Recep Tayyip Erdogan | REUTERS

Erdogans gefährliches Experiment Gefangen in der Lira-Inflationsspirale

Stand: 03.11.2021 14:24 Uhr

Die Inflationsrate in der Türkei ist auf knapp 20 Prozent gestiegen. Das Land ist gefangen in einer Spirale aus fallender Lira und steigenden Inflationsraten - und das bittere Ende kommt erst noch.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Notenbanker verbreiten gerne das Narrativ, wonach die derzeit hohen Inflationsraten vorübergehend sind. Das mag global betrachtet vielleicht zutreffen - mit Blick auf die Türkei kann davon jedoch keine Rede sein. Das Land sieht sich seit über einer Dekade mit hohen Inflationsraten konfrontiert. Tendenz: steigend.

So zogen die landesweiten Verbraucherpreise im Oktober gegenüber dem Vorjahresmonat um 19,9 Prozent an, wie das nationale Statistikamt heute in Ankara mitteilte. Allein im Vergleich zum Vormonat schnellten die Preise um 2,4 Prozent empor.

Türkische Lira auf Rekordtiefs zu Dollar und Euro

Ein Grund für den rasanten Anstieg der Inflationsrate ist rasch gefunden. Ökonomen wie der Commerzbank-Devisenexperte Tatha Ghose sehen in dem immer dramatischeren Kursverfall der türkischen Lira den Hauptschuldigen. Die türkische Devise war erst vor wenigen Tagen auf Rekordtiefstände zu Euro und Dollar gefallen.

Die billige Lira verteuert Waren-Importe aus dem Ausland. Das lässt die Kosten für Unternehmen und die Lebenshaltungskosten vieler Türken steigen. Die logische Folge: steigende Inflationsraten. In der Volkswirtschaftslehre wird dieser Teufelskreis aus Währungsabwertung und anziehenden Verbraucherpreisen auch als Abwertungsspirale bezeichnet.

Ökonomen sind überzeugt: Um diese Spirale zu unterbrechen, wäre ein beherztes Eingreifen der Notenbank nötig. Höhere Zinsen in der Türkei würden die globalen Kapitalströme in Richtung des Landes am Bosporus lenken und so für eine Aufwertung der türkischen Lira sorgen, die letztlich der Inflation Einhalt gebieten könnte. Doch danach sieht es derzeit so gar nicht aus.

Erdogan tauscht gerne Notenbanker aus

Entgegen allen ökonomischen Theorien und Erfahrungswerten ist Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nämlich davon überzeugt, dass sich die türkische Wirtschaftskrise nur mit niedrigen Zinsen überwinden lässt. Und diese Überzeugung setzt er mit aller Macht durch, greift dazu immer wieder massiv in die Geldpolitik ein.

Allein in den vergangenen zweieinhalb Jahren hat er drei Zentralbankchefs entlassen, weil sie seine Vorstellungen nicht umsetzten. Die jüngste drastische Zinssenkung der türkischen Notenbank um zwei volle Prozentpunkte auf 16 Prozent dürfte denn auch auf direkten Wunsch Erdogans hin erfolgt sein.

Gefährliches geldpolitisches Experiment

Dabei lässt Erdogan bei seiner Einmischungspolitik völlig außer Acht, dass er damit das Vertrauen der Finanzmärkte in die Unabhängigkeit der türkischen Zentralbank grob beschädigt und so den Kursverfall der Lira maßgeblich befördert.

Das geldpolitische Experiment Erdogans dürfte Experten zufolge böse enden. Bereits 2018 hatte Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman vor einer "Todesspirale" für die türkische Wirtschaft gewarnt. Als mögliche Auslöser nannte er damals explizit auch inländische Ereignisse wie etwa wiederholte Angriffe auf die Unabhängigkeit der heimischen Notenbank.

Lira-Kollaps ante portas?

Commerzbank-Devisenexperte Ghose ist derweil überzeugt, die Türkei steuere auf einen Punkt zu, an dem Zinserhöhungen unausweichlich seien. Doch bis es soweit sei, müsse man mit einem weiteren Überschießen der Wechselkurse rechnen. Die Türkei steuere auf einen Lira-Kollaps zu. Der Londoner Devisen-Experte hat erst vor wenigen Tagen seine Prognose für den Dollar-Lira-Kurs von zehn auf elf Lira angehoben.

Zum Vergleich: Vor fünf Jahren musste man für einen Greenback gerade einmal drei Lira zahlen. Allein in diesem Jahr hat die Lira zum Dollar knapp 30 Prozent an Wert verloren.

"Todesspirale" aus Pleitewelle und Konsumeinbruch?

Der Lira-Verfall hat dramatische Folgen - für den türkischen Staat, die türkischen Unternehmen, die türkische Bevölkerung und die Finanzmärkte. So trennen sich immer mehr Anleger von Anleihen des Landes. Das hat die Rendite der zehnjährigen türkischen Staatsanleihe auf rund 20 Prozent getrieben. Für den türkischen Staat wird es folglich immer schwerer, seine Schulden zu bedienen.

Türkische Unternehmen stehen vor ähnlichen Problemen, sind sie doch häufig in Dollar oder Euro verschuldet. Dem Krugman'schen Todesspiralen-Szenario zufolge droht nun eine ausgedehnte Pleitewelle. Diese würde laut Krugman die Arbeitslosenquote in die Höhe treiben, der inländische Konsum würde sinken. All das würde das Vertrauen der Investoren in die Türkei weiter beschädigen, was wiederum die Lira stärker unter Druck setzen würde. Die Todesspirale beginne von vorne.

Türkei-Risiken für Anleger

Nicht zuletzt birgt ein Lira-Kollaps auch hohe Risiken für die Finanzmärkte. Im Sog der türkischen Devise könnten auch andere Währungen von Staaten wie Brasilien oder Südafrika auf Abwege geraten. Diese stehen angesichts der absehbaren Straffung der US-Geldpolitik ohnehin schon unter Druck.

Zudem sind türkische Anleihen in den zuletzt so beliebten Indexfonds auf Schwellenländeranleihen häufig schwer gewichtet. Nicht jeder Privatanleger dürfte sich über das Risiko Türkei, das er sich damit eingehandelt hat, im Klaren sein.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. November 2021 um 09:11 Uhr.