Luftaufnahme einer Schokoladenfabrik in Suhum in Ghana mit Bergen im Hintergrund | Caroline Hoffmann

G20-Wirtschaftsgipfel Wie Investitionsanreize in Afrika wirken

Stand: 27.08.2021 09:32 Uhr

Zum vierten Mal trifft Kanzlerin Merkel heute Politiker aus mehreren Staaten Afrikas. Im Mittelpunkt steht dabei die Wirtschaftsinitiative "Compact with Africa". Was hat sie bisher bewirkt?

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

Dunkle Kakaomasse fließt in die blauen Plastikschalen. Reihe an Reihe, hoch automatisiert. In dieser großen Halle in Suhum in Ghana wird Schokolade produziert, rund 40.000 Tafeln am Tag. Das deutsch-ghanaische Unternehmen Fairafric bezieht nicht nur die Kakaobohnen im Land und exportiert sie dann, wie es sonst in der Branche üblich ist, sondern verarbeitet den Rohstoff direkt vor Ort. Erst dann werden die Tafeln nach Europa transportiert.

Caroline Hoffmann ARD-Studio Nairobi

"Die Idee ist, mehr Wertschöpfung im Land selbst zu schaffen, und das funktioniert sehr gut", sagt Geschäftsführer Michael Marmon-Halm. Das Konzept von Fairafric bringt auch dadurch den Bauern höhere Einkünfte und schafft Arbeitsplätze in Ghana.

Produktion unter schwierigen Bedingungen

Einfach ist die Produktion hier nicht immer. Ghana ist nicht sehr stark industrialisiert. Die Infrastruktur ist darauf auch nicht ausgelegt. Der Strom bleibt öfter mal weg. "Wir haben sehr viele Protokolle, wie wir damit umgehen", sagt Firmengründer Hendrik Reimers. "Nach 20 Minuten nochmal wieder einschmelzen, weil sie eventuell nicht perfekt rausgekommen sind. Daran orientieren wir uns oder versuchen, damit bestmöglich klarzukommen."

Probleme bewältigen - und eigene Lösungen suchen, das ist wichtig für die Firma. Auf dem Dach der Produktionshalle befindet sich mittlerweile eine Solaranlage. Gerade solche Schwierigkeiten schrecken viele Unternehmen aber ab, in Afrika aktiv zu werden.

Private Investitionen statt klassischer Entwicklungshilfe

Daran will die von Deutschland im Rahmen der G20 gegründete Initiative "Compact with Africa" seit 2017 etwas ändern. Private Investitionen statt klassischer Entwicklungshilfe. Afrikanische Länder sollten sich zu strengen Wirtschaftsreformen verpflichten, im Gegenzug wollte Deutschland Privatinvestoren in die Länder locken und diese unterstützen. Es ist ein Angebot an den ganzen Kontinent. Zwölf Länder - Ägypten, Äthiopien, Benin, Burkina Faso, die Elfenbeinküste, Ghana, Guinea, Marokko, Ruanda, Senegal, Togo und Tunesien - haben sich der Initiative bisher angeschlossen.

Fairafric war schon vorher in Westafrika aktiv. Doch das Unternehmen profitiert von der Initiative, erhielt mehrere Millionen Euro Förderkredit für den Bau der neuen Halle von AfrikaConnect, einem der drei Bausteine des Entwicklungsinvestitionsfonds, der auch den Compact unterstützen soll. Eine andere Lösung wäre schwieriger gewesen, das Risiko für deutsche Banken zu groß, erklärt Reimers: "Wenn so eine Fabrik in Afrika steht, dann ist die für ein deutsches Finanzinstitut einfach überhaupt nichts wert. Wenn wir uns bei einer ghanaischen Bank Geld leihen, zahlen wir so um die 20 Prozent Zinsen."

Fairafric-Firmengründer Hendrik Reimers | Caroline Hoffmann

"Wenn so eine Fabrik in Afrika steht, dann ist die für ein deutsches Finanzinstitut einfach überhaupt nichts wert" - Fairafric-Firmengründer Hendrik Reimers Bild: Caroline Hoffmann

Mehr Aufmerksamkeit für Afrika

Die Firma gilt als eines der Vorzeigeprojekte der Initiative. Sie sei aber kein Durchschnittsprojekt, sagt Jann Lay vom GIGA-Institut in Hamburg. "Compact hat einige Veränderungen in den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den Teilnehmerländern erreicht, zum Beispiel im steuerlichen Bereich. Aber vor allem hat es für mehr Aufmerksamkeit bei den deutschen Unternehmen gesorgt, auch nach Afrika zu blicken."

