Ein palästinensischer Arbeiter auf einer Baustelle in Gilo, einer jüdischen Siedlung in Jerusalem. (Archivbild: 28.09.2011) | picture alliance / dpa
Reportage

Mehr Arbeitsgenehmigungen Israel lässt mehr Arbeiter aus Gaza zu

Stand: 15.11.2021 12:51 Uhr

Um das Elend im Gazastreifen zu lindern und damit die Sicherheitslage zu verbessern, lässt Israel derzeit mehr Palästinenser von dort als Arbeitskräfte einreisen. Doch deren Status ist kompliziert.

Von Susanne Glass, ARD-Studio Tel Aviv

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie stark die Spannungen zwischen Israel und dem Gazastreifen aktuell sind, war der Besuch am einzigen Personenübergang Erez schon immer ein guter Gradmesser. Wer in diesen Tagen zu dem Vorplatz auf israelischer Seite fährt, erlebt eine Überraschung.

Susanne Glass ARD-Studio Tel Aviv

Während der jüngsten Eskalation im Mai war er gespenstisch verwaist. Israel hatte die Grenze geschlossen - wie immer, wenn die in Gaza regierende Hamas Raketen auf israelisches Gebiet abfeuert oder brennende Drachen über den Grenzzaun fliegen lässt. Aber auch in Zeiten, in denen die Waffen ruhten, war Erez meist menschenleer. Nur ein paar Taxifahrer dösten auf den Schattenplätzen oder stritten sich um die wenige Kundschaft. Die Tore öffneten sich nur selten: am ehesten für schwerkranke Menschen, häufig Kleinkinder mit Begleitperson, auf dem Weg zur Behandlung nach Ostjerusalem. 

Denn Israel und Ägypten haben den 40 Kilometer langen und im Durchschnitt etwa zehn Kilometer breiten Küstenstreifen von der Außenwelt abgeriegelt, seitdem dort 2007 die radikal-islamische Hamas die Macht übernommen hat. Sie wird von der EU und den USA als Terrororganisation gelistet. Durch die Abriegelung sowie das korrupte Missmanagement der Hamas ist die wirtschaftliche Not in Gaza immens. Die knapp zwei Millionen Einwohnerinnen und Einwohner leben in elenden Bedingungen, viele unter der Armutsgrenze. Die Arbeitslosigkeit liegt bei mehr als 50 Prozent.

Trubel am Grenzübergang

Je angespannter die Situation mit der Hamas, desto restriktiver kontrollierte Israel die Vergabe der begehrten Genehmigungen zur Ausreise. Aber in diesen Tagen herrscht in Erez geradezu Trubel. Die Taxis haben Verstärkung von Kleinbussen bekommen, um die vielen Menschen transportieren zu können. Und es sind nicht mehr überwiegend Kranke, sondern meist kräftige Männer.

Der Grund: Israel hat die Zahl der Arbeitsgenehmigungen für Palästinenser aus dem Gazastreifen stark erhöht. Insgesamt zehntausend solcher Papiere sollen nun ausgestellt werden. Damit können die Arbeiter auf israelischen Baustellen, in der Landwirtschaft oder in der Produktion Geld verdienen, um ihre Familien in Gaza zu ernähren. Die israelische Regierung will so den großen Druck lindern, der durch Elend und Armut entstanden ist - in der Hoffnung, dass sich dies positiv auf die Sicherheitslage auswirkt.

Arbeiter sind offiziell Selbstständige

Der 30-jährige Ahmed war einer der ersten, der mit einer neu ausgestellten Erlaubnis nach Israel kam. Er kann sein Glück kaum fassen. Er arbeitet jetzt nur rund 60 Kilometer von seiner Frau und den beiden kleinen Kindern entfernt, die in Gaza-Stadt bleiben mussten. Aber für Ahmed ist es eine Reise in eine andere Welt. In der Partymetropole Tel Aviv-Yaffa wäscht er Autos in einer arabischen Werkstatt. Er verdient 300 israelische Schekel am Tag, das sind umgerechnet etwa 85 Euro.

"Und stell' Dir vor", sagt er. "Diese Arbeit habe ich sogar garantiert 20 Tage im Monat. 20 mal 300 Schekel, Wahnsinn!" Ahmed lächelt verlegen. Es ist eine sehr große Summe für ihn. In Gaza war es schon ein guter Tag, wenn er überhaupt mal einen Gelegenheitsjob hatte und 50 Schekel verdiente. Weil Ahmed Angst hat, dass sein Glück bald wieder vorbei sein könnte, will er seinen wahren Namen nicht veröffentlicht sehen. Das gilt für alle, die eine der begehrten Genehmigungen bekommen haben.

Und zwar aus mehreren Gründen: Wer sich positiv über die israelischen Arbeitgeber äußert, muss Restriktionen der Hamas befürchten. Gleichzeitig ist der Status der Palästinenser in Israel kompliziert. Auch wenn die Papiere offiziell als "Arbeitsgenehmigungen" bezeichnet werden, handelt es sich konkret um Zulassungen als Händler- und Geschäftstreibende. Damit sind die palästinensischen Arbeiter offiziell Selbstständige. Es gibt für sie keine Regelung bezüglich Steuern oder Sozialabgaben. 

Genehmigungen nur für verheiratete Männer

In Gaza musste sich Ahmed dafür zunächst bei der Handelskammer registrieren lassen, was ihn schon mal 200 Schekel kostete. Die Genehmigungen werden nur an Männer vergeben, die mindestens 25 Jahre alt und verheiratet sind. Bei den unverheirateten Jüngeren hält Israel die Gefahr für zu hoch, sich potenzielle Terroristen ins Land zu holen. Ahmeds Erlaubnis gilt ein halbes Jahr lang und offiziell nur für die Zeit zwischen 7 Uhr morgens und 7 Uhr abends.

Das heißt, er müsste eigentlich jeden Abend in den Gazastreifen zurückkehren - rein logistisch ein viel zu großer Aufwand. Wie fast alle der neuen Arbeiter übernachtet er in Israel. Ahmed will bis zum Ablauf seiner Genehmigung durcharbeiten. "Ich vermisse meine Frau und die Kinder. Aber dann denke ich daran, wie die sich freuen werden, wenn ich mit dem vielen Geld zurückkomme", sagt er. "Ich bete, dass ich wirklich die vollen sechs Monate ohne Probleme hier bleiben kann." Denn es ist Ahmed sehr wohl bewusst, dass die israelischen Behörden diese Duldung jederzeit wieder zurücknehmen können.  

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. September 2021 um 05:44 Uhr.