Pommes Frites, Getränk und Burger | picture alliance / Anka Agency I
Hintergrund

Lobbyismus Fast Food für die Welt?

Stand: 23.09.2021 08:56 Uhr

Wie bekommen bald acht Milliarden Menschen genug zu essen? Um diese Frage geht es beim UN-Ernährungsgipfel. Kritiker bemängeln den Einfluss der Lebensmittelindustrie.

Von Thomas Kruchem und Gábor Paál, SWR

Trotz aller Bemühungen, den Hunger auf der Welt zu bekämpfen, ist noch immer jeder zehnte Mensch auf der Welt unterernährt. Die Zahl ist zuletzt sogar, vor allem im Corona-Jahr 2020, wieder deutlich angestiegen. UN-Generalsekretär António Guterres hat deshalb einen Welt-Ernährungsgipfel in New York anberaumt.

Gabor Paal

Boykott vieler NGOs

Doch viele Experten sind pessimistisch. 200 Nichtregierungs-Organisationen (NGOs) - unter ihnen Brot für die Welt und Misereor - boykottieren den Gipfel. Sie haben stattdessen als virtuelle Gegenveranstaltung den "Global People’s Summit on Food Systems" organisiert.

"In den vergangenen Jahren hat der Einfluss transnationaler Konzerne auf die internationalen Ernährungsorganisationen stark zugenommen", sagt auch der italienische Agrarökonom Stefano Prato. Er leitet die Gesellschaft für internationale Entwicklung - ein in Rom ansässiges Netzwerk von 80 NGOs.

Die FAO in der Kritik

Prato zählt zu den schärfsten Kritikern des internationalen Ernährungswesens und der Welternährungsorganisation FAO. Sie wurde nach dem Krieg gegründet, um eine ausreichende Produktion gesunder Nahrungsmittel sicherzustellen.

Nur: Die FAO kooperiert unter anderem mit Unternehmen, deren Geschäftsziele elementaren FAO-Anliegen widersprechen. Mit dem Mars-Konzern etwa, dessen Süßigkeiten gerade auch in armen Ländern wie Indien zu einem massiven Anstieg von Diabetes-Erkrankungen führen. Oder mit dem französischen Danone-Konzern, der bereits in zahlreiche Babymilch-Skandale verwickelt war und Kindern stark zuckerhaltige Joghurts als gesund anpreist.

Unkritisch gegenüber Pestizid-Einsatz?

Auch der Wirtschaftsverband Croplife International ist Partner der FAO. Er vertritt die Interessen der sechs größten Agrarchemie-Konzerne, unter ihnen BASF, Bayer und Syngenta. Im Jahr 2018 verkauften die Mitgliedsunternehmen von Croplife International für fünf Milliarden US-Dollar Pestizide, die die WHO als hochgefährlich für die Umwelt oder die menschliche Gesundheit einstuft. Das berichtet das britische Consultingunternehmen Phillips McDougall.

Dabei hat die FAO einen Internationalen Kodex für den Umgang mit Pestiziden erstellt, der einen sehr viel behutsameren Einsatz vorsieht, als er heute Praxis ist. Diesen Kodex müsse sie konsequent verfolgen, statt mit der Pestizidindustrie zu kooperieren, meint Agrarökonom Prato. "Die FAO-Partnerschaft mit Croplife International untergräbt das Engagement der FAO gegen die Auswirkungen chemischer Pestizide."

Streit innerhalb der Organisation

In der FAO gibt es unterschiedliche Meinungen zur Partnerschaft mit der Pestizidindustrie. Eine Mitarbeiterin der Organisation, die anonym bleiben will, sieht als treibende Kraft FAO-Generaldirektor Qu Dongyu. "Qu war früher Vizeagrarminister Chinas, das gewaltige Mengen Mais und Soja für Tierfutter importiert - aus den USA und Südamerika; zu rasant steigenden Preisen. China hat deshalb ein existenzielles Interesse an kostengünstiger industrieller Mais- und Sojaproduktion in Afrika."

Alexander Jones, Direktor für Partnerschaften der FAO, weist die Kritik zurück: "In großem Stil können wir Ernährung nur mithilfe privater Akteure sichern." Nur in solchen Kooperationen könne die FAO das Engagement der Unternehmen in die richtige Richtung lenken und sie zu verantwortungsbewussten Investitionen bewegen.

Die Partnerschaft mit Croplife habe ja gerade das Ziel, in Zukunft weniger Pestizide einzusetzen. "Wir müssen den Unternehmen in manchen Fällen sagen, dass wir ernsthaft besorgt sind wegen einiger ihrer Praktiken. Etwa, wie ihre lokalen Händler hochgiftige Pestizide auf den Markt drücken." Das gehe am besten in einer Partnerschaft.

