Wanderarbeiter in China (Archivbild August 2011)

Konjunkturschwäche Druck auf Chinas Arbeitsmarkt wächst

Stand: 07.03.2022 15:24 Uhr

Chinas Führung stimmt das Land auf ein wirtschaftlich schwieriges Jahr ein. Nicht nur Wanderarbeiter müssen um ihre Jobs fürchten; auch Uni-Absolventen haben Grund zur Sorge.

Von Daniel Satra, ARD-Studio Peking

In China tagt der Volkskongress. Ministerpräsident Li Keqiang schwor die chinesische Bevölkerung gleich zum Auftakt auf ein schwieriges Jahr ein: "Die Stabilisierung der Beschäftigung gestaltet sich zunehmend schwerer", sagte Li am Wochenende. Und: "Das Problem der verzögerten Lohnauszahlungen an ländliche Wanderarbeiter soll mit Nachdruck gelöst werden." Und: "Wir müssen unbedingt erreichen, dass die Landbevölkerung mehr Möglichkeiten zur Beschäftigung und Einkommenssteigerung erhält."

Daniel Satra ARD-Studio Peking

Alarmsignale, die sich schon Ende vergangenen Jahres andeuteten, als sich Chinas Wirtschaftswachstum deutlich abschwächte. Jetzt drohen im Zuge des Ukraine-Kriegs global weitere Dämpfer. Als Folge könnten chinesische Exporte leiden - bereits zu Jahresbeginn schwächte sich auch hier das Wachstum ab.

Weniger Bedarf an Arbeitskräften

Qu Zhanghua ist Wanderarbeiter in Yiwu, einer Industrie- und Handelsstadt südlich von Shanghai. Nach Ausbruch der Pandemie geriet hier die Produktion in vielen Fabriken ins Stocken, und die Löhne für Arbeiter halbierten sich. Während Qu vor der Pandemie an guten Tagen umgerechnet 35 Euro verdienen konnte, sind es heute nur noch 15 bis 20 Euro.

"Hier ist viel Konkurrenz", erklärt Qu, der mit etwa 60 weiteren Tagelöhnern an einer Straße in Yiwu wartet. "Alle laufen sofort los, wenn ein Auto kommt, es herrscht Wettbewerb um jeden Job". Wenn ein Auto kommt, heißt das, dass eine Fabrik oder Baustelle Tagelöhner sucht. Dann bildet sich eine Menschentraube um den Wagen, und durchs Seitenfenster werden Stück- oder Stundenlöhne verhandelt. Wer Glück hat, kann sogar einen Job für ein paar Wochen ergattern.

Qu Zhanghua geht heute leer aus. Er ist besorgt im Hinblick auf die kommenden Monate. "Die Auftragslage bei den Unternehmen scheint derzeit nicht so gut, sie haben weniger Arbeit und brauchen weniger Arbeiter", sagt er. "Die Aussichten sind schlecht."

Verdienste der Wanderarbeiter sinken

Was Qu in der Stadt Yiwu erlebt, beobachten Wirtschaftsexperten überall in China. Viele der geschätzt 280 Millionen Wanderarbeiter verdienen weniger als vor der Pandemie. "Gerade gering qualifizierte Wanderarbeiter haben es schwer", erklärt Dan Wang, Chef-Ökonomin der Hang Seng Bank in China. "Entweder Betriebe stellen auf Maschinen um, oder die Konkurrenz vor Ort ist groß, und andere übernehmen die Jobs: lokale Arbeitskräfte oder sogar Uni-Absolventen, die einfach jeden Job annehmen würden, weil sie so besorgt sind."

Dieses Jahr werden in China knapp elf Millionen Studierende ihren Uni-Abschluss machen. Ein Rekord und ein Problem, sagt Zhao Lu von der Pekinger Firma AceOffer. "Durch die weltweite Wirtschaftslage läuft es auch in Chinas Wirtschaft nicht ideal. Unternehmen sind daher anspruchsvoller bei Bewerbern, bei Absolventen aus China und sogar bei Absolventen von Unis im Ausland."

"Es gibt zu viele Mitbewerber"

Zhao Lu gibt online Trainings für Uni-Absolventen, schult sie für Bewerbungsgespräche, damit sie hervorstechen und auf dem Arbeitsmarkt eine Chance haben. Heute hat Ding Lianxin eine Trainingsstunde: Die 21-Jährige hat in Australien Management studiert, jetzt ist sie zurück in Peking. "Es gibt zu viele Mitbewerber. Jeder gibt schon beim Studium alles, jeder will bestmöglich vorbereitet sein", sagt sie. "Und weil das Angebot an Bewerbern die Nachfrage übersteigt, ist es richtig ernst." Ding Lianxin gibt rund 700 Euro für zehn Stunden aus, "um nicht bei irgendeiner, sondern bei einer guten Firma einen Job zu bekommen", erklärt sie.

Ökonomin Dan Wang glaubt nicht an eine schnelle Erholung auf dem Arbeitsmarkt für Uni-Absolventen. "Dafür ist ihre Anzahl einfach zu groß", die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie kämen hinzu, und "es gibt ein Missverhältnis von Angebot und Nachfrage bei den Hochqualifizierten", sagt Dan Wang.

Hohe Arbeitslosigkeit bei Jüngeren

Während erfolgreiche Unternehmen etwa KI-Spezialisten händeringend suchten, würden viele Wirtschaft und Finanzen studieren - ohne vielversprechende Jobaussichten. Zuletzt lag laut Statistik die Arbeitslosigkeit bei Unter-24-Jährigen bei mehr als 14 Prozent. Pekings Wirtschaftsplaner kündigten daher an, Uni-Absolventen beim Weg in die Selbstständigkeit zu unterstützen: Geplant sind unter anderem kostenlose, staatlich finanzierte Start-up-Förderung, Sonderkredite zu niedrigen Zinssätzen und Steuernachlässe - und das ist nur ein Beispiel.

Beim Volkskongress versprach Ministerpräsident Li Keqiang jetzt eine ganze Reihe von Konjunkturmaßnamen. Für Beobachter ist das ein klares Zeichen dafür, dass sich die kommunistische Führung in Peking auf ein sehr schwieriges Wirtschaftsjahr in China einstellt.