Das Gebäude der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt.
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EZB-Ratssitzung in Frankfurt Das "Biest Inflation" ist noch nicht erlegt

Stand: 11.04.2024 05:36 Uhr

Die Inflation im Euroraum sinkt. Werden die Währungshüter nach der neuen Ratssitzung eine Zinssenkung im Juni ankündigen? Ausgemacht ist das nicht - doch für Sparer haben solche Erwartungen schon Folgen.

Wenn es um ein Zubrot geht, sind manche Amerikaner ziemlich frech: Zwischen 20, 25 und 30 Prozent Trinkgeld soll der Kunde im Café vor den Augen der Servicekraft auf dem Touchscreen wählen. Dabei war der Service vor dem Schalter, wo er zehn Minuten in der Schlange auf seinen "Coffee to go" gewartet hat, nicht besonders. Der kleine Pappbecher ist mit vier Dollar auch ohne "Tip" schon ziemlich teuer. Doch wer die weniger gut lesbare Variante "no tip" auf dem Screen wählt, gilt als Geizhals. 

"Emotionale Erpressung" nennen selbst viele Amerikaner den neuesten Trinkgeld-Trend, obwohl ein kleines Extra auf der Rechnung in dem Land ganz normal ist. Weil das Personal etwa in der Gastronomie häufig ausgebeutet wird und wenig verdient, ist Trinkgeld in den USA gang und gäbe. Doch so dreist wie derzeit wurde es noch nie eingefordert. 

Die "Tipflation" ist eine Folge der insgesamt hohen Inflation. Die hat sich zwar auch in den USA abgeschwächt, hält sich aber so hartnäckig, dass baldige Zinssenkungen dort immer unwahrscheinlicher werden. Manche Mitglieder der US-Notenbank sehen einen solchen Schritt in diesem Jahr mittlerweile sogar als unrealistisch an - ein Schock für Anleger am Aktienmarkt, die seit Monaten fernab aller Realität Zinssenkungen längst eingepreist haben.

"Wir haben das Biest Inflation", Klaus-Rainer Jackisch, HR, zu EZB-Ratssitzung in Frankfurt

tagesschau24, 11.04.2024 09:00 Uhr

EZB könnte vor der Fed die Zinsen senken

Tatsächlich brummt die US-Konjunktur, was die Teuerung immer wieder anfacht. Damit könnte nun das eintreten, was vor Monaten noch als undenkbar galt: Die Europäische Zentralbank (EZB) könnte möglicherweise die Leitzinsen eher senken als die US-Notenbank Federal Reserve. Denn im Unterschied zu den Vereinigten Staaten läuft die Wirtschaft im Euroraum alles andere als rund. Dies und die hohen Zinsen haben die Inflationsrate im Euroraum stärker gedrückt als gedacht: Sie lag im März bei 2,4 Prozent und nähert sich damit dem EZB-Ziel von zwei Prozent weiter an.

Vor etwas mehr als einem Jahr war die Teuerung mit 10,6 Prozent mehr als viermal so hoch. Auch in Deutschland sinkt die Inflationsrate weiter - nach hiesiger Berechnung auf jetzt 2,2 Prozent. Eine Entspannung der Preise bei Lebensmitteln und Energie zeigt ihre Wirkung. 

Gepanntes Warten auf Ansage Lagardes

Somit wird die von EZB-Präsidentin Christine Lagarde angedeutete Zinssenkung im Juni immer wahrscheinlicher. Eine Absenkung bereits nach der Ratssitzung in dieser Woche gilt hingegen als weitgehend ausgeschlossen. Alle Augen und Ohren dürften sich in dieser Woche deshalb darauf richten, was Lagarde in der anschließenden Pressekonferenz genau sagen wird - und wie stark oder schwach ihre Prognose für einen Zinsschritt im Juni ausfällt. 

Die EZB-Chefin wäre sehr gut beraten, wenn sie sich weiterhin alle Türen offenhält. Denn das "Biest Inflation", dessen Genick sie nach eigen Worten brechen will, ist immer noch ganz schön lebendig und agil. Es zeigt auch keine Anzeichen, bald klein beigeben zu wollen - jedenfalls dann, wenn man die Materie etwas näher beleuchtet. 

Kerninflation bleibt hartnäckig

Fakt ist: Die Kerninflation, also die Teuerung unter Herausrechnung der schwankungsanfälligen Preisentwicklung für Lebensmittel und Energie, bewegt sich kaum und ist mit 2,9 Prozent weiterhin zu hoch. Fakt ist auch, dass die Gesamtinflation in den vergangenen drei Monaten teilweise sogar wieder leicht angezogen hat.

