Eine Person tankt ein Auto auf. | dpa
Analyse

EU-Sanktionspläne Verteuert ein Embargo Öl und Sprit?

Stand: 04.05.2022 06:11 Uhr

Noch in dieser Woche könnten die EU-Mitgliedsstaaten ein Öl-Embargo gegen Russland beschließen. Hätte das sprunghaft steigende Öl- und Spritpreise zur Folge? Eher nicht, meinen Experten und nennen dafür mehrere Gründe.

Von Notker Blechner und Bianca von der Au

Lange wurde darüber spekuliert, nun könnte es schnell gehen: Die EU-Kommission schlägt den Mitgliedsländern einen schrittweisen Ausstieg aus dem Import von russischem Öl vor - im Rahmen des sechsten Sanktionspakets gegen Russland. Nach wochenlanger Blockade hat Deutschland seinen Widerstand gegen ein solches Öl-Embargo aufgegeben. Allerdings wollen Ungarn und die Slowakei vorerst nicht auf russisches Öl verzichten. Sie werden diesen Teil der Sanktionen nach eigenen Angaben nicht unterstützen und pochen auf Ausnahmeregelungen. Ihnen dürfte eine längere Übergangsfrist gewährt werden, heißt es aus Brüssel.

Auch in Deutschland soll das russische Öl nicht von heute auf morgen verbannt werden. Das Embargo soll im Verlauf von mehreren Monaten greifen. Das Bundeswirtschaftsministerium hält einen Ausstieg von russischen Rohölimporten bis zum Spätsommer für realistisch. Binnen weniger Wochen ist der Anteil des russischen Öls am Ölverbrauch Deutschlands bereits von 35 auf zwölf Prozent gesunken.

Ölpreise fallen

Trotz der Embargo-Ankündigung haben sich die Rohstoff-Märkte zuletzt kaum bewegt. Die Ölpreise sanken heute sogar. Am frühen Abend kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent 105,66 US-Dollar. Das sind rund zwei Prozent weniger als am Vortag. Der Preis für ein Fass der US-amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) verbilligte sich ebenfalls.

Wie ist das zu erklären? Noch sorge das mögliche Öl-Embargo gegen Russland für keine besondere Aufregung am Öl-Markt, sagte Johannes Müller, Leiter der volkswirtschaftlichen Analyse bei der Fondsgesellschaft DWS, im ARD-Börsenstudio. "In den Preisen ist auch schon antizipiert, dass die Welt oder zumindest die westliche Welt kein russisches Öl mehr kaufen will." Zu einem großen Teil eingepreist zu sein scheine ein Szenario, in dem die EU bis zum Jahresende seine Ölimporte aus Russland auf nahezu null reduziert habe, bestätigt Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburger Commercial Bank, im Gespräch mit tagesschau.de.

Ölembargo schon eingepreist

Rohstoffexperten verweisen darauf, dass zwar auf der Angebotsseite Knappheit herrsche, da Russland seit seinem Angriff auf die Ukraine scharfen Sanktionen unterliegt und deshalb Probleme hat, Abnehmer für sein Erdöl zu finden. Das spricht für hohe und eher steigende Ölpreise.

Die rigorose Corona-Politik Chinas könnte andererseits die dortige Rohöl- und Benzinnachfrage abwürgen, fürchten Experten. Das spricht gegen weiter steigende Ölpreise. Denn China ist als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt auch eines der größten Ölverbrauchsländer. Die Lockdowns in der Volksrepublik schüren zudem die Rezessionsängste. Denn nicht nur dort kühlt sich die Konjunktur ab. "In den USA halten einige Marktteilnehmer eine Rezession für wahrscheinlich, weil die US-Notenbank im Begriff steht, den Leitzins in den nächsten Monaten kräftig anzuheben", sagt Commercial-Bank-Ökonom de la Rubia. Und in Deutschland und anderen EU-Ländern hänge das Damoklesschwert eines Erdgasembargos über der Industrie und der Gesamtwirtschaft. In einem derartigen Umfeld werde eher erwartet, dass der Erdölverbrauch zurückgehe und die Preise nicht weiter stiegen.

