Gebäude der Ratingagentur Fitch Ratings  | picture alliance / Jens Kalaene/

Kreditwürdigkeit Droht Russland der Staatsbankrott?

Stand: 03.03.2022 15:54 Uhr

Die Ratingagenturen Fitch und Moody's haben Russlands Kreditwürdigkeit heute auf "Ramschniveau" herabgestuft. Ob das die russische Regierung beeindruckt, ist allerdings fraglich.  

Von Thomas Spinnler, tagesschau.de

Alle drei an den internationalen Finanzmärkten bedeutsame Ratingagenturen haben die Kreditwürdigkeit Russlands jetzt auf "Schrottniveau" herabgesetzt. Fitch nahm heute die Bonitätswertung um sechs Stufen auf die Note "B" zurück. Weitere Herabstufungen sind möglich.

Auch die Ratingagentur Moody's senkte ihr Kreditbewertung heute gleich um sechs Stufen auf "B3". Die dritte und wohl bekannteste Ratingagentur, Standard & Poor's (S&P), hatte die Kreditwürdigkeit Russlands bereits vor einigen Tagen auf Schrottniveau heruntergestuft. Die Ratingnote liegt bei "BBB-" und damit ebenfalls im spekulativen Bereich.

Zahlungsausfall wird wahrscheinlicher

Grundsätzlich bedeute diese Herabstufung, dass die Wahrscheinlichkeit eines russischen Zahlungsausfalls nach Ansicht der Ratingagenturen gestiegen sei, sagt Patrick Heinisch, Ökonom und Russlandexperte bei der Landesbank Helaba gegenüber tagesschau.de. "Aber die Agenturen gehen noch nicht von einem Ausfall aus. Die Folge der Herabstufung wäre im Normalfall, dass Russland einen erschwerten Zugang zu den Kapitalmärkten hätte und deutlich höhere Zinsen zahlen müsste, wenn es sich verschulden würde", so Heinisch.

Da russische Staatsanleihen nach diesen Bewertungen mit einem hohen Ausfallrisiko verbunden sind, würde die Risikoprämien drastisch steigen, die Anleger verlangen, wenn sie russische Staatsanleihen erwerben. Es wird für Russland also theoretisch teurer, sich zu verschulden.

Großteil der Währungsreserven unbrauchbar

Die Ratingagenturen begründen ihren Schritt mit den westlichen Sanktionen. Diese stellten die Fähigkeit des Landes infrage, seine Schulden zu bedienen, und schwächten die russische Wirtschaft erheblich. Die internationalen Sanktionen stellten "einen großen Schock für Russlands Kreditgrundlagen dar und könnten seine Bereitschaft zur Bedienung der Staatsschulden untergraben", erläutert Fitch. Moody's zufolge gehen Umfang und Schwere der Sanktionen "über die ursprünglichen Erwartungen" hinaus.

Besonders die Sanktionen der USA und der EU, die jegliche Transaktionen mit der russischen Zentralbank verbieten, haben laut Fitch "eine viel größere Auswirkung" als andere Strafmaßnahmen. Ein Großteil der internationalen Währungsreserven für Eingriffe am Devisenmarkt sei dadurch unbrauchbar.

USA, Kanada, Großbritannien und die EU hatten der russischen Notenbank untersagt, auf die bei ihnen lagernden Devisenreserven zurückzugreifen. Experten meinen, dass 40 bis 55 Prozent der Reserven davon betroffen sind, die Schätzungen zufolge insgesamt rund 630 Milliarden Dollar betragen.

"Abstufung in der aktuellen Lage nachrangig"

Doch was hat die Herabstufung durch die Ratingagenturen zur Folge? In der aktuellen Lage sei sie für Russland nachrangig, so Heinisch. "Denn zum einen sind die Devisenreserven in Euro und Dollar ohnehin eingefroren und können für Zahlungen nicht verwendet werden. Zum anderen hätte Russland aktuell weder Staatsanleihen im Ausland emittiert, noch besteht bei ausländischen Investoren aufgrund des Ukraine-Krieges ein Interesse daran", stellt der Experte fest.  

Zahlreiche Fondsmanager hätten zudem russische Wertpapiere wegen des Krieges unabhängig von den Ratingabstufungen bereits aus ihren Fonds genommen, so Heinisch. Da der interne Zahlungsverkehr in Russland aber intakt ist, kann sich Russland im Inland weiter verschulden, wenn es erforderlich ist.

Hinzu kommt, dass die russische Staatsverschuldung insgesamt gering ist. Ende 2021 lag sie bei rund 17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist deutlich niedriger als bei vielen anderen Ländern. So lag sie in Italien im dritten Quartal des Vorjahres beispielsweise bei über 150 Prozent, in Deutschland bei knapp 70 Prozent und in der Eurozone im Schnitt bei fast 98 Prozent der Wirtschaftsleistung.

    

Was passiert bei einem Zahlungsausfall?

Russland verfügt laut Heinisch prinzipiell über ausreichend Mittel, um die Schulden zu bedienen, die Zahlungsfähigkeit sei grundsätzlich gegeben: "Aber selbst wenn Russland zahlen will, könnte es sein, dass die Zahlungen zumindest für die Auslandsverschuldung sanktionsbedingt nicht abgewickelt werden können."

Auch die Analysten der US-Bank JPMorgan warnen davor, dass die Sanktionen der Verbündeten und die Unterbrechung der Zahlungsketten für Russland hohe Hürden darstellten, um den Zahlungsverpflichtungen aus Anleihen überhaupt nachkommen zu können.

Ein wichtiges Datum ist diesbezüglich ist der kommende 16. März. An diesem Tag werden die nächsten russischen Zahlungen ins Ausland fällig. Wenn sie nicht geleistet würden, bliebe eine weitere Frist von 30 Tagen, sodass nach Angaben der JPMorgan-Fachleute der Zahlungsausfall am 15. April eintreten könnte.

Abzuwarten bliebe dann, wie die Finanzmärkte, die Staatengemeinschaft und die Anleger darauf reagieren. Sollte Russland seine Auslandsgläubiger nicht bedienen und argumentieren, dass es sich um eine Art technisch bedingten Ausfall handelt, könnte das auch zu einem rechtlichen Problem werden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in den Nachrichten am 03. März 2022 um 12:00 Uhr.