Gebäude der Europäischen Zentralbank in Frankfurt | picture alliance / greatif

Sondertreffen angesetzt Steht die EZB vor der Zinswende?

Stand: 21.02.2022 12:56 Uhr

Monatelang lag die EZB mit ihren Inflationsprognosen falsch. Jetzt rückt sie immer stärker von ihrer bisherigen Sicht ab. Leitet der EZB-Rat bei einem Treffen am Donnerstag die Kehrtwende hin zu steigenden Zinsen ein?

Von Klaus-Rainer Jackisch, hr

Die Nervosität der Anleger an den internationalen Finanzmärkten ist überall spürbar. Vor allem die Ukraine-Krise hat die Investoren fest im Griff. Doch nun kommen erneut Sorgen vor steigenden Zinsen auf - und dieses Mal in Europa.

Klaus-Rainer Jackisch

Haben die "Falken" sich durchgesetzt?

Am kommenden Donnerstag will der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) in Paris zu einem informellen, persönlichen Treffen zusammenkommen. Solche Gespräche sind nicht völlig ungewöhnlich, aber doch eher rar - insbesondere in Zeiten, in denen das Coronavirus wütet. Die Spekulationen schlagen deshalb hoch, die EZB könnte auf dem Treffen die Weichen für eine baldige Zinswende stellen.

Notwendige Voraussetzung wäre ein Ende des Anleihekaufprogramms. Das im Zuge der Pandemie aufgelegte Programm PEPP läuft im März ohnehin aus. Nun sprechen sich immer mehr Ratsmitglieder dafür aus, auch das alte, abgespeckte Programm aus Zeiten der Finanzkrise im September zu beenden. Das meldet die Nachrichtenagentur Bloomberg mit Verweis auf Insider. Offenbar ist es dem harten Kern der sogenannten Falken um Bundesbank und österreichische Notenbank gelungen, weitere Mitglieder zu überzeugen.

Druck aus den baltischen Staaten

Insbesondere in den baltischen Staaten rührt sich der Unmut. Dort sind die Inflationsraten seit Monaten teilweise zweistellig. Lettlands Notenbankchef Martins Kazaks deutete vor wenigen Tagen an, die Notenbank könne noch in diesem Jahr handeln, sollte dies notwendig sein.

Sollte es dazu kommen, könnte die EZB auf ihrer Sitzung im Dezember die Zinswende einleiten, indem sie den Leitzins von derzeit Null Prozent anhebt. Es wäre voraussichtlich der erste von mehreren Zinsschritten nach oben.

Die Erkenntnis einer dauerhaften Inflation setzt sich durch

Auslöser für diese Entwicklung ist die zunehmende Erkenntnis, dass sich die Inflation im Euroraum stärker entwickelt hat als bislang erwartet und auch robust hält. Im Januar lag sie bei 5,1 Prozent. Monatelang hatten die Währungshüter immer wieder behauptet, dies sei nur ein vorübergehendes Phänomen, die Inflationsrate werde sich bald wieder deutlich abschwächen. Doch seit Anfang des Jahres rückt die EZB schrittweise von dieser Sichtweise ab.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde räumte ein, die Preissteigerungen seien hartnäckiger als erwartet. Eine Zinswende wollte sie jüngst nicht mehr ausschließen. EZB-Direktoriums-Mitglied Isabel Schnabel hatte gesagt, das Risiko eines zu späten Handelns habe zugenommen. Im Januar erhöhte die EZB die Prognose für die Inflationsrate auf 3,2 Prozent in diesem Jahr - fast doppelt so hoch wie bislang erwartet. Im März kommen neue Daten, einige Beobachter gehen von einer erneuten Korrektur nach oben aus.

An den Aktienmärkten sieht man diese Entwicklungen mit Sorge: Steigende Zinsen machen festverzinsliche Papiere gegenüber Aktien attraktiver, was deren Kurse tendenziell drückt. Zinserhöhungen sehen Anleger dort deshalb gar nicht gerne. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. Februar 2022 um 05:46 Uhr.