Gasflamme am Gas-Terminal Portowaja | picture alliance/dpa/Lehtikuva

Energiekrise Russland fackelt große Mengen Gas ab

Stand: 26.08.2022 16:19 Uhr

Nahe der Pipeline Nord Stream 1 brennt Russland große Mengen Erdgas ab, das offenbar für den Export nach Deutschland bestimmt war. Von Finnland aus ist eine riesige Flamme zu sehen. Experten sprechen von einer Umweltkatastrophe.

Russland verbrennt derzeit offenbar große Mengen an Erdgas nahe der im Moment wenig befüllten Ostseepipeline Nord Stream 1. Wie der britische Sender BBC berichtet, ist vom benachbarten Finnland aus bereits seit einigen Wochen eine ungewöhnlich große Flamme zu sehen, die in Portowaja nordwestlich von Sankt Petersburg brennt. Auch auf Satellitenbildern ist sie demnach deutlich zu erkennen.

Deutschlands Botschafter in London, Miguel Berger, sagte der BBC, man beobachte das Abfackeln bereits seit einiger Zeit. Die starke Verringerung des deutschen Gasverbrauchs aus russischen Lieferungen zeige offensichtlich Wirkung. Kam vor Beginn des Ukraine-Kriegs noch mehr als 50 Prozent aus Russland, sind es inzwischen nur noch etwa zehn Prozent. "Weil sie ihr Gas nirgendwo anders verkaufen können, müssen sie es verbrennen", sagte Berger.

Gas für zehn Millionen Euro am Tag verbrennt

Bei den abgefackelten Mengen soll es sich um Gas handeln, das ursprünglich für den Export nach Deutschland bestimmt war. In der Nähe von Portowaja befindet sich eine Kompressorstation - dort beginnt die Ostseepipeline Nord Stream 1. Auch eine neue Anlage zur Herstellung von Flüssigerdgas (LNG) hat der russische Energiekonzern Gazprom dort errichtet.

Das Abfackeln von Gas im Verarbeitungsprozess ist nichts Ungewöhnliches. Erstaunt zeigten sich Experten jedoch über die enormen Mengen. Auch wenn die genaue Dimension der abgefackelten Gasmengen schwer zu beziffern seien, geht der Energie-Branchendienst Rystad davon aus, dass in Portowaja täglich etwa 4,34 Millionen Kubikmeter Gas verbrannt werden. Dies sei Gas im Wert von umgerechnet rund zehn Millionen Euro am Tag. Rystad schätzt die in der Atmosphäre abgefackelte Gasmenge auf etwa 0,5 Prozent des Tagesbedarfs der EU. Der Branchendienst bezeichnete das Verbrennen solch großer Mengen Erdgas als Umweltkatastrophe. Es würden täglich rund 9000 Tonnen CO2 freigesetzt.

"Umweltproblem vor allem für Nordpolregion"

Esa Vakkilainen, Experte von der LUT-Universität in Lappeenranta sprach von einem großen Umweltproblem "vor allem für die Nordpolregion". Dort werde der freigesetzte Ruß einen Einfluss auf die globale Erwärmung haben.

"Ich habe eine LNG-Anlage noch nie so stark aufflammen gesehen", sagte Jessica McCarty, Expertin für Satellitendaten an der Universität Miami, der BBC. Etwa seit Juni sei die enorme Flamme auf Bildern zu erkennen gewesen. "Es ist einfach nicht weggegangen. Es ist so außergewöhnlich groß geblieben." Schwierigkeiten bei der Herstellung von Flüssigerdgas in Portowaja könnten auch ein Grund für das Verbrennen sein.

Gazprom unterbricht Lieferung erneut

Aktuell ist die Gaspipeline Nord Stream 1 nach russischen Angaben nur zu 20 Prozent ausgelastet. Damit werden täglich etwa 33 Millionen Kubikmeter Gas durch die Ostsee nach Deutschland transportiert. Russland begründet die Drosselung mit technischen Schwierigkeiten, was die Bundesregierung allerdings für vorgeschoben hält. Folge der Verknappung war ein weiterer massiver Anstieg der Gaspreise im europäischen Handel.

Zudem kündigte Russland an, die Gaslieferungen durch Nord Stream 1 ab dem 31. August für drei Tage abermals zu unterbrechen. Die letzte an der Kompressorstation Portowaja verbliebene Turbine soll dann an Ort und Stelle von Siemens-Experten gewartet werden.

China als Abnehmer?

Gazprom wollte sich auf Anfrage der Nachrichtenagentur Reuters nicht zum Abfackeln des Gases äußern. Marktbeobachter gehen davon aus, dass eine weitere Drosselung der russischen Gaslieferungen oder gar ein kompletter Stopp die Preise weiter ansteigen lassen würde.

Deutschland bezieht das meiste Gas inzwischen aus Norwegen. Auch weitere LNG-Lieferungen etwa aus den USA sollen die Abhängigkeit von russischem Erdgas zusätzlich verringern. Russland hat indes bereits mit China eine Vereinbarung über zusätzliche Gaslieferungen an das asiatische Land getroffen. Allerdings ist es für den Kreml nicht einfach, schnell andere Abnehmer für sein Erdgas zu finden. "Zum jetzigen Zeitpunkt hat nicht jedes Förderfeld in Russland auch einen unmittelbaren Pipeline-Anschluss nach China", hatte der Energieexperte Dominik Möst tagesschau.de im Frühjahr gesagt. Die bisherigen Leitungen seien ausgelastet.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in den Nachrichten am 26. August 2022 um 16:00 Uhr.