Lastwagen fahren auf der britischen Autobahn M4 | dpa

Folge des Brexit Handel mit Briten verliert an Bedeutung

Stand: 15.09.2021 08:03 Uhr

Seit 70 Jahren gehört Großbritannien zu den zehn wichtigsten deutschen Handelspartnern. Das könnte sich 2021 ändern. Der Brexit verändert die Wirtschaftsbeziehungen beider Länder erheblich.

Von Till Bücker, tagesschau.de

Kaum noch deutsche Studierende an britischen Universitäten, strengere Einreiseregeln, leere Regale durch fehlende Lkw-Fahrer, hohe Zölle oder steigende Gebühren im Zahlungsverkehr: Es gibt wohl bessere Voraussetzungen für ein Jubiläum der deutsch-britischen Industrie- und Handelskammer (AHK), die heute ihr 50-jähriges Bestehen feiert. Denn die Folgen des Brexit bereiten immer mehr Sorgen.

Das Vereinigte Königreich verliert für Deutschland ökonomisch an Bedeutung. AHK-Chef Ulrich Hoppe warnte jüngst davor, die beiden Länder könnten "wirtschaftlich oder gesellschaftlich ein Stück weit auseinander driften". Neben der komplizierten Zollabfertigung könne auch der Austausch im Dienstleistungsverkehr schwieriger werden.

Großbritannien rutscht aus den Top Ten der Handelspartner

Die Daten des Statistischen Bundesamts spiegeln die schlechte Entwicklung wider: So könnte Großbritannien in diesem Jahr erstmals seit 1950 aus den Top Ten der wichtigsten deutschen Handelspartner rutschen. Demnach sank der Warenverkehr im ersten Halbjahr um 2,3 Prozent auf 48,3 Milliarden Euro. Damit liegt das Vereinigte Königreich in der Rangfolge nur noch auf Platz elf, direkt hinter Tschechien.

Besonders die deutschen Importe aus Großbritannien brachen von Januar bis Juni ein - um knapp elf Prozent auf rund 16 Milliarden Euro. Ins Gewicht fiel dabei vor allem die Verringerung der Einfuhren von Nahrungs- und Futtermitteln (minus 38,5 Prozent), Textilien (minus 53 Prozent) und Pharmaprodukten (minus 47 Prozent).

"Der Einbruch in der Rangliste der wichtigsten Handelspartner ist stärker der Import- als auf der Exportseite Deutschlands geschuldet", erklärt Rolf Langhammer, Handelsexperte beim Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW), im Gespräch mit tagesschau.de. Während das Vereinigte Königreich 2020 noch die Nummer fünf der deutschen Exportländer gewesen sei, sei es auf der Importseite bereits auf Platz elf zurückgefallen. Dieser Bedeutungsverlust setze sich nun fort. Andere Länder würden Großbritannien als Beschaffungsmarkt überholen.

Prof. Dr. Rolf J. Langhammer, Institut für Weltwirtschaft Kiel (IfW Kiel)  | IfW Kiel, Studio 23

Prof. Dr. Rolf J. Langhammer ist Handelsexperte am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). Bild: IfW Kiel, Studio 23

Papierkram und Kosten

Allein in den ersten beiden Monaten 2021 gingen die Lieferungen von der Insel um 39,6 Prozent zurück. Ein Grund für den freien Fall: die zahlreichen neuen Vorschriften. Für Unternehmen bedeutet das zwischen der EU und Großbritannien ausgehandelte Handels- und Kooperationsabkommen, das seit Anfang 2021 gilt, oft einen höheren bürokratischen Aufwand und stärkere Kontrollen.

"Etwa im Agrarhandel überprüft die EU die Übereinstimmung der britischen Produkte mit EU-Regeln zur Vermeidung von Pflanzenkrankheiten und zum Schutz von Konsumenten sehr genau", so Langhammer. Das sei viel Papierkram für britische Exporteure. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) geht derweil davon aus, dass auch deutsche Firmen in Zukunft etwa zehn Millionen Zollanmeldungen pro Jahr einreichen müssen. Geschätzter Kostenpunkt: 400 Millionen Euro.

Die wichtigsten Einfuhrgüter aus Großbritannien sind laut Langhammer Flugzeuge und Flugzeugteile, medizinische Artikel sowie Öl und Autos. "Seit dem Referendum haben sich viele deutsche Importeure nach anderen Bezugsquellen umgesehen", sagt der Experte. Dieser Prozess werde weitergehen. Dazu komme, dass sich aufgrund der nachhaltigen Transformation auch unabhängig vom Brexit die Importstruktur Deutschlands verändert. In Zukunft könne beispielsweise grüner Strom aus anderen europäischen Staaten die Ölimporte von der Insel ersetzen.

