Ein Rohr für den Bau der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2, verschlossen mit einem blauen Deckel. | CLEMENS BILAN/EPA-EFE/Shuttersto

Rasanter Preisanstieg Liefert Gazprom zu wenig Gas?

Stand: 02.08.2021 14:02 Uhr

Europas Gasspeicher leeren sich, die Preise steigen stark. Experten vermuten, dass der russische Gazprom-Konzern mit geringeren Lieferungen Druck machen will - damit die Pipeline Nord Stream 2 fertiggestellt wird.

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Seit Monaten klagt Europas Energiewirtschaft über einen Rückgang der russischen Gaslieferungen. Die Folge sind halbleere Speicher und steigende Preise. So verkündete jüngst die österreichischen Energieagentur, dass die Erdgasspeicher des Landes so leer seien wie noch nie. Sie seien gerade noch zu 30 Prozent gefüllt, während es sonst um diese Jahreszeit zwei Drittel seien. Auch hierzulande sind die Gasvorräte geschrumpft.

Derlei Klagen hat es zwar in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben, etwa 2015 und 2017, als die Gaswirtschaft von halbleeren Speichern berichtete und sich alarmiert zeigte. Doch ungewöhnlich sei diesmal der explosionsartige Anstieg der Preise, erklären Experten. Tatsächlich ist der Spotpreis für eine Megawattstunde (MWh) Erdgas laut den Daten der in Leipzig ansässigen Energiebörse EEX (European Energy Exchange) von 28 Euro Mitte Juni auf zuletzt 41 Euro in die Höhe geschnellt - ein Plus von rund 45 Prozent innerhalb von sechs Wochen.

Verknapptes Angebot

Die Gaskonzerne machen vor allem den russischen Gazprom-Konzern dafür verantwortlich, weil der seine Lieferungen nach Europa gedrosselt und somit für eine Verknappung des Angebots gesorgt habe. Energie-Experten zufolge sind die Gasspeicher in Europa kaum gefüllt. Gleichzeitig sei die Nachfrage gestiegen, insbesondere in China und anderen Teilen Asiens. Darüber hinaus hätten Ausfälle und Wartungsarbeiten an der Infrastruktur die Situation verschärft. Auch sei die Erdgasproduktion in Westeuropa, allen voran in den Niederlanden, gesunken.

Zusätzlich angeheizt werde die Lage durch die Preise für CO2-Zertifikate. Sie seien seit Anfang des Jahres von 33 Euro pro Tonne CO2 auf einen neuen Höchststand von mehr als 57 Euro gestiegen. Das liege auch an den hohen Gaspreisen, die förderten die Nachfrage nach Kohle, etwa in der Stromerzeugung, und damit die Nachfrage nach CO2-Zertifikaten. Es gibt allerdings auch Experten, die die Lage weniger kritisch sehen. So sei der niedrige Füllstand der unterirdischen Gasspeicher mitten im Sommer nicht ungewöhnlich. Zudem verkauften die Gaskonzerne lieber das Gas aus den Speichern, statt zu hohen Preisen neues nachzukaufen.

Bauarbeiten bis Ende August geplant

Allerdings spielt nach Ansicht von Branchenbeobachtern auch der Streit um die Gaspipeline Nord Stream 2 eine Rolle. Ursprünglich hatte Gazprom geplant, schon Ende 2020 Gas über die neue Ostsee-Pipeline zu liefern. Wegen der Bauverzögerungen liefert Gazprom nun weiter Gas über das Transitland Ukraine, jedoch weniger als in den Jahren zuvor. Um die Gasspeicher zu füllen, versichert Gazprom immer wieder - zuletzt im Frühjahr -, mehr Gas nach Europa zu liefern. An der derzeitigen Knappheit hat das aber nichts geändert.

Nach Auskunft des ukrainischen Pipelinebetreibers hat Gazprom für den August keine höheren Durchlasskapazitäten bestellt. Dies habe den Preisanstieg weiter beschleunigt. Offenbar befürchte Gazprom, dass es bei der Pipeline Nord Stream 2 doch noch Probleme geben könnte - trotz der jüngsten Einigung mit den USA.

Nach Auskunft von Matthias Warnig, Chef der Betreibergesellschaft Nord Stream 2 AG, sollen die Bauarbeiten an der Röhre bis Ende August beendet sein. Ziel sei es, die Pipeline noch in diesem Jahr in Betrieb zu nehmen, sagte er in diesem Monat in einem Interview mit dem "Handelsblatt". Das wäre zwei Monate nach der Bundestagswahl im September.

Baerbock gegen Fertigstellung der Pipeline

Die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hat sich gegen eine Fertigstellung der Pipeline ausgesprochen. Die Übereinkunft zwischen Deutschland und der US-Regierung sei "keine Lösung, insbesondere nicht für die Sicherheit der Ukraine", kritisierte Baerbock in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Washington habe die Sanktionen gegen Unternehmen, die am Bau der Pipeline beteiligt sind, zwar aufgehoben, betone aber, dass die Pipeline noch nicht voll genehmigt sei, so die Co-Vorsitzende der Grünen. Der Betrieb sei also noch lange nicht gesichert. "Es liegt nach wie vor in deutscher Hand", sagte Baerbock.

Experten gehen indes nicht davon aus, dass es in den Wintermonaten zu einer Angebotslücke auf dem Gasmarkt kommen wird. Schließlich habe Russland immer seine Lieferverpflichtungen eingehalten - auch in den heikelsten Momenten des Kalten Krieges.

Über dieses Thema berichteten die Deutsche Welle am 09. Juli 2021 und die tagesthemen am 21. Juli 2021 um 22:15 Uhr.