Container und Containerbrücken an einem Terminal im Hamburger Hafen | dpa
Hintergrund

Gestörte Lieferketten Containerstau statt "Just in Time"

Stand: 21.06.2022 11:12 Uhr

Containerschiffe stauen sich in der Nordsee, Häfen werden zu Lagerplätzen, Logistikfläche ist heiß begehrt. Welche Folgen die globalen Lieferketten-Probleme für die Wirtschaft und den Handel haben.

Von Julia Wacket, NDR

Am Containerterminal Altenwerder im Hamburger Hafen sieht man die Auswirkungen des Schiffsstaus besonders deutlich: Wo früher vier Container übereinander gestapelt waren, sind es nun fünf oder sechs. Die Containerschiffe treffen durchschnittlich mit zehn Tagen Verspätung im Hafen ein. Auch danach laufe die Abfertigung schleppend, sagt Hans-Jörg Heims, Sprecher des Hamburger Hafenkonzerns HHLA: "Ein Hafen ist kein Lagerplatz, sondern es ist ein Umschlagbetrieb. In normalen Zeiten braucht so ein Container zwei bis drei Tage, bis er wieder raus ist. Im Augenblick sind wir bei sechs bis sieben Tagen."

Es seien vor allem die Importcontainer, die sich stauen, da diese nicht in das Hinterland abtransportiert würden. Die Gründe dafür sind vielfältig: von Baustellen im Straßen- und Eisenbahnverkehr über Unwetter bis hin zu Personalengpässen bei Lkw-Fahrern und Streiks der Hafenarbeiter.

Logistiker am Limit

Auch bei Logistikern ist nichts mehr wie zuvor: Die Lagerhallen sind bis zur Decke gefüllt, neue Stellplätze Mangelware. "Der neue Normalzustand ist, dass nichts mehr geordnet läuft", sagt der Logistiker Adam Dachowski von ECL Kontor. Versprechungen, Ware zur richtigen Zeit beim Kunden anzuliefern ("Just in Time"), seien schwer möglich, "weil Ware sich schon im Eingang verzögert". Viele Unternehmen decken sich aus Angst vor weiteren Lieferverzögerungen und Lockdowns bereits mit mehr Ware ein. Außerdem müssten immer mehr Güter zwischengelagert werden, wenn es zu Verspätungen in einem Teil der Lieferkette kommt.

Dachowksi mietet bereits Container an, um Güter für seine Kunden zu lagern. "Die Lagerkapazitäten sind maximal gefüllt. Und das ist nicht nur bei uns so, sondern so gut wie bei jedem Lagerhalter im Hamburger Hafen." Früher hätte man immer 20 bis 30 Prozent Kapazitätsspielraum gehabt, jetzt sei man froh, wenn man nur zehn oder 20 Paletten in das Lager bekomme.

Welthandel leidet unter politischer Unsicherheit

Der Außenhandel und die globalen Lieferketten erfahren nach Corona eine neue Realität. Der Welthandel leidet immer mehr unter den politischen Unsicherheiten. Russlands Krieg gegen die Ukraine habe die Erholung des Welthandels von der Pandemie abgewürgt, bestätigt die Welthandelsorganisation. Auch die neuen Corona-Beschränkungen in China führen wieder zu Störungen in den Lieferketten vieler Unternehmen. "Der Lockdown in Shanghai wird sich in einigen Wochen durch erneute Schiffsstaus in der deutschen Bucht bemerkbar machen", warnt Hans-Jörg Heims.

Seit der Finanzkrise ist der Welthandel mit Waren und Dienstleistungen nicht mehr gestiegen und tritt auf der Stelle. Mit der Corona-Pandemie kamen dann zunehmend Lieferengpässe hinzu. Experten bemerken bereits ein Umdenken in den Lieferketten: weg von "Just-in-Time"-Prozessen, die sich an möglichst niedrigen Kosten bei möglichst hoher Effizienz orientieren. "Wir müssen überlegen ob Just in Time noch realistisch ist oder ob wir nicht in Europa für bestimmte Güter vor Ort Produktionsstäten aufbauen sollten", sagt HHLA-Sprecher Heims.

