Die türkische Zentralbank in Ankara | REUTERS

Türkische Währung Lira setzt Erholungskurs fort

Stand: 23.12.2021 12:04 Uhr

Durch den Verkauf von Dollar-Reserven soll die türkische Notenbank einem Medienbericht zufolge die Lira gestützt haben, um die von Präsident Erdogan angekündigten Maßnahmen zu flankieren. Die Währung stabilisiert sich weiter.

Der Verfall der türkischen Währung ist vorerst gestoppt. Die Lira entwickelt sich aktuell stabil. Gestern waren für einen Dollar 12,5 Lira fällig, für einen Euro mussten 14,1 Lira gezahlt werden. Auch heute wertet die Devise weiter auf und steigt gegenüber dem Dollar und dem Euro um jeweils vier Prozent. Die Landeswährung der Türkei notiert damit klar über ihren unlängst markierten Rekordtiefständen.

Als ein Grund für die Erholung gilt das Stabilisierungspaket der Regierung, mit dem Wechselkursschwankungen für private Anleger ausgeglichen werden sollen. Laut der "Financial Times (FT)" ist es aber nicht nur die Ankündigung von Präsident Recep Tayyip Erdogan, die den drastischen Sinkflug der Lira beendete. Demnach soll auch die türkische Zentralbank in dieser Woche mit "aggressiven Interventionen" am Devisenmarkt geholfen haben.

"Intervention durch die Hintertür"

Vor dem Staatseingriff befand sich die Lira in einem drastischen Sinkflug, da das Vertrauen der Anleger in die Wirtschafts- und Geldpolitik des Landes stark gelitten hatte. Erst zu Wochenbeginn war der Kurs der Währung auf ein Rekordtief gefallen. Die Verluste verteuern vor allem die Warenimporte in die Türkei und lasten damit auf der Kaufkraft der Bevölkerung. Nach der Bekanntgabe Erdogans am Montagabend, mit einem Maßnahmenpaket gegen den Absturz vorzugehen, wertete die Landeswährung gegenüber dem US-Dollar und dem Euro daraufhin zeitweise um bis zu 25 Prozent auf.

So sollen die Ersparnisse der Bürger künftig vor Wechselkursschwankungen geschützt werden. Sollten die Einbußen größer ausfallen als die von Banken versprochenen Zinsen auf die jeweiligen Einlagen, sollen sie ersetzt werden. Zudem will die Regierung Unternehmen helfen, sich gegen hohe Wechselkursrisiken abzusichern. Dadurch soll die Bevölkerung an ihren Lira-Einlagen festhalten und eine weitere "Dollarisierung" der Wirtschaft verhindert werden. Von Dollarisierung spricht man, wenn die nationale Währung teilweise oder ganz in ihren Funktionen von anderen Währungen, insbesondere dem Dollar, ersetzt wird.

Allerdings seien die angekündigten Maßnahmen nicht der einzige Grund für die Stabilisierung der Währung, berichtete nun die "Financial Times". Ugur Gurses, ein ehemaliger Beamter der Zentralbank, sagte demnach, der 50-prozentige Anstieg der Währung seit dem Tiefpunkt am Montag sei zumindest teilweise auf eine umfangreiche "Intervention durch die Hintertür" der Notenbank zurückzuführen. Ein in London ansässiger Analyst berechnete laut der britischen Zeitung für die vergangenen Tage Devisenverkäufe in Höhe von 6,9 Milliarden Dollar. Türkische Banker berichteten von einer "sehr konzertierten und aggressiven Aktion, um Erdogans Ankündigung gut aussehen zu lassen", so der namentlich nicht genannte Experte.

