Dunkler Himmel über dem Kreml und der Basilius-Kathedrale im Zentrum von Moskau. | AFP

Ratingagentur Fitch Russland "unmittelbar" vor der Staatspleite

Stand: 09.03.2022 09:06 Uhr

Russland droht trotz voller Staatskassen der Zahlungsausfall. Die Ratingagentur Fitch sieht dafür ein "unmittelbares" Risiko, auch das DIW hält eine Staatspleite Russlands für sehr wahrscheinlich.

Die Ratingagentur Fitch hat ihre Bewertung für die Kreditwürdigkeit Russland noch tiefer in den so genannten "Ramschbereich" für hochriskante Anlagen gedrückt. Die US-Agentur stufte die Bonitätsnote für Russland von "B" auf "C" herab. Fitch bewertete das Risiko, dass Russland seine Staatsschulden nicht mehr zurückzahlen könnte, in der Nacht zum Mittwoch als "unmittelbar bevorstehend".

Präsidialerlass und Sanktionen schüren Pleite-Ängste

Zur Begründung verwies Fitch auf "Entwicklungen, die Russlands Bereitschaft zur Rückzahlung der Staatsschulden weiter untergraben haben". Damit spielten die Bonitätswächter auf den am vergangenen Wochenende unterzeichneten Präsidialerlass an, der es Russland erlauben könnte, Gläubiger bestimmter Länder in Rubel statt in Fremdwährung zu bezahlen.

Die Ratingagentur verwies aber auch auf das gestern verkündete US-Importverbot für Erdöl und Gas aus Russland: "Allgemeiner betrachtet erhöhen die Verschärfung der Sanktionen und Vorschläge, die den Energiehandel einschränken könnten, die Wahrscheinlichkeit einer politischen Reaktion Russlands, die zumindest eine selektive Nichtbezahlung seiner Staatsanleihen beinhaltet."

DIW-Präsident sieht hohes Risiko für Zahlungsausfall

Mit dieser Einschätzung steht die US-Agentur indes nicht allein da. Auch Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, hält einen Zahlungsausfall des russischen Staates in den kommenden Monaten für sehr wahrscheinlich.

Aufgrund der westlichen Sanktionen wegen des Kriegs gegen die Ukraine bestehe ein hohes Risiko, dass Russland seine Schulden bei internationalen Investoren nicht bediene, sagte Fratzscher der Nachrichtenagentur dpa. Schließlich habe Russland keinen freien Zugriff mehr auf seine Geldreserven.

Bereits am Montag hatte derweil die US-Investmentbank Morgan Stanley in einem Brief an ihre Klienten gewarnt: "Wir sehen einen Zahlungsausfall als wahrscheinlichstes Szenario." Und der Ex-Hedgefondsmanager Jay Newman sagte jüngst im Bloomberg-Interview: "Ich wäre schockiert - absolut schockiert - wenn sie sich die Mühe machen, ihren Zahlungen später in diesem Monat nachzukommen."

Nur ein technischer Zahlungsausfall?

Dem Finanznachrichtendienst Bloomberg zufolge hat Russland aktuell 49 Milliarden Dollar an Staatsanleihen in Dollar und Euro offen. Bereits in einer Woche, am 16. März, muss Russland Zinszahlungen über mehr als 100 Millionen Dollar leisten. Am 4. April läuft eine Anleihe über zwei Milliarden Dollar aus.

Sollten die Zinszahlungen in der kommenden Woche ausbleiben, würde dies allerdings nicht bedeuten, dass Russland direkt pleitegeht. Nach dem ersten Zahlungsversäumnis beginnt gewöhnlich eine 30-tägige Gnadenfrist, so dass der eigentliche Ausfall erst im April erfolgen würde.

Außerdem könnte es sich wegen der außergewöhnlichen Situation durch die Sanktionen zunächst nur um einen technischen oder teilweisen Zahlungsausfall handeln, also noch nicht um eine staatliche Insolvenz im eigentlichen Sinne.

Unterschiede zur Staatspleite 1998

Die aktuellen Entwicklungen wecken Erinnerungen an den August 1998. Damals stellte die russische Regierung wegen knapper Kassen die Bedienung der Binnenschulden ein und gab den Rubel zur Abwertung frei.

Doch die Ausgangslage 2022 unterscheidet sich deutlich von der Situation 1998: Damals hatte Russland hohe Staatsschulden und geringe Devisenreserven. Heute ist Russlands Staatskasse dagegen prall gefüllt. Die russische Zentralbank verfügt über Reserven von rund 640 Milliarden Dollar. Allerdings hat das Land wegen der westlichen Sanktionen keinen Zugriff mehr auf den Großteil seiner Devisenreserven. Das könnte Russland nun zum Verhängnis werden.