Leere Regale in einem britischen Supermarkt | AP

Ausfälle durch Quarantäne Britische "Pingdemic" sorgt für Chaos

Stand: 22.07.2021 14:10 Uhr

Leere Regale, volle Mülltonnen: Weil in Teilen Großbritanniens immer mehr Menschen per App-Aufforderung in Quarantäne geschickt werden, herrschen in vielen Branchen chaotische Zustände. Die Corona-Zahlen im Land steigen weiter.

Nach offiziellen Corona-Warnungen für hunderttausende Mitarbeiter im Einzel- und Großhandel sind in Großbritannien viele Regale in Supermärkten leer geblieben. Hinzu kommen Ausfälle bei Lieferketten - etwa bei Fahrern von Speditionen. Wie aus Daten der Gesundheitsbehörde NHS hervorgeht, waren fast 620.000 Einzelhandelsbeschäftigte in England und Wales per App aufgefordert worden, sich wegen Kontakten mit Infizierten zehn Tage in Quarantäne zu begeben.

Die Fleischindustrie hatte vor einem Zusammenbruch der Lieferketten gewarnt. Britische Zeitungen zeigten Bilder mit leeren Supermarktregalen auf ihren Titelseiten.

Volle Mülltonnen, verzögerte Post-Zustellungen

"Wir sind sehr in Sorge wegen der Lage", sagte Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng dem Sender Sky. Doch könne nicht allgemein von leeren Regalen die Rede sein. Die zweitgrößte britische Supermarktkette Sainsbury's erklärte, Kunden würden alle Produkte vorfinden, doch womöglich nicht von jeder Marke. Die Supermarktgruppe Iceland teilte unterdessen mit, dass wegen Personalengpässen mehrere Läden geschlossen wurden. Sie kündigte aber auch an, vorübergehend 2000 neue Mitarbeiter anzuheuern.

Andere Supermärkte berichten von fehlenden Produkten oder warnen davor, Öffnungszeiten einschränken zu müssen. Aber die Probleme sind noch weitreichender: Nissan und Rolls Royce hatten schon vor einigen Tagen gewarnt, ihre Produktion einschränken zu müssen, falls die Quarantänezahlen weiter steigen. Medienberichten zufolge haben zudem hunderte Pubs, Restaurants und auch zahlreiche Theater geschlossen, in Gemeinden funktioniert zum Teil die Müllabfuhr nicht mehr. Die Royal Mail hat für mehrere Regionen eine Verzögerung bei der Post-Zustellung angekündigt und im nordenglischen Cleveland hat einem Zeitungsbericht zufolge sogar die Polizei darauf verwiesen, dass es länger dauern könne, bis Anrufe beantwortet würden.

NHS-App einfach gelöscht

Schätzungen zufolge befinden sich derzeit rund 1,7 Millionen Briten in Selbstisolation, da sie entweder an Covid-19 erkrankt sind oder als enge Kontakte von Infizierten "gepingt" - also von der englischen Corona-App oder vom Gesundheitsdienst - benachrichtigt wurden. Die "Pingdemic", wie das Phänomen von britischen Medien bezeichnet wird, hat eine Debatte darüber ausgelöst, ob vollständig Geimpfte der Pflichtquarantäne entgehen können und sich stattdessen täglich testen dürfen. Ab Mitte August soll diese Regelung gelten. Bislang gibt es Ausnahmen jedoch nur für Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Pilotprojektes oder etwa für Beschäftigte des Gesundheitsdienstes.

Die mit der App-Warnung zusammenhängenden Probleme fallen in eine Zeit, in der Premierminister Boris Johnson die Wirtschaft gerade erst weitgehend von Corona-Restriktionen befreit hat. Die Zahl der Corona-Fälle steigt jedoch kräftig an - Mitte der Woche wurden mehr als 44.000 Neuinfektionen registriert. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag zuletzt bei 472. Viele Menschen haben die App des britischen Gesundheitsdiensts NHS einfach gelöscht, um Quarantäne-Aufforderungen zu entgehen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 22. Juli 2021 um 13:23 Uhr.