Lkw bei der Zollabfertigung in Großbritannien | Wolfgang Landmesser/WDR
Reportage

Neue Zollvorschriften Was Lkw-Fahrer nach dem Brexit erleben

Stand: 21.09.2021 11:08 Uhr

Bürokratie, Wartezeiten, Staus - Transporte nach Großbritannien sind schwieriger geworden. Was das konkret heißt, zeigt eine Lkw-Fahrt von Nordrhein-Westfalen in die englische Grafschaft Staffordshire.

Von Wolfgang Landmesser, WDR

Morgens um sieben im Hafen von Calais: Lkw-Fahrer Uwe Hansmann reicht die Frachtpapiere ins Schalterhäuschen. Auf der Ladefläche: rund 30 Paletten mit Flüssigkunststoff der Firma Follmann Chemie aus dem ostwestfälischen Minden. Die Ware gilt als Gefahrgut und musste vorher extra angemeldet werden. Neu seit Anfang des Jahres: An Bord müssen auch die Zollpapiere sein - für den Transport nach Großbritannien. Die Beamtin am Schalter scannt den Barcode. Hansmann bekommt das Ticket für die Fähre und darf passieren. Auf die Überfahrt muss er noch eine gute Stunde warten - in der Spur für Gefahrgut-Transporte.

Wolfgang Landmesser

Keine Zoll-Kontrollen in Dover

Angekommen im Hafen von Dover geht alles glatt. Unbehelligt fährt der lange blaue Mercedes-Truck am Häuschen mit den britischen Zollbeamten vorbei. "Jetzt können wir den Rest der Fahrt genießen", sagt Hansmann und lacht. Bis vor einigen Jahren war er mit seinem Lkw regelmäßig auf Großbritannien-Tour, hat England lieben gelernt und spricht nur von "seiner Insel".

Das Fahrvergnügen hält sich dann aber Grenzen: Auf den noch knapp 360 Kilometern zum Zielort Stafford in Mittelengland gibt es jede Menge Staus - bei London und Birmingham. Daran ist zwar nicht der Brexit schuld - wohl aber daran, dass die Waren erst so spät in Minden auf die Reise gegangen sind.

24 Stunden Vorlauf für Waren-Exporte

Schon zweieinhalb Tage vorher wird die Lieferung im Werk zusammengestellt. Ein Gabelstapler fährt die Paletten mit den Metalleimern erst zur Verpackungsanlage, dann platziert sie ein anderer Stapler auf der Wartespur. Am nächsten Morgen könnten sie schon auf den Lkw verladen werden. Aber der britische Zoll verlangt für Exporte aus der EU einen Vorlauf von 24 Stunden.

Die Ware blockiere in dieser Zeit dringend benötigten Platz in der Verladezone, sagt Mike Solga, Logistikchef bei Follmann Chemie: "Dadurch können wir zehn bis 15 Prozent der Fläche nicht nutzen für andere Kunden, die es vielleicht etwas eiliger haben." Eine "Extrawurst für UK", nennt das Claudia Löhrmann, die in der Exportabteilung die Zollpapiere vorbereitet. Bei Lieferungen in andere so genannte Drittländer gebe es einen solchen Vorlauf jedenfalls nicht.

Zwei Tage für 1050 Kilometer

Beim Transport der Flüssigkunststoff-Paletten wird es am Ende knapp: Durch die Staus hat Fahrer Hansmann mehr als eine Stunde verloren. Erst am späten Nachmittag kommt er im Warenlager an, wo ein Großteil der Fracht abgeladen werden soll. Auch das dauert inklusive Wartezeit auf den Gabelstaplerfahrer und Abladen eine gute Stunde. Dann geht es noch zu einer Spedition etwas weiter südlich, um die restliche Ware abzuladen. Nach rund 1050 Kilometern und 15 Stunden auf dem Lkw ist der Zielort Cannock erreicht - gerade noch rechtzeitig, bevor die maximale Lenkzeit überschritten ist.

Mit leerer Ladefläche zurück in die EU

Am nächsten Morgen wird Hansmann mit leerer Ladefläche wieder nach Frankreich übersetzen. Hintergrund: Transporte aus Großbritannien in die EU sind seit Januar extrem unberechenbar. Die Zollprozeduren verursachen jede Menge Zeitverlust. "Da kann es passieren, dass du ein, zwei Tage in Dover warten musst, weil irgendeine Teilladung nicht richtig verzollt ist", weiß Hansmann aus den Gesprächen mit seinen britischen Kollegen. Um auf dem Rückweg keinen Stillstand zu riskieren, nimmt seine Spedition aktuell keine Waren mehr in Großbritannien auf.

Der Brexit kostet also Zeit und Geld. Noch teurer könnte es für Follmann Chemie werden, wenn Großbritannien demnächst eigene Standards für chemische Produkte einführt; aktuell gelten noch die Regeln der EU-Chemikalienrichtlinie "Reach". "Diese Aussichten machen natürlich überhaupt keinen Spaß", sagt Firmenchef Henrik Follmann. Denn die Neuzulassung der Produkte für den britischen Markt brächte noch viel mehr Aufwand und Kosten mit sich.