Ein geschlossenes McDonald's-Restaurant in einem Moskauer Einkaufszentrum. | EPA

Konzern-Rückzug aus Russland "Bei Onkel Wanja" statt McDonald's?

Stand: 07.04.2022 09:18 Uhr

Mehr als 200 internationale Konzerne haben ihr Russland-Geschäft eingeschränkt, ausgesetzt oder beendet. Wie geht es mit deren Läden und Marken weiter? Kaufen Russen ihre Möbel bald bei IDEA statt bei IKEA?

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Einst bildeten sich hier lange Schlangen, als vor 32 Jahren direkt neben dem Puschkin-Platz im Herzen Moskaus der erste McDonald's der Sowjetunion eröffnete. Jetzt herrscht im Innenraum gähnende Leere. Das goldene M schimmert nur leicht hinter der neuen, dunklen Glasfassade hindurch.

Martha Wilczynski ARD-Studio Moskau

Wie zahlreiche andere ausländische Unternehmen hatte auch die US-Fast-Food-Kette bald nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine erklärt, ihre Geschäfte in Russland zumindest vorübergehend zu schließen. Insgesamt 850 Filialen mit rund 62.000 Angestellten. Der Vorsitzende der russischen Staatsduma, Wjatscheslaw Wolodin, hatte das damals so kommentiert: "Sie haben gesagt, dass sie zumachen. Auch gut, macht zu. Schon morgen wird es dort kein McDonald's mehr geben, dafür aber ein 'Bei Onkel Wanja'. Die Arbeitsplätze werden erhalten bleiben und die Preise werden gesenkt."

Kurz darauf tauchten im Internet erste Bilder auf, wie das goldene M einfach gedreht und somit auch als Markenzeichen für "Onkel Wanja" weiterverwendet werden könnte. Und offenbar hatte jemand tatsächlich versucht, diese "Marke" offiziell zu registrieren. So erzählte der Leiter der russischen Patentbehörde Rospatent, Juri Subow, im Interview mit dem Medienportal "Iswestija": "Ich kann sagen, dass die Antragsteller ihren Fehler eingesehen haben und etwa zwei Wochen, nachdem Presse das gemeldet hatte, ihren Antrag doch zurückgezogen haben. Die Geschichte ist damit beendet."

Erinnerung an Zeit florierender Raubkopien

Online hatte das Projekt "Bei Onkel Wanja" für Belustigung, aber auch für Spott gesorgt. Auch weil sich einige in die 1990er-Jahre und somit in die Zeit florierender Raubkopien zurückversetzt fühlten. Dies sei aber nicht der einzige Fall gewesen, berichtet Patentamts-Chef Subow: "Bei uns werden Anträge auf Registrierung von Marken wie Coca-Cola und McDonald's eingereicht, aber auch von Brands, die zum Verwechseln ähnlich sind, wie NeZpresso für Nespresso und IDEA für IKEA. Die meisten dieser Anträge werden aber nach kurzer Zeit von den Antragstellern selbst zurückgerufen."

Laut dem Wirtschaftsportal RBK sollen bis Ende März rund 50 solcher Anträge gestellt worden sein. Dabei sei eine derartige "russische Übernahme" zum jetzigen Zeitpunkt auch rein rechtlich gar nicht möglich, sagt der Jurist Alexej Matjuchow. "Russland ist bis jetzt, Gott sei Dank, nicht aus dem Madrider Abkommen ausgestiegen, das die internationale Registrierung von Marken regelt", erläutert er. "Der Großteil der russischen Tochterfirmen internationaler Marken arbeitet mit entsprechenden Lizenzverträgen. Und die russische Gesetzgebung erlaubt es natürlich nicht, die gleichen beziehungsweise äußerst ähnliche Marken zu registrieren."

Ändern könnte sich das aber, räumt der Jurist ein, sollte Russland aus weiteren internationalen Abkommen und somit auch aus dem Madrider Vertrag aussteigen: "Dann wäre eine Registrierung dieser Marken durch andere Personen durchaus möglich."

Ladenlokale bleiben leer

Vorerst aber bleiben die Ladenlokale der betreffenden Unternehmen einfach leer. Die Angestellten bekommen weiterhin ihr Gehalt - zumindest in Teilen.

Vor allem Mode-Label von H&M bis hin zu Gucci und Prada machen der russischen Kundschaft mit an den verrammelten Türen angebrachten Zetteln Hoffnung, dass man bald wieder für sie da sein werde. Was dies aber bedeute, weiß niemand so genau.

Ein Schild weist die Gucci-Kunden darauf hin, dass das Geschäft in Moskau geschlossen wurde. | Martha Wilczynski

Luxusmarken wie Gucci vertrösten ihre Kunden mit vage formulierten Hinweisschildern. Bild: Martha Wilczynski

Unklare Zukunft der Standorte

Auch sei nicht abschließend geklärt, was mit den Standorten von Firmen geschehen soll, die sich nun vollständig aus Russland zurückgezogen haben, erklärt der Wirtschaftsexperte Pawel Weschajew im Interview mit RBK: "Wir können leider im Moment nicht sagen, ob in dem Fall eine tatsächliche Übergabe an das russische Management der Firma stattfindet. Oder ob es einen 'maskierten' korporativen Vertrag geben wird, so dass es sich dann einfach um verstecktes ausländisches Eigentum handelt." Nur die Zeit, so der Wirtschaftsexperte, könne klären, was am Ende daraus wird.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 18. März 2022 um 08:41 Uhr.