Ob dies nun langfristig zu deutschen Investitionen im großen Stil führe, lasse sich noch nicht sagen. Hinzu kommt die Corona-Pandemie. Die deutschen Netto-Direktinvestitionen, die 2020 nach Afrika flossen, haben im Vergleich zum Vorjahr laut Bundesbank sogar etwas zugenommen, lagen aber 2017 und 2018 wesentlich höher. Noch gibt es zudem keine Zahlen, um beurteilen zu können, wie sich Corona auf den Bestand der Investitionen auswirkt, der über die vergangenen Jahre gewachsen ist.

Corona-Krise trifft afrikanische Wirtschaft massiv

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller sieht den Compact gegenüber dem ARD-Studio Nairobi auf dem richtigen Weg. "Den Erfolg kann man im 'Doing Business'-Report der Weltbank sehen. Unserer Reformländer schneiden deutlich besser ab, einige haben es sogar auf die Top-Ten-Liste der besten Wirtschaftsreformer geschafft", sagt er.

Die allgemeine Lage auf dem Kontinent habe sich durch die Corona-Pandemie aber massiv verschlechtert. "Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise haben Entwicklungsländer schwer getroffen. 120 Millionen Menschen fallen durch die Pandemie in Hunger und Armut. Mehr als 300 Millionen Menschen haben über Nacht ihre Arbeit verloren", sagt Müller.

Deutschland liegt im Zukunftsmarkt Afrika zurück

Afrika ist der größte Wachstums- und Zukunftsmarkt. Doch Deutschland liegt auch mit leicht steigenden privaten Investitionen im Vergleich mit anderen Ländern immer noch weit zurück. 2019 lag der Bestand an Direktinvestitionen aus Deutschland in Afrika bei rund zwölf Milliarden Euro, bei China waren es 27, bei Frankreich 55 Milliarden Euro, wie aus UNCTAD-Zahlen hervorgeht.

Der Afrika-Verein der Deutschen Wirtschaft sieht Verbesserungen, hält den Compact aber für zu kurz gegriffen. "Wenn wir aber überlegen, dass wir pro Jahr allein 20 Millionen neue Arbeitsplätze in Afrika brauchen, um die Bevölkerungswachstumszahlen auszugleichen, dann war das natürlich bisher nur ein Tropfen auf dem heißen Stein", sagt Stefan Liebing, Vorsitzender des Vereins. "Wir haben jetzt ein Paar tausend neue Arbeitsplätze pro Jahr, aber nicht im Millionenbereich. Und wenn wir das ernsthaft wollen, dann müssen wir Entwicklungspolitik nochmal ganz neu angehen."

Zu geringe Effekte auf dem Arbeitsmarkt

So soll dann auch Migration verhindert werden. Auf dem Kontinent selbst wird der Ansatz, private Investitionen stärken zu wollen, grundsätzlich positiv wahrgenommen. Es würden aber vor allem Schwellenländer profitieren, für Entwicklungsländer sei dies schwieriger. Auch hier sagen viele Ökonomen, genug Arbeitsplätze seien aus ihrer Sicht nicht entstanden.

Hinzu komme, dass die deutsche Wirtschaft vom Mittelstand getragen sei, der afrikanische Markt aber anders funktioniere, und viele Menschen Kleinstunternehmer seien. "Wie viele Arbeitsplätze entstehen, die dann auch den Menschen vor Ort zur Verfügung stehen?", fragt die Ökonomin Tabitha Kiriti. "Ausländische Investitionen helfen oft denen, denen es sowieso schon besser geht." Außerdem suche der Westen weiterhin keine echte Partnerschaft.

"Die G20 betrachten Afrika immer noch nicht als eine Chance, sie sehen es immer noch als ein Problem", sagt der Analyst William Odhiambo. "Bring Dein Haus in Ordnung, dann geben wir Dir Geld." Für die meisten Länder Afrikas spielt eine andere Wirtschaftsinitiative sowieso eine wesentlich größere Rolle. Im Januar startete die Afrikanische Freihandelszone. Am Ende des Prozesses soll der größte Binnenmarkt der Welt entstehen, mit 1,2 Milliarden Menschen. Das soll den innerafrikanischen Handel fördern, Arbeitsplätze schaffen und die wirtschaftliche Abhängigkeit Afrikas vom Rest der Welt verringern.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. August 2021 um 12:00 Uhr.