Intervention am Devisenmarkt ein Risiko

Allein an den ersten beiden Tagen der Woche sank das Nettoauslandsvermögen des Landes der "FT" zufolge um 5,9 Milliarden auf minus 5,1 Milliarden Dollar. Insgesamt beliefen sich die Interventionen der Notenbank zur Stützung der Lira damit in diesem Monat auf 15 bis 17 Milliarden Dollar. Bis Mitte Dezember hatten die türkischen Währungshüter binnen zehn Tagen drei Mal am Devisenmarkt eingegriffen und wegen "ungesunder Preisbildung" Dollar verkauft. In dieser Woche hatten sie jedoch keine offiziellen Interventionen angekündigt und es abgelehnt, sich dazu zu äußern.

Neben der Zinspolitik sind Eingriffe am Devisenmarkt das einzige direkt wirkende Instrument in der Währungspolitik. Zentralbanken können versuchen, die heimische Währung aufzuwerten, indem sie ausländische Devisenreserven verkaufen und somit die Nachfrage nach der eigenen Währung erhöhen. Das Ausmaß der Interventionen dürfte bei den Analysten allerdings die Sorge um den Zustand der türkischen Devisenreserven neu entfachen. Erst Anfang des Jahres hatten sie sich wieder erholt, nachdem ein früherer Versuch, die Lira zu verteidigen und gleichzeitig die Zinssätze zu senken, mehr als 100 Milliarden Dollar verschlungen hatte.

Etwa die Ratingagentur Fitch äußerte sich zuletzt besorgt. Diese Politik berge das Risiko, die bereits schwache Zusammensetzung der internationalen Reserven der Zentralbank weiter zu untergraben. Zudem könne sie gezwungen sein, mehr Geld zu drucken, um ihre neuen Verpflichtungen zu erfüllen. Das treibe die Teuerungsrate weiter an. Die Regierung habe bei der Inflation "das Handtuch geworfen" und führe einen halbfesten Wechselkurs ein, schrieb Hakan Kara, bis zu seiner Entlassung 2019 Chefökonom der Zentralbank, auf Twitter.

Experten kritisieren Erdogans Pläne

Fachleute kritisieren unterdessen auch die Maßnahmen Erdogans, da sie nicht an den Ursachen der Lira-Schwäche ansetzten, sondern allenfalls Symptome kurierten. Die Lira-Schwäche habe eine einzige und einfache Ursache, heißt es in einer Analyse von Commerzbank-Experte Tatha Ghose: "eine mangelhafte Verfolgung des Inflationsziels und eine unangemessene Geldpolitik". Die Zentralbank befindet sich seit Spätsommer ungeachtet einer hohen Inflation von inzwischen gut 21 Prozent auf striktem Zinssenkungskurs. Der Leitzins betrug zuletzt 14 Prozent. Durch die Kursverluste der Lira wird die Teuerung aber nur noch weiter angefacht - ein Teufelskreis.

Auch die Ratingagentur Fitch bleibt skeptisch: Umfang, Wirkung und Folgen des Regierungsprogramms seien ungewiss, teilten die Bonitätsprüfer mit. Negative Realzinsen, eine ungewisse Geldpolitik und Inflationsdruck könnten zu weiteren Währungsschwankungen führen.

Präsident Erdogan übt fortlaufend Druck auf die Notenbank aus, um die Zinsen weiter zu senken und damit Exporte, Kredite und Wachstum vor der Wahl im Jahr 2023 anzukurbeln. Entgegen der gängigen volkswirtschaftlichen Lehre vertritt er die Ansicht, hohe Zinsen förderten die Inflation. Auch am Montag bekräftigte er wieder, von seinem Wirtschaftsmodell mit niedrigen Zinsen nicht abrücken zu wollen.

Mittlerweile will die Türkei sogar gerichtlich gegen "spekulative Marktkommentare" in den Sozialen Medien vorgehen. "Wir werden niemals einen solchen Verrat erlauben", sagte der türkische Finanzminister Nureddin Nebati gestern in einem Interview des staatlichen Senders TRT Haber. Die Aufsichtsbehörden würden rechtliche Schritte gegen diejenigen einleiteten, die Menschen dazu ermutigten, ausländische Währung zu kaufen und somit die Lira zu schwächen, so Erdogan.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 22. Dezember 2021 um 03:15 Uhr.