Hinweisschild zur Pipeline Nord Stream 2 | dpa
FAQ

Gasversorgung Die Folgen des Nord-Stream-2-Stopps

Stand: 22.02.2022 17:10 Uhr

Die Bundesregierung hat das Genehmigungsverfahren für die Gaspipeline Nord Stream 2 bis auf Weiteres auf Eis gelegt. Was bedeutet das für die Gasversorgung in Deutschland?

Von Till Bücker, tagesschau.de

Was wurde beschlossen?

Als Reaktion auf das russische Vorgehen in der Ukraine hat Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) die Inbetriebnahme der Ostsee-Gaspipeline Nord Stream 2 vorerst auf Eis gelegt. Er habe das Bundeswirtschaftsministerium angewiesen, eine Neubewertung der Versorgungssicherheit vorzunehmen, die Grundlage für eine Zertifizierung und Betrieberlaubnis für das milliardenschwere Projekt ist. Die geopolitische Lage mache eine Neubewertung der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 zwingend nötig, sagte auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Die umstrittene Erdgaspipeline wird damit vorerst nicht in Betrieb gehen.

Wie ist der Stand bei Nord Stream 2?

Die Ostsee-Gaspipeline Nord Stream 2 war nach Angaben des russischen Gaskonzerns Gazprom bereits im September 2021 fertiggestellt worden. In Betrieb ist sie allerdings noch nicht. Die Pipeline ist noch nicht zertifiziert, es fehlt die Freigabe durch die zuständigen Behörden. Dieser Vorgang ist nun erst einmal gestoppt worden.

Der 1230 Kilometer lange Doppelstrang führt vom westrussischen Wyborg nach Lubmin bei Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern). Baukosten: mehr als zehn Milliarden Euro. Seit Ende Dezember sind beide Stränge vollständig mit technischem Gas befüllt.

Die Leitung, deren Bau 2018 begann, soll künftig 55 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr aus russischen Gasvorkommen direkt nach Deutschland liefern - ohne Umweg über Transitländer. Die ursprünglich für 2019 anvisierte Inbetriebnahme wurde mehrfach verschoben, weil immer wieder kontroverse Debatten über ökologische, politische und wirtschaftliche Interessen aufkamen.

Was hat das vorläufige Aus nun für Folgen?

"Die kurzfristigen Folgen sind schwer einschätzbar, weil sie von den weiteren Sanktionen und von Russlands Antwort abhängig sind", erklärt Andreas Löschel, Professor für Umwelt- und Ressourcenökonomik sowie Nachhaltigkeit an der Ruhr-Universität Bochum im Gespräch mit tagesschau.de. Erst einmal seien aufgrund der vertraglichen Vereinbarungen vermutlich keine großen Veränderungen in den Gaslieferungen zu befürchten. Auch die Gasbranche in Deutschland erkennt bislang keine Anzeichen für Lieferengpässe aus Russland. "Von Seiten unserer Mitglieder hören wir aktuell keine Meldungen, dass Russland seine Verpflichtungen gegenüber den Vertragspartnern nicht erfüllt", sagte Timm Kehler, Geschäftsführer des Verbandes "Zukunft Gas", der Nachrichtenagentur Reuters. Russland sei in den vergangenen 50 Jahren - auch im Kalten Krieg - stets ein zuverlässiger Energielieferant gewesen.

Wirtschaftsminister Habeck rechnet jedoch durch die militärischen Spannungen mit einem weiteren Anstieg der Gaspreise. "Ich will noch einmal betonen, dass Krieg Preise treibt", sagte er heute. Dies sei zumindest kurzfristig zu erwarten. Davon geht auch Experte Löschel aus: "Man kann sich schon vorstellen, dass die Preise nochmal anziehen - allerdings vielleicht auch nicht so arg." Denn Russland liefere schon jetzt weniger Gas, und Deutschland habe die Bezüge aus anderen Quellen aufstocken können.

"Wenn es politisch nicht weiter eskaliert und der Gashahn nicht komplett zugedreht wird, könnte die Entscheidung in der kurzen Frist gar nicht so große Auswirkungen haben", so Löschel. Schließlich sei durch Nord Stream 2 nun einmal noch kein Gas durchgeflossen, weshalb die Pipeline rein physisch keine Rolle spiele. Ähnlich sieht es Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): "Kurzfristig ist die Gasversorgung gesichert." Es sei allerdings mit weiteren Preissteigerungen zu rechnen. "Aber nicht, weil Nord Stream 2 gestoppt wird, sondern weil es sich generell um eine sehr ernste geopolitische Krise handelt", so die Energieexpertin gegenüber tagesschau.de.

Claudia Kemfert | dpa

Energieexpertin Claudia Kemfert hält steigende Gaspreise für möglich - allerdings nicht wegen des Stopps von Nord Stream 2. Bild: dpa

Was passiert, wenn der Gashahn zugedreht wird?

Vor der heutigen Verkündigung des vorübergehenden Stopps von Nord Stream 2 hatte sich Scholz eher zurückgehalten mit der Maßnahme - wohl auch, weil Moskau als Vergeltungsmaßnahme selbst den Gashahn zudrehen könnte. Deutschland bezieht rund 55 Prozent seines Erdgases aus Russland. Sowohl Habeck als auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatten zuletzt betont, dass Europa für den Fall eines Stopps von russischen Gaslieferungen vorbereitet sei. Dafür sei insbesondere mit den Exporteuren USA, Katar und Ägypten gesprochen worden.

