Container-Umschlag am Hamburger Hafen | dpa

Lieferengpässe Kleine Stoffe, große Abhängigkeit

Stand: 13.05.2021 08:07 Uhr

Fast jedes zweite Unternehmen aus Deutschland berichtet von Lieferengpässen. Trotz voller Auftragsbücher zeigt sich dabei die Abhängigkeit vom weltweit funktionierenden Wirtschaftskreislauf.

Von Philipp Wundersee, WDR

Es sei nur noch turbulent am Rohstoffmarkt, berichtet Michael Berthel. Der Chefvolkswirt vom Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie hat so eine Situation in den letzten 20 Jahren nicht erlebt, erzählt er. "Die Materialpreise eilen von einem Hoch zum nächsten. Die Versorgungslage bei wichtigen Industrierohstoffen ist zum Reißen angespannt, Produktionsausfälle sind schon eingetreten, und die kurzfristigen Preisaufschläge sind historisch einmalig", so Berthel.

Philipp Wundersee

Kautschuk- und Autoindustrie mit Problemen

Besonders stark betroffen von den Lieferengpässen seien die Kunststoffhersteller, weil ihnen das Kunststoffgranulat fehle, erklärt Klaus Wohlrabe vom ifo-Institut. Er befragt für das Institut regelmäßig verarbeitende Unternehmen in Deutschland. "Viele europäische Herstellen melden gerade Probleme in der Produktion und können deshalb nicht liefern."

Auch die Automobilhersteller, die Elektroindustrie und der Maschinenbau seien betroffen. "Denn Elektronik-Chips stecken in jedem Fahrzeug, und die können derzeit kaum geliefert werden. Die Lieferketten sind gestört, nachdem große Fabriken in Japan abgebrannt sind. Der Chipmangel trifft mittlerweile nicht nur die Autobranche", erklärt Wohlrabe.

Größte Lieferengpässe seit der Wiedervereinigung

"45 Prozent der Unternehmen berichten von Lieferengpässen bei ihren Vorprodukten. Entweder kann nicht alles geliefert werden, oder die Preise sind sehr stark angestiegen. Das ist der höchste Wert seit der Wiedervereinigung", sagt Wohlrabe. Im Januar 2021 waren es nur 18,1 Prozent, im Oktober 2020 sogar nur 7,5 Prozent. Die Lieferengpässe bei Halbleiterchips zwingen die Automobilhersteller zu Produktionspausen.

Davon betroffen sind zum Beispiel die Ford-Werke in Köln. "Die ausgefallene Produktion werden wir bestmöglich aufholen", sagt ein Ford-Sprecher. "Wir arbeiten daran, die Situation schnellstmöglich zu verbessern." Damit sei die deutsche Industrienation allerdings nicht schwerer getroffen als andere europäische Staaten, erklärt ifo-Experte Wohlrabe. "Alle sind von Rohstofflieferungen aus dem außereuropäischen Ausland abhängig. Dies wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Doch sehr viele Unternehmen werden jetzt ihre Lieferketten auf den Prüfstand stellen."

Lieferketten breiter aufstellen

Die Globalisierung werde nicht zwangsläufig zurückgedreht werden, aber die Unternehmen würden ihre Lieferketten breiter aufstellen, so die Prognose des Experten. Abhängigkeit von einem Zulieferer, Land oder Region wollen sie in Zukunft eher vermeiden. "Dort, wo es möglich ist und es sich auch rechnet, werden sicherlich auch Zulieferer aus Deutschland oder Europa zum Zuge kommen. Da liegt auch eine Chance, auch für deutsche Unternehmen", sagt Wohlrabe. Man müsse jedoch beachten, dass dies einige Zeit in Anspruch nehmen werde. Lieferketten könnten in der komplexen Welt nicht so einfach umgestellt werden.

Die Gründe für den Engpass sind vielfältig: eine reduzierte Produktionskapazität durch die Pandemie, die Nachwirkungen eines Wintersturms in den USA oder Brände von Halbleiterfabriken in Japan, die Havarie des Containerschiffs "Ever Given". "Im  Moment führen die Probleme auf der Inputseite dazu, dass der Boom in der Industrie gebremst wird", sagt Wohlrabe. "Erste Rechnungen zeigen, dass es ungefähr 0,3 Prozentpunkte an Wachstum in der Industrie kosten wird."

Schon vor Corona sei die Abhängigkeit deutscher Industrieunternehmen von asiatischen Lieferketten weiter gewachsen. Mit den Konsequenzen der Pandemie, die Deutschland und die anderen Volkswirtschaften in Europa hart getroffen haben, nimmt diese Abhängigkeit weiter zu. "Lieferketten können in der komplexen Welt nicht einfach so leicht umgestellt werden, manchmal ist es auch gar nicht möglich", bilanziert Wohlrabe.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 08. Mai 2021 um 13:09 Uhr.