Kopie einer 200-Lire-Banknote in einer Wechselstube in Istanbul | dpa

Lira-Krise in der Türkei Zinsen runter, Mindestlohn rauf

Stand: 16.12.2021 17:51 Uhr

Die türkische Notenbank hat erneut die Zinsen gesenkt. Damit einher geht eine hohe Inflation, die die Bevölkerung stark belastet. Eine Anhebung des Mindestlohns soll helfen. Fachleute bezweifeln, dass das viel bringt.

Von Uwe Lueb, ARD-Studio Istanbul

Präsident Recep Tayyip Erdogan lässt sich die gute Nachricht des Tages nicht nehmen. Er selbst verkündet die neue Höhe des Mindestlohnes in der Türkei. Statt rund 3000 Lira soll ein Alleinstehender künftig 4250 Lira netto bekommen. Das sind umgerechnet rund 240 statt 170 Euro.

Uwe Lueb ARD-Studio Istanbul

Der Mindestlohn reicht nicht - so oder so

Und es komme noch besser: "Parallel zum größten Mindestlohnanstieg unserer Geschichte bewahren wir die Arbeitgeber vor zusätzlichen hohen Lasten", sagt Erdogan. "Von kommendem Jahr an ist deshalb auf Mindestlohn keine Einkommensteuer mehr fällig, und Firmen werden von Bürokratie entlastet." Das mache für Arbeitgeber pro Mitarbeiter 450 Lira weniger Kosten, rechnet der Präsident vor.

Mindestlohn beziehen zwar viele Beschäftigte in der Türkei, aber sie kriegen von ihren Arbeitgebern oft Geld obendrauf - auf die Hand. Doch wegen der hohen Inflation reicht es auch damit vielen nicht mehr aus, um über die Runden zu kommen. "Wir arbeiten fast für den Mindestlohn. Studierte haben keine Arbeit. Menschen mit Studium arbeiten als Zulieferer", beklagt eine Krankenpflegerin aus Ankara. "Da ist doch was nicht in Ordnung. Wir kommen nicht über die Runden, wir haben keine Kaufkraft mehr."

"Die Freude wird von kurzer Dauer sein"

Zum Kaufkraftverlust der Lira tut die aktuelle Zinsentscheidung der Notenbank ein Übriges. Sie senkt den Leitzins erneut ab - von 15 auf 14 Prozent. Vor wenigen Monaten lag er noch bei 19 Prozent. Fachleute wie der türkische Wirtschaftsprofessor Burak Arzova von der Marmara Universität Istanbul sehen die Inflation weiter voranschreiten. Da helfe am Ende auch der deutlich höhere Mindestlohn nicht.

"Die Mindestlohnverdiener werden sich zunächst über mehr Geld freuen, über höhere Gehälter", so der Wissenschaftler. "Doch diese Freude wird von kurzer Dauer sein. Nominal betrachtet sieht es tatsächlich so aus, als verdienten die Arbeitnehmer besser. Real betrachtet werden sie sehr bald merken, dass sie noch weniger Kaufkraft haben werden als zuvor. Die Enttäuschung wird sehr bald groß sein."

Erdogan lässt sich nicht beirren

Doch Präsident Erdogan lässt sich nicht beirren. Er hält an niedrigen Zinsen fest. Den Satz bestimmt zwar die Notenbank, aber die folgt dem Präsidenten. Erdogan sagt, von hohen Zinsen hätten nur Reiche was - Arme würden hingegen ärmer. Er glaubt, dass niedrige Zinsen Investoren locken, die Arbeitsplätze schaffen und den Export nach oben treiben. Die Krise sei also in wenigen Monaten Geschichte.

"Die jüngsten Schwankungen in den Devisenkursen und die daraus resultierenden überhöhten Preisanstiege haben Unsicherheit verursacht, die wir entschlossen sind, in kürzester Zeit abzuwenden", gibt sich das Staatsoberhaupt entschlossen. Wenn ihm das gelingt, steigen seine Chancen, aus der Wahl 2023 erneut als Sieger hervorzugehen. Doch der Weg ist weit. Derzeit liegt die Inflation offiziell bei rund 21 Prozent. Die Opposition spricht von eher 50.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. Dezember 2021 um 13:40 Uhr.