Schiffbauer arbeiten im Dock der MV-Werft.  | picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Gestörte Lieferketten Wie abhängig ist die deutsche Wirtschaft?

Stand: 23.05.2022 17:14 Uhr

Stockende Lieferketten halten die Wirtschaft in Atem. Die Auftragsbücher sind voll, die Lager dagegen leer. Sind Unternehmen zu abhängig von einzelnen Zulieferern?

Von Constantin Röse, ARD-Börsenstudio Frankfurt

Es sind keine einfachen Zeiten für die Schiffbaubranche. Nach der Corona-Krise wollte die Werftindustrie eigentlich wieder durchstarten. Doch schon kommt das nächste Problem: Die Materialpreise sind teilweise um 20 Prozent und mehr gestiegen. "Wir haben Aufträge in unserem Auftragsbestand, die wir zu Festpreisen hereingenommen haben, deren Kalkulationsbasis zum Teil zwei Jahre zurückliegt und die Ablieferung der Schiffe erst in ein zwei Jahren erfolgt", erklärt Harald Fassmer, Präsident vom Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM). "Da passen heute Preis und Kalkulation nicht mehr zusammen." Es drohen Verluste, wenn nicht mit Auftraggebern nachverhandelt wird.

Mit gestiegenen Preisen kämpfen nicht nur Schiffbauer. Unternehmen, egal welcher Branche, zerbrechen sich gerade den Kopf, wie und in welcher Höhe sie die gestiegenen Kosten weitergeben können. Wie entwickelt sich in dieser Gemengelage die Stimmung in deutschen Unternehmen? Nach der allmonatlichen Umfrage des ifo-Instituts hat sich das Geschäftsklima im Mai überraschend aufgehellt. Doch das liegt vor allem an einem Wirtschaftsbereich: dem Dienstleistungssektor - also etwa Restaurants oder Cafés. Sie bilden ein Gegengewicht zur schwächelnden Industrie. Der zweite Blick zeigt: Die Erwartungen an die künftigen Geschäfte haben sich bei Unternehmen insgesamt aber kaum verbessert.

Lieferengpässe wohl noch das ganze Jahr über

Immerhin: Anzeichen einer Rezession sieht auch der Konjunkturforscher Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft noch nicht: "Wir sehen, dass es weiterhin aufwärts geht. Das spricht ja erstmal für eine günstige Entwicklung. Aber es könnte noch viel kräftiger aufwärts gehen, wenn wir nicht diese Belastung durch die Lieferketten-Problematik hätten." Alle Welt schaut besonders nach China. Weil dort Millionenstädte wie Shanghai zwei Monate im Lockdown waren, kam die Produktion in vielen Fabriken zum Erliegen.

Verzögerungen gibt es auch an den Häfen, erklärt Kooths. "Derzeit sind mehr als doppelt so viele Güter im internationalen Containerverkehr auf Halde - also lahmgelegt - und warten vor den Häfen auf ihre Abwicklung." So wie viele andere Ökonomen geht auch Kooths davon aus, dass die Lieferengpässe bei Rohstoffen und Vorprodukten noch das gesamte Jahr anhalten werden.

Nicht breit genug aufgestellt?

Julia Hartmann, Professorin für Management und Nachhaltigkeit an der privaten EBS Universität, hat Lieferketten wissenschaftlich untersucht. Im Interview mit tagesschau24 rät sie Unternehmen dazu, sich breiter aufzustellen - und sich nicht zu abhängig von einem Land und einem Lieferanten zu machen: "Jedes Unternehmen muss dafür sorgen, dass diese Strukturen in den Lieferketten aufgebrochen werden." Die Unternehmen müssten sich viel stärker diversifizieren, resilienter aufbauen und andere Lieferanten mitaufbauen. "Das braucht Zeit", so Hartmann.

Für die deutschen Schiffbauer sind robustere Lieferketten nur ein Teil der Lösung. Sie sorgen sich langfristig auch um ihre Aufträge, vor allem im Preiskampf mit der asiatischen Konkurrenz. Greift die europäische Wirtschaft künftig wieder stärker auf regionale Hersteller und Produzenten zurück, könnte die Werftbranche profitieren.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. Mai 2022 um 17:00 Uhr.