Cannabis-Anbau im kanadischen Bundesstaat Ontario | REUTERS

Legalisierung von Haschisch Kanadas Erfahrungen mit der Cannabis-Freigabe

Stand: 24.10.2021 10:38 Uhr

Seit drei Jahren ist Cannabis in Kanada legal. Die einst euphorischen Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Vieles musste das Land erst lernen. Trotzdem sprechen Experten von einem Erfolg.

Von Rupert Wiederwald, ARD-Studio Washington

Als am 17. Oktober 2018 die ersten legalen Cannabis-Shops in Montreal öffneten, standen die Menschen um mehrere Häuserecken Schlange. Es war ein weltweit beachtetes Ereignis: Das erste große westliche Industrieland legalisierte Handel und Gebrauch von Haschisch, Marihuana und in der Folge vielen weiteren Cannabis-Produkten. Auch an den Börsen schaute man gebannt nach Kanada, hoffte die Wirtschaft doch auf ein Multi-Milliarden-Dollar-Geschäft.

Rupert Wiederwald

Heute steht niemand mehr Schlange vor den "Dispensaries", den Cannabis-Abgabestellen in Kanada. Sie sind staatlich lizenziert oder - wie in Quebec - komplett staatlich geführt. Es hat lange gedauert, bis sie sich einigermaßen etablieren konnten. Die SQDC, die in Kanadas zweitgrößter Provinz Quebec die Abgabe von Cannabis kontrolliert, verkaufte im ersten Jahr etwa neun Tonnen Cannabis-Produkte - in gerade einmal 23 Läden. In Kanadas größtem Bundesstaat Ontario gab es den ersten staatlichen Laden erst nach acht Monaten.

Zu schwache Infrastruktur für Produktion und Bedarf

Eine viel zu schwache Infrastruktur konnte sowohl die riesigen Mengen Cannabis, die durch neue Zuchtfarmen auf den Markt gebracht wurden, als auch den Bedarf der Kanadier nicht verarbeiten. Die Folge: Große Mengen legales Cannabis blieb in den Warenhäusern, und viele Kunden kauften dort, wo sie schon immer gekauft hatten: beim lokalen Dealer. 

"Wir mussten lernen, dass es einen Unterschied gibt zwischen der Legalisierung und dem Moment, an dem wir erste Geschäfte öffnen konnten", sagt David Hammond von der University of Waterloo. Der Public-Health-Experte begleitet die Legalisierung von Anfang an mit einer großangelegten Studie. "Am Anfang gab es vor allem viele überzogene Erwartungen und eine Goldgräberstimmung in der Industrie", so Hammond. "Aber wir hatten hier einen seit Jahrzehnten etablierten Schwarzmarkt. Und jetzt - nach drei Jahren - sind wir an dem Punkt, an dem die Mehrheit der Cannabis-Konsumenten den legalen Markt wahrnehmen und auch nutzen. So etwas dauert."

Inzwischen, so sagen Hammonds Befragungen, decken die staatlichen Cannabis-Shops etwa die Hälfte des Marktes ab. In Quebec etwa hat die SQDC im vergangenen Jahr 90 Tonnen in ihren inzwischen 78 Shops verkauft. 

Ungeduld bei Cannabis-Produzenten

Für viele ist das alles viel zu langsam. Ungeduld macht sich vor allem bei den Cannabis-Züchtern breit: Sie hatten das große Geschäft gesehen, stattdessen müssen viele kämpfen. Inzwischen drängeln sich 600 Firmen auf dem Markt, der bei weitem nicht so groß ist, wie viele dachten.

Peter Schissler ist von Anfang an im Geschäft. Schon 2013 begann seine Firma Great White North, in Kanada Cannabis für medizinische Zwecke anzubauen, 2019 kam dann die Lizenz, Cannabis für den "Freizeitmarkt" anzubauen, wie die Kanadier es nennen. Schissler wünscht sich vor allem mehr Möglichkeiten, sein Produkt zu bewerben. "Wir dürfen unsere Kunden nicht beraten, ihnen nicht sagen, welche Pflanze besser für sie ist - das ist ein enormes Hindernis für Unternehmen wie uns", sagt er.