Das Problem ist die Finanzierung

Finanziell hat die FAO ein ähnliches Problem wie die Gesundheitsorganisation WHO: Sie ist unterfinanziert, die Pflichtbeiträge der Mitgliedsstaaten - rund 500 Millionen Dollar jährlich - reichen längst nicht aus, um ihrem Auftrag nachzukommen. Deshalb ist die FAO zusätzlich auf freiwillige Beiträge angewiesen, auch von privaten Geldgebern. Diese freiwilligen Beiträge sind mehr als doppelt so hoch, aber fast immer zweckgebunden. Wer der FAO Geld spendet, hat somit starken Einfluss auf ihre strategische Ausrichtung.

Die Konzerne versprechen sich außerdem einen Imagegewinn als Partner einer Organisation, die Hunger bekämpft. Zudem bekommen sie Zugang zu FAO-Entscheidungsträgern und arbeiten an Empfehlungen der FAO mit. Die wiederum fließen in die Gesetzgebung von Staaten ein. Weiche Umweltgesetze oder Subventionen für Industrieprodukte wie Dünger und Pestizide - all das ist bares Geld wert. Im Ergebnis fördern die genannten Partnerschaften der FAO eine weitere Industrialisierung der globalen Nahrungsmittelproduktion. Ökologische Produktion, die auch das Wohl von Umwelt, Klima und Bauernfamilien im Blick hat, gerät ins Hintertreffen.

Umstrittene Einflussnahme der AGRA

Ein besonders umstrittener Akteur in diesem Kontext ist AGRA, die "Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika". Die Initiative versucht seit 2006, die Landwirtschaft Afrikas zu modernisieren. Finanziert wird sie vor allem von der Bill und Melinda Gates-Stiftung, die - wie im Gesundheitswesen - auch in der Landwirtschaft schnelle und messbare Erfolge anstrebt.

Die AGRA drängt Afrikas Regierungen, ausländische Investitionen im Agrar- und Ernährungswesen zu fördern. Sie sollen den Markt für Hybridsaatgut, Kunstdünger und chemische Pestizide liberalisieren und solche Agrargüter subventionieren. Die Bauern wiederum sollen sich auf ertragreiche Pflanzen wie Mais, Soja und Maniok konzentrieren, die die Industrie exportieren oder zu Pulver für die Nahrungsmittelindustrie verarbeiten kann.

Hohe Ziele, ernüchternde Bilanz

AGRA hatte hohe Ziele: Bis 2020 sollten mit ihrer Strategie die Produktivität und die Einkommen von 30 Millionen Kleinbauern in 13 afrikanischen Ländern verdoppelt, die Zahl der unterernährten Menschen halbiert werden. Nach 15 Jahren AGRA zieht Tim Wise, der an der Tufts University in Massachusetts forscht, eine ernüchternde Bilanz.

"Eine Steigerung der Produktivität wurde nur bei wenigen Produkten erreicht - vor allem bei Mais. Das ging allerdings auf Kosten nahrhafterer und widerstandsfähigerer Getreidepflanzen wie Hirse und Sorghum", sagt er. In der Folge habe die Ernährungsunsicherheit nicht ab-, sondern zugenommen: "Nach FAO-Schätzungen ist die Zahl unterernährter Menschen in den 13 AGRA-Ländern zwischen 2006 und 2020 um 30 Prozent gestiegen." Wises Studie wurde von Brot für die Welt und der Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt und ist 2020 unter dem Titel "Falsche Versprechen" erschienen.

Folgen der Agrarsubventionen

Selbst viele UN-Experten kritisierten kürzlich die weltweit fast 500 Milliarden US-Dollar an Agrarsubventionen als schädlich für das Klima und die biologische Vielfalt. Der Bonner Agrarökonom Joachim von Braun, Leiter des wissenschaftlichen Beirats für den Ernährungsgipfel und Vizepräsident der Deutschen Welthungerhilfe, hält die AGRA-Initiative zwar für leidlich erfolgreich, sieht aber ebenfalls die von AGRA forcierten Subventionen für Agrarchemie überaus kritisch: "Diese Subventionen sind ineffizient und treiben Agrartechnologien von gestern", meint von Braun. Und: "Wir müssen wegkommen von den großen Monokulturen."

Zahllose Beispiele zeigen, dass afrikanische Kleinbauern mit Mischkultur und agrarökologischer Landwirtschaft auch kommerziell erfolgreich sein können. Dazu benötigen diese Bauern aber Kapital, Zugang zu Märkten und vor allem Wissen. Viel davon ist überliefertes Erfahrungswissen, kein Hightech - und deshalb zum Teil untererforscht.

Kritikern des Ernährungsgipfels wie Agrarökonom Prato stößt zudem auf, dass UN-Generalsekretär Guterres eine besonders profilierte Vertreterin der industrienahen Landwirtschaft zur Leiterin des Gipfels ernannt hat: Agnes Kalibata, die Chefin der AGRA-Initiative.

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Moderation 23.09.2021 • 14:57 Uhr

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