Teile des LNG-Terminals in Barcelona | REUTERS

LNG für Europa Spaniens Schlüsselrolle beim Gas

Stand: 05.06.2022 13:00 Uhr

Dank vieler Flüssigerdgas-Terminals ist Spanien wichtig für Europas Energieversorgung. Neue Pipelines könnten den Stellenwert des Landes noch steigern. Doch wie passt das zur Abkehr von fossilen Brennstoffen?

Von Reinhard Spiegelhauer, ARD-Studio Madrid

Sieben von 26 EU-Terminals für Flüssigerdgas (LNG) stehen in Spanien und Portugal, das größte Europas ist in Barcelona. Doch aktuell gibt es ein Problem: Die Pipelines von der Iberischen Halbinsel nach Zentraleuropa sind ein Flaschenhals. Seitdem Russland Gaslieferungen nach Polen, Bulgarien, Finnland und neuerdings auch in die Niederlande und nach Dänemark eingestellt hat, sind die beiden Pipelines zwischen Spanien und Frankreich komplett ausgelastet.

Reinhard Spiegelhauer ARD-Studio Madrid

Mögliche neue Pipelines

Aber: Zwei weitere Verbindungen, eine nach Frankreich und eine nach Italien, könnten im Idealfall schon in zwei bis drei Jahren Gas transportieren. Die Transportkapazität würde sich dabei mehr als verdoppeln.

Besonders vorteilhaft wäre eine projektierte unterseeische Verbindung nach Italien, sagt Arturo Gonzalo, Vorstandsvorsitzender des spanischen Gasnetzbetreibers Enagas. "Diese Pipeline ist sehr attraktiv, weil sie das Gas aus dem portugiesischen und dem spanischen System und insbesondere aus dem größten Terminal Europas in Barcelona ins Herz des europäischen Gasnetzes brächte - Italien verfügt über viele Verbindungen im europäischen System", so Gonzalo.

Machen weitere Leitungen überhaupt noch Sinn?

Außerdem soll es den Lückenschluss für die MidCat-Pipeline geben. Hier fehlen nur wenige hundert Kilometer an der Landesgrenze zwischen Spanien und Frankreich. Aber: Abhängigkeit von Russland hin oder her - macht es wirklich Sinn, noch drei bis vier Milliarden Euro in Pipelines zu investieren, wenn man doch eigentlich wegen des Klimawandels weg von fossilen Brennstoffen muss?

“Man könnte auf die Idee kommen, denn das Ziel lautet ja, bis 2050 CO2-neutral zu sein", sagt Gonzalo. "Bis dahin müssen Kohlenwasserstoffe ersetzt werden. Aber die strategische Stärke ist, dass neue Pipelines heute 100 Prozent Wasserstoff-geeignet gebaut werden können. Die Infrastruktur, die uns heute Versorgungssicherheit gibt, hilft morgen bei der Dekarbonisierung."

Zukunftsfähig durch Wasserstoff

Das gilt zum Beispiel für Hochöfen, bei denen Kohle durch Wasserstoff abgelöst werden soll. Die chemische Industrie wird für viele Prozesse ebenfalls von Erdgas auf Wasserstoff umsteigen müssen. Tatsächlich hat die EU-Kommission schon vor dem Krieg in der Ukraine Ziele benannt: Bis 2030 sollen 20 Milliarden Tonnen "grüner" Wasserstoff zur Verfügung stehen, viermal mehr als heute. Mindestens die Hälfte davon soll in Europa produziert werden.

Zahlreiche Pilotprojekte für grünen Wasserstoff sind schon am Start. Portugal investiert zum Beispiel mehr als eine Milliarde Euro, um am Standort seines LNG-Terminals in Sines auch grünen Wasserstoff und Ammoniak zu erzeugen - jeweils 50.000 Tonnen jährlich, verspricht Umwelt- und Klimaminister Duerte Cordeiro.

Enorm hoher Strombedarf

Doch der Strombedarf für die bis 2030 angestrebten Wasserstoffmengen ist riesig: 100.000 Megawatt aus regenerativen Quellen werden zusätzlich zur heutigen Produktion benötigt.

Für Spanien und Portugal eine spannende wirtschaftliche Perspektive - denn beide Länder haben bei der Stromerzeugung aus Sonnenlicht und per Windkraft Standortvorteile. Portugal hat darüber hinaus heute schon Pipelines, die für den Wasserstofftransport vorbereitet sind. In Spanien kann nachgerüstet werden. Bestehende Pipelines aus Algerien und Marokko könnten in Zukunft grünen Wasserstoff aus Nordafrika Richtung Europa leiten.

Relativ kurzfristig könnten also eine Mittelmeer-Pipeline nach Italien und ein Lückenschluss nach Frankreich bei der Deckung des europäischen Gasbedarfs per LNG helfen - und zugleich mittelfristig eine bedeutende Rolle beim Ausstieg aus diesem fossilen Brennstoff spielen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. Juni 2022 um 17:15 Uhr.