Containerschiffe werden im Hamburger be- und entladen | dpa

"Made in Germany" gefragt Exporteure erwarten anhaltenden Boom

Stand: 09.02.2022 10:17 Uhr

Der deutsche Export ist 2021 im Vergleich zum Vorjahr um 14 Prozent gewachsen - auch wegen der Nachholeffekte. Für 2022 sind die Firmen dank voller Auftragsbücher zuversichtlich. Doch viele Faktoren sorgen für Unsicherheit.

Von Axel John, SWR

Der Export in Deutschland hat vergangenes Jahr wieder kräftig zugelegt. Das hat das Statistische Bundesamt bekannt gegeben. Der Zuwachs von 14 Prozent auf 1375,5 Milliarden Euro hat mit der Pandemie zu tun: Im Jahr 2020 hatte auch der Außenhandel die Corona-bedingten Einschränkungen massiv zu spüren bekommen. Damals brachen die Warenausfuhren insgesamt um 9,1 Prozent ein. Jetzt sind die exportorientierten Unternehmen auf Erholungskurs. Die Chemie-Branche, aber auch die Elektroindustrie und die Maschinenbauer schauen mit Zuversicht in das neue Jahr.

Axel John

Viele Sorgen und hohe Kosten durch Corona

Bernd Clemens läuft durch die Produktionshalle seiner Maschinenbaufirma im rheinland-pfälzischen Wittlich. An jeder Station wird gearbeitet. "Wir haben uns früh auf die Lieferkettenproblematik eingestellt. Deshalb haben wir schon vorab viel geordert, auch wenn wir teils den Preis nicht kannten. Unser Lager ist voll. Deshalb bin ich auch für 2022 zuversichtlich", erzählt der Firmenchef, während sein Blick durch die Fabrikhalle wandert.

Sein Familienbetrieb fertigt Spezialgeräte für Wein- und Obstbau. Die Exporte gehen unter anderem in die USA oder nach Italien. Die Firma konnte wegen der vorausschauenden Einkaufspolitik auch in der Krise unter Volllast produzieren - im Gegensatz zu der großen Mehrheit der Unternehmen in Deutschland.

Wichtigste Abnehmer deutscher Exporte
Abnehmerland Exporte 2021 Veränderung gegenüber 2020
1. USA 122,1 Milliarden Euro +18,0%
2. China 103,6 Milliarden Euro +8,1%
3. Frankreich 102,3 Milliarden Euro +12,6%

In den vergangenen zwei Jahren der Pandemie habe es immer wieder Sorgen gegeben - etwa vor geschlossenen Grenzen oder den stark gestiegenen Materialkosten. "Wir mussten unsere Preise im vergangenen Sommer und jetzt zu Jahresanfang um jeweils sechs Prozent erhöhen. Das deckt aber die gesamten Mehrkosten bei den Zwischenprodukten bei weitem nicht ab", rechnet Clemens vor. Möglicherweise komme im Sommer die nächste Preiserhöhung.

Neben den Kosten für Material steigen auch die Ausgaben für den Transport. Aktuell warte man etwa beim Firmenableger im kalifornischen Sacramento auf Fracht aus Wittlich, erzählt Clemens. Die Container für den Transport seien ebenso schwer zu bekommen wie ein Platz auf dem Schiff. "Wir hoffen, dass die Ware in zwei Monaten endlich komplett in den USA angekommen ist", klagt Clemens. Teils müssten Maschinenteile sogar per Flugzeug geliefert werden. Das treibe die Kosten enorm.

Die Auftragsbücher füllen sich wieder

Trotz aller Unwägbarkeiten sei das Auftragsbuch bei Clemens voll, die internationale Nachfrage trotz vieler pandemiebedingter Unsicherheiten sehr hoch. Aus Sicht von Clemens ist das Siegel "Made in Germany" gerade jetzt besonders wertvoll. "Die Kunden verlassen sich auf die Produkte und die große Zuverlässigkeit aus Deutschland. Das ist in diesen Zeiten ein großer Standortvorteil."  

Optimismus herrscht auch beim Branchenverband VDMA in Frankfurt. Hier haben die Experten die Wachstumsaussichten für dieses Jahr von fünf auf sieben Prozent nach oben korrigiert. Der Grund: aufgrund des Materialmangels im vergangenen Jahr seien Aufträge nach 2022 geschoben worden und würden dann in den kommenden Monaten abgearbeitet. Auch hier blickt man zuversichtlich in das neue Jahr: Die Probleme mit fehlendem Material dürften ab der zweiten Jahreshälfte kleiner werden, schätzt der VDMA.

Elektroindustrie trotz Materialmangel zuversichtlich

Bei einem anderen Zugpferd der deutschen Exportwirtschaft ist die Ausgangslage ähnlich: Die Elektroindustrie klagt zwar auch über anhaltenden Materialmangel. Rund 90 Prozent aller Firmen seien davon betroffen, bilanziert Andreas Gontermann vom Verband der der Elektro- und Digitalindustrie (ZVEI). Dennoch geht man von einem Produktionsplus von mindestens vier Prozent in diesem Jahr aus.

Die deutschen Unternehmen sehen ihre Chancen unter anderem in der Digitalisierung, die durch Corona weltweit Rückenwind bekommen hat. Beim Ausblick auf 2022 gebe es trotz der positiven Grundstimmung neben Corona aber weiter viele Fragezeichen: die Versorgungsengpässe, der Handelsstreit zwischen den USA und China oder die Ukraine-Krise.

Einmalige Lage für Exportwirtschaft   

In München sitzt Timo Wollmershäuser an einem großen Schreibtisch und schüttelt immer wieder den Kopf. "Eine solche Situation hat es noch nie im Nachkriegsdeutschland gegeben." Der Konjunkturexperte des Wirtschaftsforschungsinstituts ifo studiert die neuesten Zahlen der Exportwirtschaft. "Unternehmen aus dem Maschinenbau oder der Elektroindustrie sitzen auf einem sehr dicken Auftragspolster. Selbst wenn sie ab jetzt keine neuen Bestellungen mehr bekommen würden, könnten sie noch fünf bis sechs Monate durcharbeiten. Das ist einmalig."  

Dabei dürften die guten Prognosen aber nicht überschätzt werden, so Wollmershäuser. Die Zahlen sollten vor dem Hintergrund der schlimmsten Wirtschaftskrise der Bundesrepublik nach der Pandemie analysiert werden. "Da steckt immer noch viel Nachholbedarf drin", so Wollmershäuser. "Der Industrie ist im vergangenem Jahr nach und nach das Material ausgegangen. Die Aufträge kamen rein, aber die Produktion wurde notgedrungen immer weiter zurückgefahren. Das hat das Wachstum im vergangenen Jahr sogar ausgebremst." 

Abhängig von Zulieferungen

Bei der Frage, wie es mit den Lieferketten weitergeht, richtet Wollmershäuser seinen Blick vor allem nach China. Viele Vorprodukte für die Industrie hierzulande kämen aus dem Reich der Mitte. "Lokal gibt es dort immer wieder sehr rigorose Lockdowns, die die internationale Logistik durcheinanderbringen. Aber auch aus anderen Teilen der Welt ist Deutschland auf Einzelteile angewiesen, die hier zusammengebaut werden. Noch ist viel Sand im Getriebe", so Wollmershäuser.

Dennoch helle sich die Stimmung bei den Materialien und Zwischenprodukten insgesamt langsam auf. "Ob das die Trendumkehr sein könnte, ist noch unklar. In zwei Monaten dürften wir schlauer sein."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Februar 2022 um 10:00 Uhr.