Menschen während des Sonnenuntergangs im Finanzviertel Lujiazui in Shanghai, China. | REUTERS

Chinas Wirtschaftssystem Zwischen Leninismus und Turbokapitalismus

Stand: 24.07.2021 11:22 Uhr

In Chinas Staatswirtschaft hat mehr denn je die Kommunistische Partei die Kontrolle - Experten sprechen von "Markt-Leninismus". Gleichzeitig hinkt die soziale Fürsorge den Bedürfnissen weit hinterher.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Einen passenden Namen zu finden für das Wirtschaftssystem der Volksrepublik ist gar nicht so einfach - selbst für Ökonomen, die sich hauptberuflich und täglich mit China auseinandersetzen.

Steffen Wurzel ARD-Studio Shanghai

"Ein richtiger Begriff fehlt uns", sagt Michael Pettis, Finanzprofessor an der Beida-Universität in der chinesischen Hauptstadt Peking. "Deswegen sagen wir 'Staatskapitalismus' oder 'Kapitalismus mit chinesischen Merkmalen' oder 'Leninistischer Kapitalismus' - man kann sich zahlreiche verschiedene Begriffe ausdenken."

Alicia García-Herrero, Chefökonomin der französischen Investmentbank Natixis für den Asien-Pazifikraum mit Sitz in Hongkong, hält den Begriff "Staatskapitalismus" für passend: "Weil der Staat alles dominiert. Oder auch 'Parteikapitalismus', weil wiederum die kommunistische Partei den Staat dominiert."

"Faustischer Teufelspakt"

Einig sind sich beide Experten in einem Punkt: Mit der deutschen Sozialen Marktwirtschaft hat das chinesische System nichts zu tun. "Die Soziale Marktwirtschaft stellt die Belange der Arbeiter und Angestellten in den Mittelpunkt. In China hingegen haben Angestellte fast keine Rechte", sagt García-Herrero. "Sie dürfen nicht mal Gewerkschaften gründen. Die Kommunistische Partei sorgt für starkes Wirtschaftswachstum, indem sie den Angestellten und Arbeitern die Rechte vorenthält, die diese etwa in Deutschland haben. Das ist also eine Art Faustischer Teufelspakt."

Bis in die 1970er-Jahre hinein lebten in China Hunderte Millionen Menschen in bitterer Armut. Allein in den Anfangsjahren der Volksrepublik kostete die katastrophale Wirtschaftspolitik der Kommunistischen Staatsführung zwischen 14 und 55 Millionen Menschen das Leben. Erst nach dem Tod von Staatsgründer Mao Zedong 1976 sorgten wirtschaftspolitische Reformen für ein Anspringen der Konjunktur in China. Vor allem sorgten massive staatliche Investitionen in moderne Infrastruktur für Wachstum; also etwa in Straßen, Brücken, Schnellzuglinien, Kraftwerke, Messezentren und Wohnanlagen. Doch davon gibt es inzwischen landesweit mehr als genug.  

Viele Wohnungen stehen leer

"Inzwischen findet Chinas Führung kaum noch Bereiche, in die es produktiv investieren kann", sagt Finanzprofessor Pettis. "Stattdessen baut sie weiter oft unnütze Infrastrukur und riesige Wohnanlagen. Ein Viertel der Wohnungen in China steht leer. Die Staatsführung baut trotzdem weiter."

Von "unproduktiven Investitionen" spricht Pettis. Ein modernes und leistungsfähiges Sozialsystem hingegen hat China nach wie vor nicht. Hier fehlt es an Investitionen - und an politischen Reformen. Denn immer noch hält die Volksrepublik an ihrem veralteten dezentralen Sozialsystem fest. Menschen aus den großen Städten werden gegenüber den Bewohnern ländlicher Gegenden stark bevorzugt. Wer etwa aus einer Kleinstadt nach Shanghai zieht, kann dort weder seine Kinder in eine normale Schule schicken, noch einfach zum Arzt gehen.

Wachsende Ungleichheit

"Chinas Fürsorgesystem ist nicht nur kleiner als das bei uns in Europa, sondern auch ungerechter. Das ist bemerkenswert für ein sozialistisches System wie China", sagt die Volkswirtin García-Herrero. "Es kommt hier immer darauf an, wo man geboren ist, wo man arbeitet und ob man es schafft, in einer Stadt, in die man zieht, ein offizielles Wohnsitzdokument zu bekommen. Wenn nicht, dann hat man quasi keinen Zugang zum Sozialsystem."

China ist als Volkswirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten zwar reicher geworden. Die soziale Ungleichheit hat aber zugleich deutlich zugenommen. Der so genannte Gini-Index, der die Ungleichverteilung zwischen Arm und Reich anzeigt, hat sich in in der Volksrepublik seit Ende der 1970er-Jahre etwa verdoppelt, wie Zahlen der Vereinten Nationen zeigen. In den USA ist der im selben Zeitraum etwa gleich geblieben. In Deutschland hat die Ungleichverteilung zwischen Arm und Reich seitdem statistisch gesehen etwas abgenommen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Juli 2021 um 05:48 Uhr.