Allerdings müsse man auch bedenken: Deutschland sei ein Hochlohnland. Es sei also auch eine Frage der Kosten, ob man alles nach Europa verlagern wolle. Auch Vincent Stamer, Ökonom am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW), rechnet aufgrund der Lieferengpässe seit Beginn der Pandemie mit mehr Diversifikation der Lieferketten und höherer Lagerhaltung. Ein absolutes Ende von "Just in Time" sehen Heims und Stamer allerdings nicht.

Deutschland ist auf viele Importe angewiesen

Besonders für die Exportnation Deutschland wäre eine Abkehr vom Welthandel fatal. Rund jeder vierte Arbeitsplatz in Deutschland hängt vom Export ab. Gleichzeitig ist Deutschland als rohstoffarmes Land aber auch auf Importe angewiesen, vor allem im Energiebereich.

Die Schwierigkeiten durch fehlende Vorprodukte und teure Rohstoffe aus dem Ausland haben die Produktion bereits verteuert. Jetzt könnte zunehmend auch die Nachfrageseite betroffen sein, wenn zum Beispiel China oder Russland weniger Maschinen und andere Industriegüter aus Deutschland bestellen. Ökonomen rechnen bereits mit weniger Wachstum aufgrund der Lieferschwierigkeiten.

Geopolitische Überlegungen werden wichtiger

Auch geopolitische Überlegungen spielen im globalen Handel und den Geschäftsbeziehungen der Unternehmen wieder eine größere Rolle. Unternehmen etwa überlegten genauer, in welche Zielländer sie investieren und mit welchen Partnern sie Geschäftsbeziehungen aufbauen, so Handelsexperte Vincent Stamer. "Es gibt wieder eine Tendenz, mehr mit den westlichen Ländern ins Geschäft zu kommen, dass man eben nicht nur einen Lieferanten aus China hat, sondern auch aus Osteuropa, vielleicht sogar irgendwann aus Indien oder Mexiko", so Stamer.

Die anhaltenden Probleme in den Lieferketten, der Krieg Russlands gegen die Ukraine und die Haltung Chinas haben etwa die USA bereits veranlasst, eine neue handelspolitische Strategie zu erwägen - das so genannte "Friend-Shoring", also der Warenaustausch mit gleichgesinnten Staaten. US-Finanzministerin Janet Yellen erklärte jüngst, dass die USA und ihre Partner mehr Kontrolle über kritische Lieferketten übernehmen sollten, indem sie ihre Handelsbeziehungen von strategischen Konkurrenten wegverlagern.

Handel lieber mit Freunden

"Diese neue Strategie steht im Gegensatz zur Politik der vergangenen 60 Jahre, bei der westliche Staaten versuchten, politisch anders gesinnte Länder durch Handel in ihre Politik einzubinden", sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Sollte das Konzept unter Industrieländern Schule machen, würde "Friend-Shoring" den globalen Handel neu ordnen: Westliche Industrieländer, vor allem die USA, würden sich weiter von China, Russland und anderen Ländern entfernen. Im Gegenzug würde die Verbindung zwischen Nordamerika und Europa enger werden, so Krämer.

Vor allem Deutschland aber profitiert vom globalen Handel, insbesondere dem Handel mit China, das im vergangenen Jahr zum sechsten Mal hintereinander der wichtigste Handelspartner Deutschlands war. Ein "Zurückdrehen der Globalisierung" empfehlen daher die wenigsten Ökonomen. Viele aber merken an, dass neben der wirtschaftlichen Effizienz auch andere Überlegungen eine größere Rolle spielen werden.

Über dieses Thema berichtete der NDR in der Sendung NDR Info am 15. Juni 2022 um 21:45 Uhr.