EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen lächelt bei einer Rede während des EU-Gipfels in Portugal. | dpa

EU und Indien Neue Chance für Freihandelsabkommen?

Stand: 08.05.2021 17:56 Uhr

Es ist ein neuer Anlauf nach jahrelangem Verhandlungsstopp: Die EU und Indien wollen ihre Gespräche über ein Freihandelsabkommen wieder aufnehmen. Von einem solchen Deal könnte vor allem Deutschland profitieren.

Rund acht Jahre lang herrschte Stillstand in den Gesprächen um ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien. Nun sollen die Gespräche über einen solchen Deal wieder aufgenommen werden. Darauf einigten sich die EU-Staats- und Regierungschefs und Indiens Premierminister Narendra Modi auf einem gemeinsamen Videogipfel.

Das Ziel sei ein "ausgewogenes, ehrgeiziges, umfassendes und für beide Seiten vorteilhaftes Handelsabkommen", sagte Modi nach Abschluss des Gipfels. Die erste engere Kooperation wurde nach Angaben von EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen bereits ins Auge gefasst - und zwar bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz und Supercomputern.

"Viel ungenutztes Potenzial" bei gemeinsamem Handel

Indien sei ein "Kraftzentrum bei der Digitalisierung", betonte von der Leyen. Sie sehe "eine Menge ungenutztes Potenzial" beim gemeinsamen Handel und Investitionen und freue sich darauf, die Gespräche über ein Abkommen wieder aufzunehmen. In den Verhandlungen solle auch über ein Investitionsschutzabkommen und den Schutz von geografischen Herkunftsangaben beraten werden.

Auch EU-Ratspräsident Charles Michel sprach von einem "neuen Kapitel" der strategischen Partnerschaft mit Indien. Per Tweet kündigte er an, dass die EU mit Indien auch über das Thema Menschenrechte in intensiveren Dialog treten wolle und über größere Anstrengungen für die Sicherheit im Raum des Indopazifik.

Streit wegen Zöllen und Zugang zum EU-Arbeitsmarkt

Indien ist der zehntgrößte Handelspartner der EU. Im vergangenen Jahr betrug das Handelsvolumen zwischen beiden Seiten gut 65 Milliarden Euro.

Doch seit 2013 waren die Verhandlungen über ein mögliches Freihandelsabkommen auf Eis gelegt. Der Grund waren Streitigkeiten, unter anderem wegen des Zugangs für indische Arbeitskräfte in die EU sowie wegen Zöllen, die Indien etwa auf Autos aus der EU erhob.

Nach wie vor erhebt Indien bei der Einfuhr eines Autos aus der EU Aufschläge von bis zu 100 Prozent des Kaufpreises, um so den Kaufanreiz für Wagen aus der heimischen Produktion zu stärken.

Deutschland als Gewinner eines Handelsabkommens?

Vor allem Deutschland könnte wohl von einem Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien profitieren. Laut einer Studie des EU-Parlaments wäre die Bundesrepublik voraussichtlich der EU-Staat, in dem durch einen solchen Deal die Ex- und Importe nach und aus Indien am stärksten zunähmen. Vor allem für die Importe geht die Studie von einem Plus aus. Das EU-Parlament schätzt, dass Deutschland durch ein Freihandelsabkommen einen Wohlfahrtsgewinn von etwa 2,2 Milliarden Euro verzeichnen könnte.

Die Bertelsmann-Stiftung hatte schon 2017 eine Schätzung veröffentlicht, wonach Deutschland durch ein Handelsabkommen sein Bruttoinlandsprodukt um mehr als vier Milliarden Euro steigern könnte. Große Gewinner wären laut der Stiftung vermutlich die Autobranche und der Maschinenbau. Für die Textilbranche beispielsweise könnten durch den Import von in Indien deutlich billiger produzierter Ware negative Folgen entstehen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 08. Mai 2021 um 18:00 Uhr.