Soldaten hissen die chinesische Flagge bei einer Zeremonie während der Olympischen Winterspiele | REUTERS
Analyse

Folgen für Chinas Wirtschaft Der Preis der Olympischen Spiele

Stand: 21.02.2022 10:40 Uhr

China hat Milliarden in die Olympischen Spiele investiert. Wegen der Null-Covid-Politik fanden sie abgeschottet vom Rest des Landes statt und störten manche Geschäfte eher. Wie fällt die wirtschaftliche Bilanz aus?

Von Eva Lamby-Schmitt, ARD-Studio Shanghai

"Ich muss hier über die Runden kommen und Geld verdienen. Ich gucke selten Fernsehen, mich interessiert das alles nicht", sagt eine Pfannkuchen-Verkäuferin in Shanghai. "Die Pandemie hat uns in den vergangenen zwei Jahren so viel gekostet. Und jetzt fängt's wieder von vorne an." Die Verkäuferin interessiert sich nicht für die Olympischen Winterspiele, sondern eher für den Covid-Ausbruch kurz vor Beginn der Spiele Mitte Januar, der ihrem Geschäft geschadet hat. Es waren nur fünf Fälle in unmittelbarer Nachbarschaft: in einem Milchteeladen. Tausende Menschen mussten für zwei Wochen in Quarantäne. Die Straßen, Restaurants waren leerer als sonst.

Eva Lamby-Schmitt ARD-Studio Shanghai

Auch ein Café-Besitzer, der anonym bleiben möchte, ist besorgt. Er sagt, dass er im Januar bis zu 50 Prozent weniger verkauft habe als zuvor. "Es ist unfair, dass die Regierung die Maßnahmen unter solch einem Zwang durchzieht", sagt er. Das Leben müsse doch weiter gehen. "Am Ende haben Regeln kein Leben. Aber Menschen haben ein Leben", sagt der Mann.

Angst vor Einschleppung von Infektionen

Auch andere Städte in China hat es kurz vor Beginn der Olympischen Winterspiele getroffen. Wichtige Wirtschaftsmetropolen wie Tianjin und Xi’an waren im Dezember und Januar im Lockdown. Produktionsbänder standen still. Es war der größte Corona-Ausbruch in der Volksrepublik seit Frühjahr 2020.

Im Vorfeld der Spiele waren die Behörden besonders nervös, weil sie fürchteten, dass Infektionen sich unkontrolliert ausbreiten könnten. Es bestand die Angst, dass Infektionen aus dem Ausland eingeschleppt werden. "Da sind auch Ausbrüche in Peking. Wir brauchen keine Olympischen Winterspiele. Ich denke, Sicherheit sollte an erster Stelle stehen", so der Café-Besitzer in Shanghai.

Schwächelnde Wirtschaft schürt Kritik

Von Begeisterung vor und während der Spiele in Shanghai war nichts zu spüren. Im Gegenteil. Es scheint wie ein Stimmungswechsel. Ein Paradigmenwechsel. Viele Menschen äußern sich auf einmal kritisch der Regierung gegenüber in einem Land, in dem es keine Meinungsfreiheit gibt.

"Diese allgemeine Unzufriedenheit hat mit dem verlangsamten wirtschaftlichen Wachstum zu tun", erklärt ein chinesischer Professor für Psychologie, der aus Sicherheitsgründen seinen Namen nicht nennen möchte und der mittlerweile in den USA lebt. "Seit Oktober wächst die Wirtschaft nicht mehr stark. Das hat einen direkten Einfluss auf das Leben der Menschen. Durch Gespräche mit Freunden haben wir gemerkt, dass es in großen Städte wie Shanghai, Hangzhou und Shenzhen Anzeichen gibt, dass es wirtschaftlich nicht mehr so gut läuft."

Ökonomisch ist China bisher besser durch die Pandemie gekommen als andere Volkswirtschaften. Nach offizieller Statistik ist das Bruttoinlandsprodukt 2021 im Vergleich zum Vorjahr um etwa acht Prozent gestiegen. Im Schlussquartal allerdings war das Wachstum mit vier Prozent nicht mehr so stark - auch wegen der Corona-Ausbrüche und der Lockdowns.

Olympia-Organisatoren sehen wirtschaftlichen Erfolg

Chinas Organisationskomitee in Peking bezeichnet die Olympischen Winterspiele auf Anfrage der ARD als einen wirtschaftlichen Erfolg. In einer schriftlichen Mitteilung heißt es:

Der chinesische Markt wird florieren. Der Wintertourismus, die Winterausrüstungsindustrie und alle Branchen, die mit Wintersport verbunden sind, werden sich weiterentwickeln und zu einem neuen wirtschaftlichen Wachstum führen. In der Gastgeberstadt Peking ist neue Infrastruktur entstanden: Für Verkehr, Telekommunikation, Gesundheit, Gaststätten. Das wird das Wirtschaftswachstum der Stadt Peking ankurbeln. Die Olympischen Winterspiele haben theoretisch und praktisch dazu beigetragen, Chinas Wirtschaft nachhaltiger zu machen.

Olympische Spiele gelten generell als Minusgeschäft. Nach einer Analyse der "Financial Times" hat China umgerechnet mindestens sieben Milliarden Euro ausgegeben, um die Spiele auszurichten und neue Spielstätten zu bauen. Das ist fast doppelt so viel wie das ursprüngliche Budget, das vorgesehen war. Allein der Kunstschnee für das zuvor unerschlossene Skigebiet in Yanqing soll umgerechnet mehr als eine Milliarde Euro gekostet haben. Viele Investitionen tauchen im Budget für die Spiele gar nicht erst auf.

Gegenwind für Olympia-Sponsoren

Menschenrechtsgruppen kritisieren, dass internationale Olympia-Sponsoren die Spiele finanziell unterstützt haben. Dazu gehören neben dem deutschen DAX-Unternehmen Allianz auch der Autokonzern Toyota, der Kreditkartenanbieter Visa sowie der Getränkekonzern Coca-Cola.

Wie gut oder schlecht die Olympischen Winterspiele sich für die Sponsoren in Sachen Reputation auswirken, wird sich erst mit der Zeit zeigen, meint die Wirtschaftsethikerin Alicia Hennig vom Internationalen Hochschulinstitut (IHI) Zittau. "Fakt ist aber, dass die Sponsoren sich mit ihrem Sponsoring nicht beliebt gemacht haben, und ich glaube, das war sehr sichtbar in vielen Ländern außerhalb Chinas - weil sie damit einem menschenverachtenden Regime Legitimität verleihen, in dem sie eine so weitreichende Kooperation eingehen", sagt Hennig.

Eine Medaille habe die chinesische Regierung aus wirtschaftsethischer Sicht nicht verdient, so Hennig. Denn die chinesische Regierung "ist nach wie vor Verursacher systematischer Menschenrechtsverletzungen, und die wirken sich dann beispielsweise auch im Bereich der Produktion aus, in Form von Zwangsarbeit beispielsweise. Darüber hinaus wirken zum Beispiel diverse chinesische Unternehmen bei diesen systematischen Menschenrechtsverletzungen mit und sind somit auch Mittäter."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 21. Februar 2022 um 09:00 Uhr.