Kernkraftwerk Isar 2 | imago images/Stefan M Prager
Hintergrund

Zukunft der Energieversorgung Was die Kernkraft kostet

Stand: 27.01.2022 16:49 Uhr

Es geht um viel Geld bei den Plänen der EU, der Atomenergie ein grünes Label zu verpassen. Ökonomen sehen in ihr vor allem ein Kostenrisiko. Hat sich die EU die Kernkraft schöngerechnet?

Von Nicoletta Renz, BR

Für Alvin Weinberg war die Kernkraft ein "faustischer Pakt", also ein Handel mit dem Teufel. Und ihre Achillesferse seien die hohen Kosten. Trotzdem verglich der bekannte US-Kernphysiker und Erfinder des Druckwasserreaktors sie mit den Erneuerbaren Energien. Die Kosten könnten sich amortisieren, schätzte er im Jahr 2003, wenn die Reaktoren nur lang genug liefen.

AKW nicht versicherbar

Derzeit belebt nun die EU Idee neu, Atomkraft als klimafreundliche Energiequelle zu deklarieren. Das sei aber grün getünchte Augenwischerei, sagt Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Sie hat zusammen mit einem Team internationaler Forscherinnen und Forscher der "Scientists for Future" (S4F) gezeigt, dass Untersuchungen, die Kernenergie als Technologie zur Emissionsminderung darstellen, Mängel aufweisen.

Beispiel: Die Annahme, dass Unfälle extrem selten seien. "In jeder Dekade seit den 1970er-Jahren gab es schwere Unfälle und eine Vielzahl kleiner Zwischenfälle", so Ben Wealer, Leitautor der Studie. "Kernkraft ist derart risikobehaftet, dass Kernkraftwerke nirgendwo versichert werden können." 

Die Kosten der Katastrophen von Fukushima oder Tschernobyl hat die Gesellschaft bezahlt. Ein Super-GAU verursacht Schäden von bis zu 430 Milliarden Euro; das entspricht etwa dem gesamten deutschen Bundeshaushalt.

Exorbitante Baukosten

Die großen AKW-Bauer wie Westinghouse in den USA und Framatome beziehungsweise Areva in Frankreich sind pleite. Der Bau des EPR-Reaktors in Flamanville wandelte sich vom Vorzeigeprojekt zum Albtraum Frankreichs. Bei der Planung Anfang der 2000er-Jahre wurden die Kosten des Reaktors auf 3,3 Milliarden Euro geschätzt. Die Inbetriebnahme war für 2012 geplant. Nach unzähligen Schwierigkeiten und ständigen Verzögerungen heißt es jetzt, dass das Werk 2023 ans Netz gehen wird. Bis dahin könnten sich die Kosten laut einem Bericht des französischen Rechnungshofs auf 19,1 Milliarden Euro erhöhen.

Nur wenige Staaten weltweit bauten deswegen neue Atomkraftwerke, sagt DIW-Energieökonomin Kemfert. Es gehe dabei nicht nur um die Energieversorgung der Bevölkerung, sondern gleichzeitig um die Sicherung von Macht: "Atomenergie birgt auch die Gefahr der militärischen Waffen, was man nicht verschweigen darf, und sie hat eher eine Machtkomponente, die die Erneuerbaren Energien nicht haben."

Zweifel an neuer Technologie 

Atomkraft-Befürworter verweisen auf neue technologische Entwicklungen wie Reaktoren der "Generation 4". Doch das seien alte Konzepte, sagt Kernkraft-Experte Heinz Smital von Greenpeace. Mit ihnen habe man schlechte Erfahrungen gemacht - wie mit dem Schnellen Brüter in Kalkar und dem Superphénix in Frankreich: "Diese gescheiterten Reaktor-Typen werden heute als Generation 4 verkauft". 

Frankreich will rund eine Milliarde Euro in neue Reaktoren investieren, etwa in massenhaft produzierte Modulare Minireaktoren. Die Kosten für einen Minireaktor liegen bei mindestens einer Milliarde, die Leistung von 300 Megawatt ist jedoch nicht mit einem konventionellen Atomkraftwerk (1000 bis 1600 Megawatt) vergleichbar.

Nicht nur deswegen kritisiert der französische Rechnungshof die Pläne der Regierung. Seinen Berechnungen zufolge müsste die Betreiberfirma EDF bis 2030 etwa 100 Milliarden Euro ausgeben, um die Laufzeit der bestehenden Meiler um zehn Jahre zu verlängern. Das entspräche dem Dreifachen des Börsenwerts des Unternehmens. 

Ausbau Erneuerbarer Energien deutlich günstiger 

Die Kosten für den Neubau eines konventionellen Atomkraftwerks liegen laut Ben Wealer bei 130 bis 200 Euro pro Megawattstunde Leistung. Beim Neubau von Photovoltaik seien es hingegen etwa 29 bis 42 Euro pro Megawattstunde, bei der Windkraft zwischen 26 bis 54 Euro. Es gebe eine kostengünstige Alternative, meint Claudia Kemfert - ohne Müll, der Jahrhunderte strahlt.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 27. Januar 2022 um 08:41 Uhr.