"Die Abhängigkeit von russischem Gas ist mittlerweile schon sehr hoch", sagt Löschel. "Doch aktuell fließt immerhin noch zwei Drittel des Gases, was sonst aus Russland kommt." Dabei könnte es auch vorerst bleiben. Die Reduktion der Lieferungen sei bislang überwiegend durch Importe von Flüssiggas (LNG) aufgefangen worden. Das sorge für Probleme bei den Preisen, physische Engpässe gebe es aber noch nicht.

Falls die aktuellen zwei Milliarden Kubikmeter Gas aus Russland jedoch auch noch wegfallen würden, könne sich das aber ändern, meint Ökonom. Denn dann bräuchte man noch mehr LNG, Erdgas aus Norwegen oder Nordafrika. Kurzfristig müsste man auch an die Gasspeicher ran, die mittlerweile wieder normal gefüllt seien. Das bringe uns über den Winter, werde aber sehr teuer, und auch die soziale Verträglichkeit könne dann eine große Rolle spielen.

Genug Energie - trotz Atom- und Kohleausstieg?

"Dabei gibt es zwei Perspektiven", sagt Löschel. Das eine sei die Angebotsseite der Energieversorgung: Man brauche mehr LNG, eine bessere Speicherung des Erdgases über den Sommer, den zügigen Ausbau der erneuerbaren Energien sowie den Aufbau von grünem Wasserstoff. Zum anderen gebe es die Nachfrage, die etwa durch Gebäudesanierung und effizientere Prozesse gesenkt werden müsse. In der mittleren Frist müsse einiges angepasst werden, doch das alles funktioniere nur in Kombination.

Fossiles Erdgas sei sowieso keine technologische Brücke, sondern "eine Brücke ins Nichts", so Wissenschaftlerin Kemfert. "Wenn wir die Klimaziele ernst nehmen, muss der Anteil von Erdgas sinken, nicht steigen." Es gelte nun, die Energiewende zu beschleunigen und alles dafür zu tun, damit der Ausbau erneuerbarer Energien schneller gehe und das Energiesparen vorangebracht werde.

Was passiert beim kompletten Aus von Nord Stream 2?

"Nord Stream 2 hat vielleicht eine größere symbolische Bedeutung als tatsächlich für die Energiewende und die Versorgungssicherheit in Deutschland", erklärt Löschel. Das Ziel der Pipeline sei vor allem günstiges Gas. Denn genügend Leitungen seien jetzt schon vorhanden. "Nord Stream 2 ist energiewirtschaftlich unnötig, umweltpolitisch schädlich und betriebswirtschaftlich unrentabel. Wir benötigen die Pipeline nicht", meint auch Kemfert.

Was ist mit Nord Stream 1?

Nord Stream 2 läuft parallel zur Pipeline Nord Stream 1, die Ende 2011 in Betrieb genommen wurde. Ihr Bau war 2005 vereinbart worden. Im Jahr 2021 waren nach Angaben des Betreiberkonsortiums Nord Stream AG gut 59 Milliarden Kubikmeter Erdgas transportiert worden, was eine nahezu 100-prozentige Auslastung bedeutete. Seit 2011 seien mehr als 441 Milliarden Kubikmeter russisches Erdgas nach Lubmin gelangt.

Auch damals hatte es besonders aus Polen und den baltischen Staaten massiv Kritik gegeben. Seit zehn Jahren liefert Russland nun aber konstant Gas über Nord Stream 1. "Auch in diesem Jahr war Nord Stream immer gefüllt", sagt Löschel. Doch auf der anderen Seite habe die Pipeline auch dazu beigetragen, viele östliche Länder wie die Ukraine unter Druck zu setzen.

Wie könnte es weitergehen?

"Sollte die Krise so weitergehen, wird Nord Stream 2 niemals in Betrieb gehen", ist sich Kemfert sicher. Der Stopp der Zertifizierung von North Stream 2 sei richtig. "Wir benötigen die Pipeline nicht. Russland benötigt die Pipeline mehr als Deutschland."

Wie hart trifft der Beschluss Russland?

Die russische Regierung hat gelassen auf die Entscheidung der Bundesregierung, die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 auf Eis zu legen, reagiert. Die Regierung habe keine Angst und glaube nicht an Tränen, sagte Vize-Außenminister Andrej Rudenko der Nachrichtenagentur TASS zufolge.

Löschel sieht das etwas anders: "Das Ganze ist schon eine Sanktion, weil die russischen Bemühungen darauf ausgelegt sind, sich unabhängig zu machen von den Transitländern." Dieser Plan wäre dadurch gefährdet. Zudem sei Russland abhängig von den Gaslieferungen Richtung Westen. Bisher habe sich der Konflikt noch nicht ausgewirkt, da die Preise so hoch sind. "Die wirtschaftlichen Auswirkungen der russischen Politik dürften in den nächsten Jahren aber sehr deutlich werden."

Das Land sei auf die Exporte von fossiler Energie angewiesen, so auch Kemfert. "Weitere Sanktionen werden Russland stark schaden. Es gibt einen deutlichen Verlierer in dieser ganzen Geschichte, und das ist vor allem Russland."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. Februar 2022 um 17:05 Uhr.