Parlamentsgebäude in Athen | REUTERS

Steigende Zinsen Droht Griechenland eine neue Schuldenkrise?

Stand: 21.02.2022 12:57 Uhr

Vor zehn Jahren brauchte Griechenland ein zweites Rettungspaket. Inzwischen muss Athen wieder deutlich mehr fürs Schuldenmachen zahlen. Wie groß sind die Risiken für das Land?

Von Victor Gojdka, ARD-Börsenstudio

Wolfgang Schäuble war nicht zum Lachen zumute. "Wenn wir keinen Verhandlungsbedarf hätten", so sagte der frühere Bundesfinanzminister vor genau zehn Jahren bei den Griechenland-Verhandlungen in Brüssel, "bräuchten wir keine Sitzung am Rosenmontag machen".

Es musste sein. Knapp 15 Milliarden Euro an Schulden musste Griechenland wenigen Wochen später abstottern. Die Deadline? Rückte immer näher. Dann: eine lange Nachtsitzung - mit Ergebnis: Die Finanzminister der Eurozone gaben das zweite Hilfspaket für Griechenland frei und wendeten einen Staatsbankrott damit vorerst ab.  

Warnungen von Finanzexperten

Zehn Jahre später schlagen Experten wieder Alarm. Eine Finanz-Fieberkurve meldet "erhöhte Temperatur". Griechenland muss wieder auffällig mehr Zinsen zahlen, wenn es sich an den internationalen Finanzmärkten Geld besorgen will. Im Herbst waren es noch weniger als ein Prozent, wenn sich das Land für zehn Jahre Geld leihen würde. Jetzt sind es schon mehr als zweieinhalb Prozent.

Denn viele Anleger glauben, dass die Europäische Zentralbank (EZB) absehbar die Leitzinsen erhöht. Das hätte klare Konsequenzen, sagt Martin Lück vom weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock: "Viele Anleger fürchten, dass die Zinsen dann überproportional in den Regionen steigen, wo Geld ganz besonders benötigt wird. Und das gilt eben in Europa ganz besonders für den Süden - und ganz besonders für Griechenland."

Doch ein Grund zur Panik ist das nicht. Denn Griechenland will sich in diesem Jahr nicht viel neues Geld leihen. Und: Wegen seines alten Schuldenbergs braucht das Land keine Sorgen zu haben. "80 Prozent liegen bei den Gläubigern in der Europäischen Union, bei der EZB - die sind sehr langfristig angelegt, die Zinsen darauf sind sehr niedrig", sagt der Griechenland-Experte Alexander Kritikos vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) über die Finanzverpflichtungen des Landes. "Das Risiko ist also für Griechenland halbwegs begrenzt."

Außerdem setzt das Land massiv auf Reformen. Das bedeutet bessere Bedingungen für die Kleinunternehmer im Land, das auch für große Investoren aus dem attraktiver wirkt. Das sei längst nicht mehr nur heiße Luft, so Kritikos. "Ein Beispiel ist, dass man versucht hat, dass Alltagsprozesse - Steuererklärungen oder Genehmigungsprozesse - nun digital funktionieren, rascher ablaufen, und der Kontakt mit Bürokraten damit reduziert werden konnte."  

Harter Sanierungskurs

Doch zum ganzen Bild gehört auch: Das Land musste kräftig sparen, die Renten absenken, Löhne kürzen, Steuern erhöhen. Das führte zu Protesten im ganzen Land - die auch Finanzexperten im fernen Frankfurt nachdenklich machen: Haben die Sparkommissare aus Brüssel die Griechen in der Krise zu sehr "heruntergespart"?

"Die die Antwort muss sein: ja. Man hat Griechenland kaputtgespart", sagt der Finanzexperte Martin Lück. "Und man hat den Leuten, die nicht weglaufen konnten, dem ärmsten Teilen der Bevölkerung in die Tasche gegriffen." Die Folgen dieser radikalen Sanierungskur sind zehn Jahre nach dem zweiten Rettungspaket immer noch zu spüren. Knapp jeder dritte Mensch in Griechenland lebt am Rande der Armut.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Februar 2022 um 05:24 Uhr.