Menschen arbeiten am späten Nachmittag in einem Bürogebäude am Kurfürstendamm in Berlin | dpa

Analyse von WHO und ILO Zu lange Arbeitszeiten machen krank

Stand: 17.05.2021 02:42 Uhr

Wer 55 Stunden oder mehr pro Woche arbeitet, hat ein deutlich höheres Risiko, an einem Herzinfarkt zu sterben. Zu diesem Ergebnis kommt eine UN-Analyse. Menschen in Europa sind davor relativ gut geschützt - bislang.

Von Dietrich Karl Mäurer, ARD Studio Zürich

Fast jede zehnte Arbeitskraft weltweit arbeitet 55 Stunden pro Woche oder mehr. Bei einer Fünf-Tage-Woche wären das mindestens elf Stunden täglich. Das ist zu viel und macht krank, heißt es in der Studie. Was nach einer Binsenweisheit klingt, beweisen die Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Internationalen Arbeitsorganisation ILO mit ihrer ersten globalen Analyse zum Thema.

Dietrich Karl Mäurer ARD-Studio Zürich

745.000 Tote im Jahr 2016

Unter die Lupe genommen haben sie dafür die Arbeitszeiten in aller Welt und das Risiko wegen einer Herzkrankheit oder einem Schlaganfall zu sterben. Laut dem Epidemiologen Frank Pega von der WHO in Genf zeigt die Studie, dass es ein erhöhtes Risiko für Menschen gebe, die länger als 35 bis 40 Stunde pro Woche arbeiteten. "Wir haben herausgefunden, dass im Jahr 2016 nach unseren Schätzungen ungefähr 745.000 Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestorben sind, weil sie lange Arbeitszeiten gearbeitet haben."

Diese Zahl bedeute ein Anstieg um 29 Prozent seit dem Jahr 2000. Betroffen seien vor allem Menschen im mittleren und höheren Alter, die mit Mitte 40 und danach zu viel gearbeitet haben: "Wir gehen davon aus, dass es ungefähr zehn Jahre dauert, bis man praktisch die Folgen von langen Arbeitszeiten hat", so Pega weiter.

Hausarbeit fließt in die Statistik nicht mit ein

Für ihre Analyse haben die Experten von WHO und ILO Daten aus 2300 Erhebungen aus über 150 Ländern und die Erkenntnisse aus knapp 60 Studien zusammengeführt. Demnach seien die gesundheitlichen Auswirkungen langer Arbeitszeiten zwar grundsätzlich für Frauen und Männer gleich, doch seien die Todesfälle bei Männern besonders auffällig - was auch daran liege, dass in etlichen Weltregionen Arbeit im Haushalt nach wie vor Frauensache ist und diese nicht in den Statistiken erfasst wurde.

Das Risiko, wegen zu viel Arbeit am Herz-Kreislauf-System zu erkranken, hätten vor allem Menschen im westpazifischen Raum und in Südostasien, aber auch in Afrika und in Südamerika - so Pega von der Weltgesundheitsorganisation weiter. In Europa und Nordamerika seien die Belastungen nicht so groß. "Das hat mit Sicherheit viel damit zu tun, dass es in Europa besonders starke Arbeitsschutzrichtlinien gibt und die scheinbar in dem Sinne auch eingehalten und überwacht werden."

WHO: Kein Job ist das Risiko wert

Dennoch sieht man auch hier Probleme. So habe sich im Zuge der Pandemie das Gesundheitsrisiko vieler erhöht durch eine erhebliche Veränderung der Arbeitswelt - Stichwort Homeoffice: "Man kann natürlich davon ausgehen, dass die Arbeitsbereiche verschwimmen mit dem privaten Bereich", so Pega. Die Grenzen zwischen dem, was Arbeitszeit und was Zeit mit der Familie und auch Entspannungszeit sei, würden verschwimmen.

Die Weltgesundheitsorganisation und die Internationale Arbeitsorganisation mahnen an, Regeln zu finden, die der Gesundheit dienen. Generell müssten Regierungen, Arbeitgebende und Arbeitnehmende Maßnahmen ergreifen, um die Gesundheit der arbeitenden Menschen zu schützen. Kein Job sei das Risiko eines Schlaganfalls oder einer Herzerkrankung wert, so WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell Radio am 17. Mai 2021 um 08:25 Uhr.