Gülsem Aydogdu mit einer ihrer Ziegen | Şener Azak

Hilfsprojekt in der Türkei Geschäftsmodell Ziege

Stand: 04.04.2021 19:30 Uhr

Die Arbeitslosigkeit in der Türkei ist hoch, vor allem auf dem Land. Eine Gemeinde hat sich deshalb ein Projekt ausgedacht, mit dem vor allem Hausfrauen dazu verdienen: Ziegenzucht.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Gülsem Aydogdu sagt, sie habe alle ihren Ziegen lieb. Aber besonders stolz sei sie auf den Bock namens Kurt Senol. Mit dem Bock und zwei Geißen begann im Herbst 2019 das Geschäftsmodell Ziege. Inzwischen ist Aydogudu stolze Besitzerin einer kleinen Herde von acht Tieren: drei Zicklein, ein Bock und vier Ziegen. Kurt Senol steht angebunden vor dem bescheidenen Haus der Familie, meckert und stellt sich auf die Hinterbeine, wenn sich ihm Fremde nähern. Der Rest der Herde hält sich in seiner Nähe auf.

Oliver Mayer-Rüth ARD-Studio Istanbul

Ziegenmilch als Geldquelle

Im Oktober 2019 schenkte die Stadtverwaltung Mugla der heute 38-jährigen Gülsem Aydogdu die Tiere mit der Auflage, diese und auch deren Junge drei Jahre lang nicht zu verkaufen. Geld verdienen darf Aydogudu jedoch mit der Ziegenmilch. Wenn die Muttertiere den Nachwuchs nicht säugen, gibt jede pro Tag etwa drei Liter Milch, so Aydogudu. Dafür bekommt sie etwa 3,50 Euro. Sobald die Zicklein keine Muttermilch mehr trinken, kommen also täglich bis zu 14 Euro in die Haushaltskasse, rechnet die Mutter dreier Kinder vor.

Gutes Geld für die Aydogdus, denn Familienvater Ismet ist seit längerem arbeitslos. Früher baute er Tabak an. Das lohne sich aber nicht mehr, so Ismet. Auf dem kleinen Feld neben dem Haus wachse nun Getreide und Gemüse für den eigenen Verbrauch. Neben den Ziegen gehört der Familie eine Kuh. Es sei schwer über die Runden zu kommen, so Gülsem Aydogdu. Ohne die Ziegen wäre es noch schwerer, weil ihr Mann keine Arbeit finden könne.

Hohe Arbeitslosigkeit in der Pandemie

Die wirtschaftliche Lage der Türkei ist alles andere als rosig. Zwar jubelten regierungsnahe Medien vor Kurzem, das Land habe als eines von wenigen weltweit im Pandemie-Jahr 2020 ein Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent verzeichnet. Gleichzeitig hieß es jedoch im März, es habe Anfang 2021 eine sogenannte "erweiterte Arbeitslosigkeit" von knapp 30 Prozent gegeben. Darunter versteht der türkische Staat nach Arbeit suchende Arbeitslose und solche, die die Suche nach Arbeit komplett aufgegeben haben.

Kommune will verarmten Familien helfen

Die Stadtverwaltung Mugla kennt die Situation der zahlreichen verarmten Kleinbauern in der Provinz. Seit Beginn des Ziegenprojekts wurden 420 Tiere verschenkt. So will die Kommune erwerbslosen Frauen einen kleinen Verdienst ermöglichen.

Der Veterinärarzt Ender Colak betreut das Geschäftsmodell. "Als wir unser Projekt planten, dachten wir an Frauen, die zu Hause sind, keine Versicherung und keinen Job haben. Es sollte ein Zugewinn für die Familie entstehen. Während sie auf die Kinder aufpassen, können sie auch auf die Ziegen aufpassen, die wachsen und sich vermehren", so Colak.

Robuste Ziegenart für unerfahrene Züchterinnen

Man habe eine sehr robuste Ziegenart ausgewählt, denn die meisten Frauen hätten keine Erfahrung mit der Zucht, sagt der Veterinärarzt. Sensible Tiere könnten schnell erkranken, wenn sie falsch ernährt werden. Es handle sich um die für die Region typische Ziegenart. Weil immer weniger Landwirte Ziegen züchteten, habe sich die Population in den vergangenen Jahren deutlich verringert. Dem solle das Projekt entgegenwirken, so Colak. Regelmäßig besucht er die Ziegenbesitzerinnen, kontrolliert den Bestand und das Wohl der Tiere.

Die Frauen bekommen vor der Übergabe der Ziegen eine Schulung. Falls es ein Problem gibt, können sie jederzeit den Tierarzt anrufen. Nach drei Jahren dürfen die Besitzerinnen die Ziegen verkaufen. Für eine Schlachtziege bekomme sie etwa 160 Euro, so Gülsem Aydogdu. Eine Herausforderung seien die Kosten für das Futter. Um diese niedrig zu halten, müsse sie oft mit den Ziegen über die Hügel hinter dem Haus ziehen. Dort könnten sie saftiges Gras fressen. Es sei ein großartiges Projekt, so Aydogdus Bilanz. Sie freue sich jeden Tag über die Tiere.