bleibt, sind die traurigen Textnachrichten seiner Freundin.

In einer früheren Version hatten wir berichtet, dass der nach Afghanistan abgeschobene Matiullah in Deutschland eine Bewährungsstrafe erhalten hatte. Weitere Recherchen ergaben, dass das Verfahren gegen ihn jedoch nach Jugendstrafrecht eingestellt worden war. Matiullah hatte lediglich die Auflage, an einer Konfliktberatung teilzunehmen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Februar 2017 um 05:54 Uhr

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