Unsicherheit sorgt für Probleme

2016, im Jahr des Brexit-Referendums, war Großbritannien hinter China, Frankreich, den USA und den Niederlanden noch der fünftwichtigste Handelspartner Deutschlands. "Sowohl export- als auch importseitig gingen die Anteile des Vereinigten Königreichs am gesamtdeutschen Handel seitdem um etwa 1,5 Prozentpunkte zurück", betont Lisandra Flach, Leiterin des ifo Zentrums für Außenwirtschaft, gegenüber tagesschau.de.

Eine wichtige Rolle habe dabei die Unsicherheit über die Zukunft der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Großbritannien und Deutschland gespielt. Vor allem Großunternehmen hätten die Auswirkung des Brexit weitgehend antizipiert und die Produktion teilweise schon vor der Übergangsphase angepasst, so die Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Die Wirtschaftsbeziehung zwischen Deutschland und UK ist sehr eng und das wird auch so bleiben. Allerdings werden wir die Folgen des Brexit lange spüren."

Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag befürchtet weiteren Schäden für die deutsch-britische Handelsbeziehungen. "Aus Sicht der deutschen Wirtschaft ist es besorgniserregend, dass das Austrittsabkommen seit dem vollzogenen Brexit durch Großbritannien immer wieder infrage gestellt und teils auch gebrochen wird", sagte kürzlich DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. "Die britischen Pläne zum Abweichen von EU-Regeln und Standards etwa im Datenschutz, bei Lebensmitteln oder in der Chemie erhöhen die Unsicherheit für deutsche Unternehmen im UK-Geschäft." Das betreffe insbesondere den Transport-, Automobil- und Chemiesektor.

Exporte sanken seit dem Referendum ebenfalls

Neben den Importen haben auch die Exporte in das Vereinigte Königreich in den vergangenen Jahren stetig abgenommen. Während deutsche Firmen 2015 noch Waren im Wert von 89 Milliarden Euro auf die Insel verschifften, waren es 2020 noch knapp 67 Milliarden Euro. Vor allem kleinere Firmen leiden unter dem zusätzlichen administrativen Aufwand. Daher ist es für viele derzeit wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll, den britischen Markt zu bedienen.

Und dann sind da noch die hohen Zölle auf Importe aus der EU: Der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft UHY Hacker Young zufolge haben britische Unternehmen und Verbraucher zwischen Januar und Juli rund 2,2 Milliarden Pfund (2,58 Milliarden Euro) an Zollgebühren bezahlt - ein Anstieg von 42 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die höheren Kosten bedeuten eine weitere Belastung der britischen Wirtschaft, die bereits die Folgen der Corona-Krise zu bewältigen hat. Von Oktober an drohen zudem ein neues Importverbot für verschiedene Lebensmittel wie gekühltes Hackfleisch.

Ist der Abschied aus den Top Ten der Handelspartner also tatsächlich nur der Anfang vom Ende der wirtschaftlichen Beziehungen? Laut der AHK nicht. Denn auch wenn der bilaterale Handel zuletzt zurückgegangen ist, bleibe Großbritannien mit etwa 67 Millionen Menschen ein wichtiger Markt, sagte AHK-Chef Hoppe. Gerade deutsche Unternehmen hätten weiter gute Chancen. "Die Briten kaufen gerne das, was wir Deutschen produzieren. Deutsche Produkte haben ein sehr hohes Image hier in puncto Qualität und Zuverlässigkeit. Das wird sich ja nicht ändern."

Auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit?

Die neuesten Exportzahlen sind ein Hoffnungsschimmer. So kletterten die deutschen Ausfuhren nach Großbritannien im ersten Halbjahr, wenn auch nur leicht, um 2,6 Prozent auf rund 32,2 Milliarden Euro. Im Juli wuchsen sie gegenüber dem Vorjahresmonat um 7,2 Prozent auf 5,9 Milliarden Euro.

IfW-Experte Langhammer bremst allerdings die Euphorie: "Ich bin skeptisch, ob wir da von einer Trendumkehr sprechen können." Zum einen sei das erste Halbjahr 2020 coronabedingt extrem schwach ausgefallen. Zum anderen sei die Wirtschaftsdynamik allgemein auf der Insel nicht wirklich toll, was den Einkommenseffekt beeinflusse. Auch der Preiseffekt durch den Wechselkurs spiele eine Rolle.

Nicht nur aufgrund des weiterhin relevanten Handelsvolumens ist sich der Ökonom aber sicher: "Das Vereinigte Königreich wird ein bedeutender Handelspartner bleiben. Auch wird es vielleicht möglich sein, gemeinsame Allianzen gegenüber Ländern wie China zu schmieden." Insgesamt werde Großbritannien voraussichtlich unter den 15 wichtigsten Partnern verweilen. Die Beziehung hänge aber stark davon ab, ob der wirtschaftliche Einbruch durch den Brexit vorübergehend bleibt.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 15. September 2021 um 22:15 Uhr.