Britische 5-Pfund-Banknoten | Reuters

Wegen Steuersenkungen Britisches Pfund fällt auf Rekordtief

Stand: 26.09.2022 11:30 Uhr

Zweifel an den britischen Staatsfinanzen lösen einen Ausverkauf beim Pfund aus. Die Währung ist zum Dollar auf ein historisches Tief gesunken. Manche Experten halten eine Intervention der Bank von England für nötig.

Das Pfund ist heute zeitweise um knapp fünf Prozent auf 1,0350 Dollar eingebrochen und hat damit ein neues Rekordtief markiert. Auslöser des größten Kursrutsches seit dem Börsen-Crash im März 2020 ist die Ankündigung der britischen Regierung, die Steuer stark zu senken. Bereits in den vergangenen Tagen hatte die britische Währung drastisch an Wert verloren.

Die starken Steuersenkungen hatte die neue Regierung unter Premierministerin Liz Truss und Finanzminister Kwasi Kwarteng am vergangenen Freitag vorgestellt. Auch andere geplante Entlastungen betrachten Fachleute als Unsicherheitsfaktor. Am Freitag war das Pfund erstmals seit langem wieder unter 1,10 Dollar gefallen. Manche Experten rechnen damit, dass es zur Parität kommen könnte.

Hohe Staatsverschuldung

Ihre Pläne im Umfang von Dutzenden Milliarden Pfund will die Regierung vor allem durch enorme zusätzliche Verschuldung finanzieren. Kwarteng bringe die Staatsverschuldung auf einen "nicht nachhaltigen, steigenden Pfad", kritisierte die Denkfabrik Institute of Fiscal Studies (IFS). Der Thinktank Resolution Foundation geht davon aus, dass Großbritannien in den kommenden fünf Jahre zusätzliche Kredite von 411 Milliarden Pfund (rund 460 Milliarden Euro) braucht. "Die Kasinowirtschaft der Tories setzt die Hypotheken und Finanzen jeder Familie im Land aufs Spiel", twitterte Oppositionschef Keir Starmer.

Verlieren Investoren das Vertrauen?

Der finanzpolitische Kurs bereite dem Devisenmarkt mit Blick auf die steigende Staatsverschuldung große Sorgen, kommentierte auch Expertin You-Na Park-Heger von der Commerzbank. Gleichzeitig drohten die geplanten Entlastungen den Inflationsdruck noch zu verschärfen, so der Commerzbank-Devisenfachmann Ulrich Leuchtmann. Der britische Finanzminister Kwarteng sagte indes, dass die Reform nur der Anfang sei. Weitere Steuerkürzungen sollen folgen.

"Es besteht ein echtes Risiko, dass internationale Investoren das Vertrauen in die britische Regierung verlieren", sagte Mark Dowding vom Vermögensverwalter BlueBay Asset Management der "Financial Times". Der Markt frage sich, wie Kwarteng die enormen Kosten finanzieren wolle. Der US-Ökonom Nouriel Roubini sieht das Land bereits auf Kurs für eine Rettungsaktion des Internationalen Währungsfonds (IWF). "Großbritannien verhält sich ein bisschen wie ein aufstrebender Markt, der sich in einen untergehenden Markt verwandelt", sagte der frühere US-Finanzminister Larry Summers.

"Die Bank von England (BoE) muss heute eingreifen, um das Pfund zu stabilisieren", sagte Anlagestratege Michael Every von der Rabobank. Erst am Donnerstag hatte die Zentralbank im Kampf gegen die hohe Inflation den Leitzins deutlich auf 2,25 Prozent erhöht. Damit werden Kredite und Hypotheken teurer. Die Notenbank geht davon aus, dass sich die britische Wirtschaft bereits in einer Rezession befindet.

Euro auf 20-Jahres-Tief

Auch die europäische Gemeinschaftswährung kostete in der Nacht zum Montag rund 0,95 Dollar und damit so wenig wie letztmals im Jahr 2002. Der Euro wird vor allem durch die Energiekrise in Europa belastet. Der Wahlausgang in Italien, wo politisch rechte Kräfte die Oberhand gewannen, könnte den Euro zusätzlich belastet haben.

Zudem ist der US-Dollar an den Finanzmärkten weiter stark gefragt. Im Gegenzug geraten andere Währungen unter teils erheblichen Druck. Der Dollar gilt in Zeiten der Krise bei Investoren als sichere Alternative zu anderen Geldanlagen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 26. September 2022 um 11:03 Uhr.