Fassade der Börse Mailand, mit der Skulptur von Maurizio Cattelan | picture alliance / dpa Themendie

Schulden und Kreditkosten Was Italiens Wirtschaft am meisten fürchtet

Stand: 25.09.2022 05:12 Uhr

Nicht nur die rechten Parteien in Italien versprechen ihren Wählern Steuersenkungen, einen früheren Rentenbeginn oder Hilfen für junge Erwachsene. Doch kann sich das Land das leisten?

Von Elisabeth Pongratz, ARD-Studio Rom

Die Fliesen und Pflastersteine der Firma Saxa Gres aus der Provinz Frosinone südöstlich von Rom werden viel in Deutschland verbaut. Schon im Dezember hat der Unternehmer Francesco Borgomeo all seine Kunden angerufen, der Preis fürs Gas hatte sich in einem halben Jahr vervierfacht. "Wir haben das Problem erklärt und gesagt, dass wir die Preise anpassen müssen, basierend auf einer Formel, die sich nach dem Gaspreis richtet", sagt Borgomeo. "Bis Juli haben wir das gut hinbekommen, sehr gut sogar." Doch der Preis für das Gas stieg weiter an und damit auch die Kosten. Für die Herstellung von Fliesen ist viel Energie nötig. Ende Juli zog der Mittelständler die Notbremse und stoppte die Produktion.

Elisabeth Pongratz ARD-Studio Rom

Gas-Abkommen mit Algerien, Katar und Aserbeidschan

"Es ist eine sehr, sehr schwierige Situation, aber wir sind noch da", so Borgomeo. "Natürlich angeschlagen, also mit stillstehenden Fabriken, die Arbeiter in Kurzarbeit und ohne zu wissen, wann es wieder losgeht. Das ist das Hauptproblem: Keine Gewissheit über die Perspektive zu haben."

Sicher ist: Italien hat die Abhängigkeit vom russischen Gas bereits erheblich gesenkt. Die Regierung hat mehrere Abkommen geschlossen, etwa mit Algerien, Katar oder Aserbeidschan. Doch die Energiekosten sind trotzdem horrend, die Parteien wollen eine Deckelung des Gaspreises. Auch Giorgia Meloni, deren Partei Fratelli d'Italia bei den Umfragen ganz vorne liegt: "Die Obergrenze ist natürlich die wirkungsvollste und bedeutendste Maßnahme, denn der Gaspreis steigt ja aufgrund von Spekulationen."

Schulden das Anderthalbfache der Wirtschaftsleistung

Bis zum letzten Tag arbeitet die jetzige Regierung; gerade hat sie ein weiteres milliardenschweres Hilfspaket verabschiedet, um Familien, Unternehmen und lokalen Behörden wegen der hohen Energiepreise und der hohen Inflation unter die Arme zu greifen. Zufrieden gab sich der scheidende Ministerpräsident Mario Draghi bei seiner letzten Pressekonferenz. "Uns ist es gelungen, die italienische Wirtschaft in diesem Jahr beziehungsweise in den anderthalb Jahren zu unterstützen und sogar die Verschuldung zu verringern", sagte Draghi dort. "Ich glaube, das ist seit dem Krieg bis heute nie passiert, zumindest in absoluten Zahlen."

Dennoch ist die Verschuldung nach wie vor hoch und macht rund das Anderthalbfache der Wirtschaftsleistung aus. Die steigende Inflation, die höheren Zinsen und die Unsicherheit, was politisch nach der Wahl kommen wird, lassen die Kreditkosten des Staates ansteigen.

Boom im Tourismus

Gleichzeitig gibt es positive Signale aus der Wirtschaft: Der Wert der Exporte hat im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahr um 22 Prozent zugelegt, die Wirtschaft soll - so die Vorhersagen des nationalen Statistikinstituts ISTAT - in diesem Jahr um 3,5 Prozent wachsen, und die Arbeitslosigkeit liegt bei 7,9 Prozent. Das könnte am Boom im Tourismus liegen, an mehr privaten Investitionen, an den Milliarden aus dem EU-Aufbaufonds - so spekulieren Experten.

Doch der größte Industrieverband des Landes, die Confindustria, ist dennoch besorgt. Der Stopp der Produktion beim Fliesenhersteller Saxa Gres sei kein Einzelfall, sagt Präsident Carlo Bonomi: "Die Aktivitäten werden vorübergehend eingestellt, die Produktionszeiten werden verändert, also beispielsweise am Wochenende oder zu verschiedenen Zeiten. Das Problem ist nicht nur die teure Energie. Auch die Rohstoffe sind teuer und wir haben einen Mangel an Rohstoffen."

"Wir müssen es schnell machen"

Über allem schweben die globalen Unsicherheiten wie der Krieg in der Ukraine und die Pandemie. Entscheidend für Italien ist auch, wie die neue Regierung die begonnenen Reformen vorantreibt, wie etwa den Abbau der Bürokratie. Und wie der Wiederaufbauplan mit den EU-Milliarden umgesetzt wird. "Wir müssen es gut und schnell machen" so Wirtschaftschef Bonomi. "Sicher ist, dass es ein Problem gibt. Denn dieser Plan wurde vor einem wirtschaftlichen Erdbeben aufgestellt. Korrekturen müssen daher vorgenommen werden."

Für den Fliesenunternehmer Borgomeo bringt der Wiederaufbauplan viele Vorteile - langfristig. Im Moment aber gebe es eine Notlage. Die Energiekosten müssen sinken, damit sich die Produktion wieder lohnt. Und zwar schnell. Doch Borgomeo ist skeptisch, ob die Parteien der neuen Regierung schnell handeln: "Sie werden gewinnen, aber dann werden sie anfangen zu diskutieren, was weitere Probleme für unser Land schafft. Denn es braucht Entscheidungen, kompetente Entscheidungen."