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Omikron und China Ein Fiasko für die Wirtschaft?

Stand: 15.02.2022 09:06 Uhr

Die Null-Covid-Strategie in China hat bislang funktioniert: Die Wirtschaft ist besser durch die Corona-Pandemie gekommen als in anderen Ländern. Die Omikron-Variante könnte das jedoch ändern.

Von Eva Lamby-Schmitt, ARD-Studio Shanghai

Es ist eine Simulation, keine Prognose: Mal angenommen, die Null-Covid-Strategie in China geht bei Omikron nicht mehr auf. Dann trifft die hochansteckende Virus-Variante auf eine Bevölkerung, die bisher kaum mit dem Virus in Kontakt gekommen ist. Michael Böhmer, Chefvolkswirt beim Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos, beschreibt die Ausgangslage:

Sie haben gut gegen Corona gekämpft, sie haben aber nicht gelernt, mit Corona zu leben, weil sie sich extrem abgeschottet haben. Mit natürlich sehr rigiden Maßnahmen. Und jetzt kommt hinzu, dass ein Großteil der Bevölkerung geimpft ist, aber offenkundig hat der Impfstoff eine geringe Wirkung gegen Omikron. Wenn Omikron wirklich ins Land kommt, flächendeckend, dann stößt es eben auf eine Bevölkerung, die weder auf natürliche Weise immunisiert ist noch einen wirksamen Impfschutz gegen Omikron hat.
Eva Lamby-Schmitt ARD-Studio Shanghai

Wirtschaftswachstum könnte deutlich sinken

In der Untersuchung von Prognos wird angenommen, dass Omikron die Wirtschaft in China ähnlich hart trifft wie die Alpha-Variante zu Pandemiebeginn. "Wenn wir das annehmen, dann hätten wir in China nicht mehr ein Wachstum von sechs Prozent in diesem Jahr 2022, sondern nur noch von 2,3 Prozent", sagt Böhmer.

Zum einen wird natürlich die Nachfrage aus China sinken, also die Nachfrage nach unseren deutschen Exporten. Das bekommen die Exporteure unmittelbar zu spüren und damit auch die Gesamtwirtschaft in Deutschland. Und zum anderen müssen wir aus den Erfahrungen der letzten zwei Jahre eben auch damit rechnen, dass es in China wieder zu Fabrikschließungen kommt und dass damit auch die Lieferketten weiterhin unterbrochen sind.

Auswirkungen für deutsche Wirtschaft

Auch inwiefern sich das in Zahlen auf die deutsche Wirtschaft auswirken könnte, hat Prognos in dem Szenario berechnet. Dabei handelt es sich um keine Vorhersage. Sondern: In der Simulation werden Annahmen gemacht. In diesem Fall wird angenommen, dass die Industrieproduktion in Deutschland im Jahr 2022 gar nicht wächst. Wegen der Lieferengpässe. Denn viele Unternehmen in Deutschland benötigen Material zur Weiterverarbeitung aus China.

"Wenn man das alles zusammen nimmt, dann würden wir zu dem Ergebnis gelangen, dass sich die Wachstumsaussichten für Deutschland ungefähr halbieren würden", sagt Böhmer. "Nicht mehr vier Prozent, wovon wir eigentlich ausgehen für dieses Jahr, sondern nur noch 2,1 Prozent."

Wirksamer Impfstoff benötigt

Wenn Omikron sich in China noch weiter verbreitet, dann wird die Volksrepublik mit harten Maßnahmen antworten. Das ist nicht nur die Annahme von Prognos. Auch Andreas Glunz aus dem Vorstand des internationalen Geschäfts der Unternehmensberatung KPMG sieht das so:

Das betrifft ja im Übrigen auch die Produktion ausländischer Firmen in China und die gesamte Lieferkette aus China ins Ausland. Das ist eben auch nicht so, dass es da Ermessensentscheidungen gibt in den Provinzen, sondern die Regeln werden streng umgesetzt und angewandt. Vieles wird davon abhängen, ob es China gelingt, einen wirksamen Impfstoff oder eine Medizin zu entwickeln oder ob China dann doch noch die Kooperation mit Fosun oder BioNTech eingeht. Also darf man gespannt sein.

Viele deutsche Unternehmen von Lockdowns betroffen

Im vierten Quartal 2021 ist die chinesische Wirtschaft bereits langsamer gewachsen als im Rest des Jahres - auch weil es mehrere Lockdowns im Dezember gab. Mehr als 100 deutsche Unternehmen waren zuletzt von Lockdowns in den Wirtschaftsmetropolen Xi’an und Tianjin im Norden des Landes betroffen. Die Produktion stand teilweise still.

"Die Beeinträchtigungen, die es schon durch das ganze Jahr gab, auch durch Logistik - Lieferketten, Rohstoffmangel - die werden einfach von solchen Lockdowns noch mal verstärkt", sagt Jens Hildebrandt von der Deutschen Auslandshandelskammer in China. "Somit ist die wirtschaftliche Aktivität der Unternehmen eingeschränkt. Grundsätzlich muss man sagen, die Ankunft von Omikron wird schon zur Feuerprobe für China. Man muss schauen, wie gut die Null-Covid-Strategie, die die chinesische Regierung bisher gefahren hat, standhalten wird."

Infektionsgeschehen in Hongkong steigt an

Aktuell gibt es in China nach Omikron-Ausbrüchen immer wieder vereinzelte Lockdowns. Dennoch scheint die Null-Covid-Strategie in Festland-China bislang zu funktionieren. Die täglichen in den Staatsmedien gemeldeten Fallzahlen liegen im zweistelligen Bereich.

Anders dagegen sieht es in der Sonderverwaltungsregion Hongkong aus. Hongkongs Verwaltung orientiert sich bei ihrer Pandemiebekämpfung an Festland-China - doch die Fallzahlen in Hongkong sind wegen der Omikronvariante zuletzt rasant angestiegen - auf zuletzt mehr als 2000 gemeldete Neuinfektionen am Tag.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 15. Februar 2022 um 15:41 Uhr in der Wirtschaft.