Schissler führt seine Besucher gerne durch die futuristisch anmutenden Gewächshäuser seines Unternehmens. Die Hanf-Pflanzen wachsen auf meterhohen senkrechten Säulen, die sich drehen. So sollen sie gleichmäßig mit Licht und Feuchtigkeit versorgt werden. Grundsätzlich ist Schissler optimistisch. "Der Markt ist noch jung", sagt er. "Ich glaube, in zehn Jahren werden viele der Kinderkrankheiten überstanden sein." Schon jetzt habe die Regierung einige Regeln etwas zurückgenommen. Schissler verweist darauf, dass Kanadas Behörden inzwischen mit Cannabis versetzte Lebensmittel zugelassen hätten, was anfangs nicht möglich schien.

Cannabiszucht bei "Great White North" | Cristelle Richter, ARD-Studio New York

In den Gewächshäusern von Great White North wachsen die Hanf-Pflanzen auf meterhohen senkrechten Säulen, die sich drehen. Bild: Cristelle Richter, ARD-Studio New York

Nebeneinander von Schwarzmarkt und legalen Produkten

Das Problem für Schissler und andere Züchter: In Kanada existieren Schwarzmarkt und legale Produkte weiterhin nebeneinander. Und auf dem Schwarzmarkt bekommen die Kunden mehr Produkte als in den staatlichen Läden.

Bereits vor der Legalisierung war Kanada das Land mit den meisten Cannabis-Nutzern weltweit. Ein Viertel der Bevölkerung konsumiert Haschisch, Marihuana oder mit Cannabis versetzte Lebensmittel regelmäßig in der Freizeit oder aus medizinischen Gründen - 60 Prozent hatten schon mal Kontakt mit Cannabis-Produkten.

Bereits seit 2001 ist die medizinische Nutzung der Droge erlaubt. Dennoch war der Schritt zur vollständigen Legalisierung 2018 nicht unumstritten. Das Ziel der Legalisierung war, die große Masse der Konsumenten aus der Illegalität zu holen, ohne dabei komplett die Kontrolle zu verlieren. Auch deswegen dulden die Behörden weiter gewisse Schwarzmarkt-Strukturen, etwa in den Reservaten der indigenen Bevölkerung Kanadas. Die Hoffnung: Das staatlich reglementierte Produkt setzt sich auf lange Sicht durch.

Zahl der Konsumenten nicht gestiegen

Eine Strategie, die laut den Studien von David Hammond aufgehen kann. Allerdings brauche sie Zeit. Immerhin, sagt der Gesundheitsexperte, sei eines der Hauptziele erreicht worden: Die Zahl der Konsumenten habe sich nicht erhöht, vor allem nicht bei den Minderjährigen: "Wir haben eigentlich eine Win-Win Situation", so Hammond. "Der Staat kontrolliert nach und nach mehr Teile des Marktes und übernimmt den Schwarzmarkt, bekommt dadurch mehr Steuereinnahmen und gleichzeitig gibt es einen wirksamen Schutz der junger Leute."

Laut Hammonds Studien hat die Legalisierung nicht dazu geführt, dass Minderjährige mehr konsumieren oder ihre Einstellung zu Cannabis verändert haben. Gleichzeitig würden weniger junge Menschen wegen Cannabis-Vergehen straffällig. "Weniger Druck hat eine höhere Kontrolle gebracht, das ist eine der wichtigsten Lektionen", sagt Hammond. "Es ist nicht wirklich überraschend, dass immer mehr Staaten wie Deutschland über Legalisierung nachdenken."

Über dieses Thema berichtete das Erste am 22. Oktober 2021 um 13:00 Uhr im ARD-Mittagsmagazin.