Die Rückseite einer Euro Münze mit dem vitruvianischen Menschen von Leonardo da Vinci. | dpa

Hohe Staatsverschuldung Löst Italien eine neue Eurokrise aus?

Stand: 05.07.2022 18:46 Uhr

Italien bereitet den Volkswirten in Europa zunehmend Sorgen. Denn mit steigenden Zinsen ist die hohe Staatsverschuldung schwerer zu tragen. Droht eine neue Eurokrise?

Von Nicholas Buschschlüter, ARD-Börsenstudio

Italien muss derzeit viele Negativ-Schlagzeilen ertragen. Gestern hat die Regierung in Rom in fünf Regionen den Notstand wegen Dürre ausgerufen. Bei einem Gletscherabbruch in den Dolomiten sind mindestens sieben Menschen ums Leben gekommen. Und die noch immer hohe Verschuldung Italiens erinnert viele Beobachter schon an die Schuldenkrise vor zehn Jahren. "Die Schuldenberge in Italien sind nach wie vor sehr, sehr hoch", warnt Volkswirt Marco Wagner von der Commerzbank. "Wir haben eine Staatsverschuldung von rund 150 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, und die Maastricht-Grenze liegt bei 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Italien liegt ganz deutlich darüber."

Nicholas Buschschlüter

ifo-Chef Fuest ist alarmiert

Der italienische Ministerpräsident Mario Draghi muss also an vielen Fronten kämpfen. Immerhin wurde heute bekannt, dass die italienische Wirtschaft leicht gewachsen ist. Allerdings musste Italien zeitweise mehr als vier Prozent zahlen, wenn es sich Geld am Finanzmarkt leihen wollte. Der Chef des ifo-Instituts, Clemens Fuest, schlug deshalb schon Alarm. Die Eurokrise sei zurück, sagte er angesichts der hohen Schuldenstände von Italien und Griechenland. Commerzbanker Wagner sieht dagegen keine Ansteckungsgefahr für den Rest des Euroraums. "Ich glaube, man muss an der Stelle mal die Kirche im Dorf lassen", sagt er. Die Renditen für zehnjährige italienische Staatsanleihen lägen momentan bei 3,2 Prozent; das sei weit von dem entfernt, was man in Zeiten der Staatsschuldenkrise habe erleben müssen. Und: "Der Rendite-Abstand zwischen italienischen und deutschen Staatsanleihen mit Blick auf zehn Jahre liegt gerade mal bei zwei Prozent", so Wagner.

Auch Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING-Bank, hält den Vergleich zur Eurokrise vor zehn Jahren für überzogen. "Wir haben europäische Gelder, wir haben europäische Institutionen, wir haben Rettungsschirme. Von daher haben wir also genug Instrumente, um eine Euro-Krise aufzufangen." Die Staaten seien heute besser in Schuss als damals, so Brzeski.

Kann die EZB nochmal "Feuerwehr" spielen?

Trotzdem ist innerhalb der Europäischen Zentralbank eine heftige Diskussion entbrannt, ob und wie stark die Bank noch hochverschuldete Staaten unterstützen soll. Im Gespräch sind wieder einmal gezielte Ankäufe von Staatsanleihen. Bundesbank-Chef Joachim Nagel warnt vor solchen Käufen, und auch ING-Ökonom Brzeski sieht die EZB diesmal nicht in der Rolle der Krisenfeuerwehr. "Wenn die EZB diese Rolle jetzt wieder übernimmt, dann wird das unheimlich kompliziert", warnt Brzeski. Denn anders als während der Euro-Krise, während der es eine extrem lockere Geldpolitik gepaart mit niedriger Inflation gegeben habe, müsse die EZB jetzt die höhere Inflation bekämpfen. "Krisenfeuerwehr spielen und gleichzeitig auch den Leitzins zu erhöhen, ist eine unheimliche Aufgabe", so der Ökonom.

Am 21. Juli tagt der EZB-Rat zum nächsten Mal. Die Zinsaufschläge auf italienische Staatsanleihen werden dort mit Sicherheit eine größere Rolle spielen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 05. Juli 2022 um 16:41 Uhr.