Kokerei Schwelgern am Rhein in Duisburg-Marxloh | picture alliance / Rupert Oberh

Wettbewerbsfähigkeit Energiekrise bedroht Industrie

Stand: 28.11.2022 12:05 Uhr

Die extrem gestiegenen Gaspreise könnten einer Studie zufolge im schlimmsten Fall eine Deindustrialisierung in Deutschland und Europa auslösen. Auch die Lieferengpässe kosteten zuletzt Wertschöpfung in Milliardenhöhe.

Die Energiekrise gefährdet nach Einschätzung der Unternehmensberatung PwC Schlüsselsektoren der deutschen Industrie und könnte sogar eine Deindustrialisierung Europas auslösen. Europa verliere als Produktionsstandort an globaler Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität.

Besonders hart von den explosionsartig gestiegenen Gaspreisen werde die deutsche Industrie getroffen, heißt es in der Studie der PwC-Tochter Strategy&. "Viele Unternehmen könnten sich zukünftig dazu entscheiden, ihre Produktion innerhalb Europas neu aufzustellen oder gänzlich aus Europa abzuziehen", sagte Strategy&-Europachef Andreas Späne.

Abwanderung wegen höheren Produktionskosten möglich

Die Metall-, Auto-, und Chemiebranche stehen PwC zufolge wegen der höheren Produktionskosten unter enormem Druck. Auch andere stark von russischem Öl und Gas abhängige Länder wie Polen befinden sich in einer schlechten Lage. In Frankreich und Spanien stiegen die Produktionskosten dagegen vergleichsweise moderat. Ein Grund dafür sei der höhere Anteil von Atomstrom und erneuerbarer Energien im Energiemix.

Obwohl die deutsche Industrie in den meisten Branchen weiterhin günstiger als der EU-Durchschnitt produziere, könnten Unternehmen aus den am stärksten betroffenen Sektoren ihre Produktion in andere Regionen außerhalb Europas verlagern, heißt es weiter. Langfristig könne das zu Strukturverschiebungen innerhalb der europäischen Industrielandschaft führen oder sogar zu einer Deindustrialisierung.

Erst 2024 rechnet die Unternehmensberatung mit einer Entspannung am Energiemarkt. "Um wichtige Industrien im Land zu halten, muss die Politik jetzt die richtigen Anreize setzen, um die Inflation zu drücken und die Energietransformation zu beschleunigen", betonte Co-Autorin Eva Poglitsch. Mit der Erhöhung der Energieeffizienz, dem Ausbau erneuerbarer Energien und Dekarbonisierung eröffneten sich für die Unternehmen nämlich auch Chancen.

Lieferengpässe kosteten Milliarden an Wertschöpfung

Die deutsche Industrie erwartet in diesem Jahr wegen der Energiekrise und Lieferengpässen nur einen leichten Zuwachs bei der Produktion. Sie dürfte lediglich um 0,25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zulegen, wie der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) prognostiziert. Zum Vergleich: 2021 hatte es noch zu einem Plus von 4,7 Prozent gereicht. "Der Ausblick für das Jahr 2023 ist düster", hieß es zugleich mit Blick nach vorn.

Allein aufgrund der Lieferengpässe bei vielen aus dem Ausland bezogenen Vorprodukten konnten Anfang 2021 bis Mitte 2022 Güter im Wert von knapp 64 Milliarden Euro nicht hergestellt werden, wie eine vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung heute veröffentlichte Untersuchung ergab. Besonders stark habe es die Autoindustrie getroffen. Deren Wertschöpfung in Deutschland sei wegen des Mangels an Vorprodukten um knapp 31 Milliarden Euro geringer ausgefallen.

Stimmung in der Wirtschaft zuletzt aufgehellt

Zuletzt hatten die neuesten Umfragen in der Industrie allerdings Hoffnung gemacht. So stieg der ifo-Geschäftsklimaindex im November um 1,8 Punkte auf 86,3 Zähler. Dass die Chefetagen weniger pessimistisch in die Zukunft schauen, lag dabei vor allem an den abnehmenden Materialengpässen. In diesem Monat klagten nur noch 59,3 Prozent der Unternehmen darüber - nach 63,8 Prozent im Oktober. Auch die Exporterwartungen kletterten nach oben.

Drei Viertel der deutschen Industriebetriebe, die Gas für die Herstellung ihrer Güter benötigen, ist es zudem bislang gelungen, ohne Produktionskürzung Gas zu sparen. Allerdings haben viele Unternehmen in dieser Hinsicht damit das Mögliche auch schon getan. Der Spielraum für weitere Einsparungen ohne Produktionsrückgang scheint Experten zufolge zunehmend ausgereizt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 28. November 2022 um 09:05 Uhr in der Börse.