Keine positive Bewegung ist auch bei der hartnäckigen Teuerung für Dienstleistungen erkennbar. Im Gegenteil: Sie stieg leicht auf vier Prozent. Wie stark der Inflationsschub durch die hohen Tarifabschlüsse in Europa ausfallen wird, ist auch noch nicht geklärt. Und in einigen Mitgliedsstaaten ist die Inflation weiterhin viel zu hoch - so liegt sie in Kroatien, Österreich und Estland weiter über vier Prozent. In Italien, Spanien und Griechenland ist sie sogar wieder gestiegen.

Handelt die EZB zu strikt?

Es gibt also genug Grund zu Vorsicht, weshalb etwa der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, eine Zinssenkung im Juni für verfrüht hält. Das "Biest Inflation" sei "noch nicht erlegt", so Krämers Fazit. Sein Kollege Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, hält die Zinspolitik der EZB hingegen schon jetzt für zu rigide. Er fürchtet, die Notenbank komme mit Zinssenkungen zu spät. 

In der Volkswirtschaft gibt es wie immer also unterschiedliche Einschätzungen. An den Finanzmärkten will man hingegen nur eins: Zinssenkungen, so bald wie möglich. Weil sich auch immer mehr EZB-Ratsmitglieder positiv in diese Richtung äußern, ist eine erste Zinssenkung im Juni sehr wahrscheinlich. 

Für die Verbraucherinnen und Verbraucher in der Eurozone hat das Gesamt-Szenario erhebliche Folgen: am Devisenmarkt rechnen Händler mit einem weiteren Rückgang des Außenwertes des Euro. Der ist mit rund 1,0850 Dollar ohnehin schon ziemlich schwach.

Euro und Dollar bald gleichauf?

Doch sollte die EZB die Zinsen tatsächlich vor der Federal Reserve senken, ist es für Anleger lukrativer, Geld in den USA als im Euroraum anzulegen. Denn dort wären die Zinsen höher. Die Folge: der Dollar würde gestärkt, der Euro weiter geschwächt. Einige Beobachter schließen sogar das Absacken der europäischen Gemeinschaftswährung auf die Parität zum Dollar nicht aus. Dann würde ein Euro genau einen Dollar kosten.  

Für europäische Urlauber in Übersee sind das schlechte Nachrichten: Dort sind die Preise nach Corona ohnehin schon explodiert und steigen ständig weiter. Im vergangenen Jahr kostete der USA-Urlaub im Durchschnitt 15 bis 20 Prozent mehr als vor Corona, so der weltweit größte Reiseveranstalter TUI. Diese Tendenz dürfte sich weiter verschärfen. Sie gilt auch für andere Regionen - etwa für Südamerika, Australien und große Teile Asiens. Europas Tourismus-Industrie, die zwar auch nicht die billigste ist, erwartet aufgrund der Entwicklung eine starke Nachfrage. In Spanien etwa rechnet man schon jetzt mit einem neuen Rekordjahr. 

Banken senken bereits wieder Guthabenzinsen

Die zweite Folge der geldpolitischen Entwicklung für Verbraucherinnen und Verbraucher zeigt sich bei den Banken: in Erwartung bald sinkender Leitzinsen fahren diese nun schon seit Wochen mit großer Geschwindigkeit ihre Zinssätze für Guthaben auf Tages- und Festgelder deutlich zurück. Waren zum Höhepunkt des Zins-Zyklus beim Festgeld Werte von über vier Prozent üblich, können Sparer sich glücklich schätzen, wenn sie jetzt noch 3,5 Prozent ergattern.

Bei den meisten Instituten fallen die Guthaben-Zinsen vor allem für sehr langfristige Anlagen. Zwar gibt es hier und da immer noch ansprechende Zins-Offerten. Doch Vorsicht ist geboten vor Lockangeboten: Häufig gelten die hohen Zinssätze nur für wenige Monate, danach fallen sie meist deutlich. 

Leichte Entspannung bei Bauzinsen

Etwas Entspannung gibt es hingen bei den Bauzinsen: Sie kosten im Durchschnitt bei zehnjähriger Bindung um die 3,0 Prozent und sind damit wieder leicht rückläufig. Angesichts der massiven Verwerfungen und Probleme auf dem Markt für neue Immobilien ist das aber nur ein schwacher Trost.   

Das "Biest Inflation" dürfte Europa und die Welt also noch einige Zeit beschäftigen. Doch was immer auch geschieht - die "Tipflation" in den USA dürfte überleben. Deren Rückgang ist höchst unwahrscheinlich. Mittlerweile halten dort nicht nur Friseure, Kellner und Taxifahrer die Hand auf, sondern sogar Krankenschwestern und Ärzte.