Bisher kaum Ersatz für russisches Öl

Zudem, so de Rubia gegenüber tagesschau.de, gelinge es den USA offensichtlich, mit der Freigabe von einer Million Barrel Öl pro Tag aus der strategischen Reserve Druck aus dem Kessel zu nehmen und den Ölmarkt etwas zu entlasten. Die USA waren der erste große westliche Industriestaat, der einen Importstopp von russischem Öl beschloss. Allerdings haben sich die Hoffnungen der US-Regierung, dass andere Ölproduzenten in Bresche springen, bisher nicht bewahrheitet. Venezuela hat seine Ölproduktion bisher kaum hochgefahren. Auch der Iran, der von den USA immer noch sanktioniert wird, wird den Wegfall russischen Öls nicht kompensieren können. Die Verhandlungen zum Atomabkommen mit dem Iran kommen nicht voran.

Ob die OPEC-Staaten am Donnerstag ihre Ölförderung ausweiten, ist ungewiss. "Die OPEC Plus wird voraussichtlich an ihrem bisherigen Muster festhalten und die Förderquoten um 400.000 Barrel/Tag im Juni anheben", mutmaßt Chefvolkswirt de Rubia. "Das entspricht in etwa 0,5 Prozent der weltweiten Förderung."

Ölpreis-Prognosen von 90 bis 135 Dollar je Barrel

Dementsprechend uneins sind sich die meisten Rohstoff-Analysten bei den Ölpreis-Prognosen. Während Norbert Rücker, Rohstoffexperte der Privatbank Julius Bär, einen Rückgang des Preises auf 90 Dollar je Barrel bis Ende des Jahres voraussagt, rechnen andere Experten mit höheren Notierungen. Die führenden Wirtschaftsinstitute schätzen in ihrer Gemeinschaftsdiagnose, dass der Preis für die Nordseesorte Brent auf 135 Dollar je Barrel im Durchschnitt des zweiten Quartals steigen werde.

Sollte die Regierung in Moskau Vergeltungsmaßnahmen für Sanktionen beschließen und zum Beispiel die Ölexporte nach Europa schon vor Jahresende kappen, könnte sich Öl deutlich stärker verteuern. Dann sei auch das Niveau des bisherigen Jahreshochs von 140 Dollar je Fass wieder in Reichweite, meint Helima Croft, Rohstoffexpertin von RBC Capital Markets. Sollte das Embargo radikaler ausfallen und zum Beispiel russisches Erdöl binnen zwei Monaten wegfallen, würde sich das Erdöl-Angebot verknappen. Das würde die Preise nach oben katapultieren, glaubt de Rubia von der Hamburg Commercial Bank. In diesem Fall seien Preise von 200 US-Dollar je Barrel gut möglich. Ein derartiges Szenario erwarte er aber nicht.

Deutsche Wirtschaft warnt vor steigenden Preisen

Die deutsche Wirtschaft zeigt sich weniger entspannt. Einzelne Verbände warnen vor negativen wirtschaftlichen Folgen. Bei einem Ölembargo würden die Preise weiter steigen, glaubt Peter Adrian, Präsident des Deutschen industrie- und Handelskammertags (DIHK). Dadurch würden die energieintensive Industrie und die Logistikbranche in existentielle Nöte geraten.

ADAC rechnet nur im Osten mit höheren Spritpreisen

Und was kommt auf die Autofahrer zu? Nach Einschätzung von Manuel Frondel, Energieexperte vom Forschungsinstitut RWI, dürfte der Benzinpreis noch mal einen Sprung nach oben machen. Der ADAC prophezeit höhere Benzinpreise - aber nicht dauerhaft in ganz Deutschland, sondern regional in Teilen Ostdeutschlands.

Der Stopp der russischen Öl-Lieferungen würde vor allem die Raffinerie in Schwedt, die noch mehrheitlich dem russischen Konzern Rosneft gehört, hart treffen. Ein schneller Umstieg der Raffinerie auf andere Erdölsorten ist unwahrscheinlich. Entsprechend wird bei einem Erdölimport die Produktion von Benzin und Diesel in Ostdeutschland niedriger ausfallen und der Bedarf muss über Einkäufe im übrigen Deutschland sowie im Ausland erfolgen, sagt Volkswirt de la Rubia. Das werde sich in höheren Preisen niederschlagen.

Dagegen scheint die Raffinerie in Leuna in der Lage zu sein, auf andere Erdölsorten umzurüsten. Total Energies, der Betreiber der Raffinerie, hat kürzlich erklärt, er könne bis zum Jahresende oder vielleicht schon früher das russische Öl ersetzen. Der mögliche Schock nach einem Ölembargo gegen Russland dürfte sich somit hierzulande vorerst in Grenzen halten.