Ein Arbeiter arbeitet in einem Stahlwerk in Lianyungang, in Chinas östlicher Provinz Jiangsu. | AFP

Wirtschaftsexperten warnen China, ein wankender Riese?

Stand: 18.10.2021 18:08 Uhr

Riesenreich, Wirtschaftsdrache, Ertragsbringer: Dies alles war China lange in den Augen der deutschen Wirtschaft. Doch auf einmal ist das Land zum Problemfall geworden.

Von Victor Gojdka, ARD-Börsenstudio

Wankende Immobiliengiganten, knapper Strom und maue Kauflaune - China sei nicht mehr die wirtschaftliche Riesenmacht, die es einmal war, warnen Experten. Die deutschen Großkonzerne müssen aufwachen, sagt Chinaexperte Ingo Beyer von Morgenstern, der mit der Anlagegesellschaft Qilin Capital einen Chinafonds berät: "Volkswagen hängt am Umsatztropf China", warnt er. Auch Siemens und SAP hätten dort große Umsätze. "All diese Unternehmen müssen eine neue Weltstrategie definieren - eine große Herausforderung", sagt Beyer.

Da muss etwas passiert sein, wenn selbst China-Kenner deutsche Unternehmen davor warnen, sich zu sehr auf das Geschäft mit dem Riesenreich zu verlassen. Denn gleich drei Probleme machen den Unternehmen zu schaffen.

Problem 1: Der Fall Evergrande

Der wankende Immobilienkonzern könnte die Immobilienblase in China platzen lassen. Mit klaren Folgen, sagt Chinaexperte Horst Löchel, Leiter des Sino-German-Center der Frankfurt School. Er hat die Auswirkungen im persönlichen Umfeld erfahren und berichtet von Studierenden, deren Eltern bei Evergrande investiert hätten und für die nicht klar sei, ob sie ihr Geld jemals zurückbekommen werden. Die Folge sei Kaufzurückhaltung, so Löchel: "Natürlich halten die sich mit Konsum zurück, weil die Zeiten sehr unsicher sind."

Viele Bürger der chinesischen Mittelschicht hätten 70 Prozent ihres Vermögens in Form von Immobilien angelegt. Gehe es in der Branche bergab, hielten sie ihr Geld zusammen. Das trifft auch die deutschen Konzerne, weil die Menschen dann auch weniger Volkswagen, BMW oder Mercedes kaufen. So haben die Autounternehmen im September deutlich weniger Wagen verkauft als vor einem Jahr.

Problem 2: Die Stromknappheit

Seit Wochen drehen chinesische Behörden in einigen Provinzen immer wieder den Strom ab. Oft "holterdipolter", sagt Chinaexperte Löchel: "Da bekommt man einfach gesagt, dass man eine Woche mal aussetzen muss mit der Produktion." Das betreffe eben auch deutsche Unternehmen.

Für die Stromabschaltungen gibt es mehrere Gründe. Einerseits ist Kohle - noch immer Energieträger Nummer eins in China - teuer geworden, so dass Kraftwerksbetreiber Verlust machen, wenn sie ihre Meiler am Netz lassen. Viele fahren die Kraftwerke deshalb herunter. Andererseits gibt es neue Vorgaben aus Peking hinsichtlich des Klimaschutzes und des CO2-Ausstoßes, die einige Provinzen versuchen einzuhalten, indem sie Kraftwerke kurzerhand und ohne Vorankündigung vom Netz nehmen.

Problem 3: Das neue chinesische Selbstbewusstsein

Immer stärker besinnen sich die Chinesen auf sich selbst. Wer als Unternehmen in China verkaufen will, muss mitunter dort auch produzieren. Und teilweise werde nicht einmal mehr das geduldet, sagt Chinaexperte Beyer von Morgenstern. Immer öfter griffen sie auch direkt an, so zum Beispiel in der Autoindustrie: Dort hätten die Chinesen erkannt, dass sie bei Diesel und Benziner nicht wettbewerbsfähig sein können. "Also investieren sie in Elektroautos und sind damit der deutschen Autoindustrie um Jahre voraus."

Ausgerechnet die DAX-Konzerne VW, BMW, Daimler und die Chipmacher von Infineon machen besonders viel Chinageschäft. Sie werden schauen müssen, unter welchem Stern das Geschäft künftig steht.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 18. Oktober 2021 um 12:34 Uhr.